gekommen, bemerkte der Graf den jungen Torfeld, der bescheiden seitwärts stand. Er wollte ihn eben freundlich begrüssen, als er daran durch den Arzt verhindert wurde, der sich vordrängte und in doppelter Hinsicht das Erstaunen des Grafen erregte. Er hatte es nicht erwartet, dass sich der Doktor Lindbrecht von seiner Braut trennen und an dem Kriege gegen Frankreich teil nehmen würde; desshalb setzte es ihn in Erstaunen, ihn in der Gesellschaft seines Vetters zu erblicken, aber mehr noch, als sein erscheinen selbst, erregte die Art, wie er auftrat, die allgemeine Verwunderung. Der Krieg, die Gefahren der Schlachten hatten einen ganz neuen Menschen aus dem arzt gemacht. Er hatte es angemessen gefunden, den feinen Weltton, in dessen Besitze er zu sein vermeinte, mit den freieren Sitten des Soldaten zu verbinden, wie er sich überhaupt ein kriegerisches Ansehen zu geben gesucht hatte. Ein ansehnliches Schwert hatte er um seine Hüften gegürtet, einen Stutzbart hatte er sich wachsen lassen; sein von der Luft gebräuntes Gesicht trug er mit einer ihm sonst fremden Dreistigkeit emporgerichtet, und diess alles machte einen so überraschend komischen Eindruck, dass selbst der Graf, wie ernst er auch in der letzten Zeit immer gestimmt war, sich des Lächelns nicht erwehren konnte. Dabei erhob der Arzt seine stimme jetzt mehr, als früher, wodurch sie oft in ein unangenehmes Kreischen überging; er trat fester auf als ehedem und hatte es nicht ungern, wenn Schwert und Sporen bei jeder Bewegung klirrten.
Es waren endlich viele eilige fragen von allen Seiten beantwortet worden. Der Graf hatte erfahren, dass sein Vetter ganz in seiner Nähe ein kleines Gefecht mit einem französischen Haufen bestanden hatte, der ihm seitwärts in den Schluchten, die die Berge bildeten, entkommen war, dass er sich während dieses Gefechtes von Torfeld getrennt gefunden, aber bald durch schnell aufeinander folgende Schüsse wieder auf seine Spur geführt worden sei, und eben, als er hinzugekommen, habe sich ein hitziges Gefecht siegreich für seinen jungen Freund geendigt, der das Leben eines französischen Generals dabei gerettet, den eben Werteim in der Wut des Kampfes habe niederhauen wollen. Der General, der in Folge starken Blutverlustes beinah ohnmächtig gewesen sei, habe sich ihm hierauf ergeben, und, schloss der Graf Robert seinen Bericht, nachdem die kunstfertige Hand unsers heldenmütigen Arztes seine Wunden verbunden hatte, schafften wir einen Wagen und brachten unseren Gefangenen hieher unter Ihr gastliches Dach, weil wir um so mehr eine freundliche Aufnahme für ihn hofften, da wir Ihnen in seiner person einen alten Freund zu führen.
Wer ist es? fragte der Graf, von Neuem in Verwunderung gesetzt.
Wer wird es sein, rief der Arzt, sich mit der Antwort vordrängend, als der unbescheidene Mann, der mit seiner lustigen Begleiterin damals das ganze Schloss Hohental in Besitz nahm, der mir geradezu in's Gesicht lachte wegen meiner französischen Aussprache. Ei! er dachte damals nicht, dass ihm mein Anblick noch einmal so tröstlich sein würde.
Wie, Clairmont! rief der Graf. Derselbe, erwiderte sein Vetter. Da ihn der Arzt erkannte und wir die Absicht hatten, Sie, bester Oheim, auf diese Nacht zu besuchen, so brachten wir ihn hieher, wo er hoffen darf, allen Beistand zu finden, den er bedarf.
Der Graf wollte seinen Freund sogleich besuchen; da man ihm aber mitteilte, dass der General diesen Abend allein zu bleiben wünsche, um sich zu erholen, so fügte er sich in den Willen seines Freundes und überliess es Dübois, für dessen Bequemlichkeit zu sorgen. Doch befolgte er den Wink des Arztes und schickte nach einem geschickten Wundarzte, denn der Doktor Lindbrecht erklärte, dass er morgen mit den Truppen weiter rücken würde und also für den General nichts weiter tun könne, als am nächsten Morgen den Verband erneuern, denn seine Pflicht rufe ihn hinweg.
Die durch vielfache Ueberraschungen erregte unruhige Bewegung der Gemüter hatte sich gelegt. Die Freunde freuten sich ruhiger des kurzen Beisammenseins, und auch die Frauen nahmen teil an den Gesprächen. Man erfuhr nun, dass der Graf Robert auf dem Marsche begriffen sei, um mit einer Abteilung preussischer Truppen sich zu vereinigen, dass er hoch erfreut gewesen, als er erfahren, dass die ihm anbefohlne Richtung nah bei des Grafen Wohnsitz vorbeiführe, dass er seine Einrichtungen so getroffen, dass er einige Stunden früher hätte eintreffen können, wenn das Gefecht nicht einen Aufentalt verursacht hätte.
Die Gesellschaft sass endlich ruhig um den Kamin und Torfeld hatte sich des schönen Kindes bemächtigt, dessen Aehnlichkeit mit Evremont, den er aufrichtig liebte, ihn innig bewegte; doch hielt ihn seine Bescheidenheit zurück, nach dem Freunde zu fragen, der ihm auf Schloss Hohental so viel Wohlwollen bewiesen hatte. Aus seinen Armen nahm der Graf Robert den kleinen Adalbert, und indem er ihn herzlich küsste, pries er laut seine auffallende Schönheit, worüber die Mutter aus innerer Freude sanft errötete. Der Kleine hatte nicht die gewöhnliche Blödigkeit der Kinder; er wuchs unter Erwachsenen auf und war es gewohnt, fremde Gesichter zu sehen. Als aber auch der Arzt ihn an sich riss und ihn mit halb geschlossenen Augen anblinzte, dann einen heftigen Kuss auf seine Wange drückte, wobei der scharfe Bart ihn unsanft berührte, da verzog sich der liebliche Mund des Knaben zum Weinen und er streckte die kleinen arme hülfe suchend nach der Mutter aus.
Der Graf konnte seine wehmütigen Gefühle nicht beherrschen; er dachte mit Schmerzen an Evremont, als er dessen Sohn von allen Freunden geliebkoset