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. Für jetzt bin ich allein, lautete die ungeduldige Antwort, und ich begehre nichts von Euch, als dass Ihr mir aus Menschenliebe gegen gute Bezahlung einen Boten verschafft, der mich und meine Begleiter, die wenige Schritte von mir sind, nach dem Wohnorte des Grafen Hohental führt.

Alle Zweifel waren bei dem würdigen Haushofmeister verschwunden. Mit freudiger Eile wollte er selbst den schweren eisernen Riegel zurückschieben, doch seine schwachen zitternden hände verursachten nur eine unnütze Verzögerung, da drängte der starke Bediente ihn hinweg und schob mit unbedeutender Anstrengung das Eisen zurück, worauf sich das Tor öffnete und der Aussenstehende das silberweisse Haupt des Greises erblickte. Dübois, werter alter Freund, rief er in freudiger Ueberraschung, indem er den Haushofmeister mit solcher Gewalt in seine arme schloss, dass der entkräftete Alte nur mühsam die Worte an seiner Brust keuchte: Bester Herr Doktor, gewiss ich bin entzückt, aber Sie werden mich erstikken. Erschrocken liess der Arzt, denn es war Niemand anders als der würdige Doktor Lindbrecht, den Greis plötzlich aus seinen Armen los, der in Folge dieser unerwarteten Befreiung beinah zu Boden getaumelt wäre, und streckte ihm die Hand entgegen. Dübois senkte seine schmale Hand in die kräftige des Arztes und empfand einen Druck der Freundschaft, der ihm Tränen des Schmerzes aus den Augen presste. Doch überwund der höfliche Franzose diess neue Ungemach und erwiderte das Zeichen der Liebe so stark er es vermochte.

Ist diess der Wohnsitz des Grafen? fragte endlich der Arzt, nachdem er sich von seiner freudigen Ueberraschung erholt hatte. Gewiss, erwiderte Dübois, und den Herrn Grafen wird Ihre unvermutete Ankunft höchlich erfreuen. Ich komme nicht allein, versetzte der Arzt mit listigem Lächeln; ich komme mit Freunden und auch mit Feinden, und sehen Sie, alter Freund, da sind sie schon. Ich war nur voran geeilt, weil ich hier Licht erblickte, wollte die nötigen Erkundigungen einziehen und fand mich unvermutet im Hafen. Mit einem kräftigen Schlage auf die Schulter verliess er den Alten und eilte den Ankommenden entgegen. Obgleich Dübois den Sinn der Rede des Arztes nicht verstanden hatte, so war er doch überzeugt, dass keine Gefahr zu besorgen sei, und erwartete also im offenen Tore neugierig die Ankommenden, denen der Arzt schon von fern entgegen rief: Nur hieher, hier ist das Land der Verheissung, hier ist der Wohnort des Grafen. Eine dunkle Masse näherte sich und Dübois vernahm deutlich das Klirren der Schwerter, und seine Besorgnisse erwachten von Neuem. Endlich konnte man die Ankommenden unterscheiden. Ein junger Mann schwang sich vom Pferde und Dübois, der von einer freudigen Ueberraschung zur andern überging, fand sich in den Armen Gustav Torfelds, den er in dem jungen Krieger erkennen musste. Auch der Graf Robert drückte die Hand des vor Freude weinenden Alten, der endlich, nachdem er sich ein wenig erholt hatte, Alle einzutreten bat und dem Grafen die Freude zu gewähren, einen teuern Verwandten zu umarmen und werte Freunde zu begrüssen.

Noch einen Augenblick gewartet, rief der Arzt, dort kommt unser Gefangener. Haben Sie einen französischen Gefangenen in Ihrem Gefolge, fragte Dübois mit Teilnahme. Freilich, freilich, sagte der Arzt, wir kommen nicht mit leeren Händen, und, fuhr er fort, indem er die kleinen Augen halb zudrückte und den Greis listig lächelnd anblinzelte, strengen Sie einmal Ihren Scharfsinn an, und erraten Sie, Wen wir bringen. Dübois dachte flüchtig an Evremont, aber überzeugte sich sogleich, dass diess unmöglich sei, und sagte daher seufzend: Wie kann ich wissen, wer von den Franzosen in Ihre hände geraten ist. Wer anders, antwortete der Arzt, als der General, der sich damals auf Schloss Hohental so viele ungebührlichen Freiheiten herausnahm, bis es sich ergab, dass er ein alter Freund des Grafen war. Wie, der General Clairmont? rief Dübois erstaunt. Derselbe, sagte der Arzt, und hier ist der junge Held, der ihn gefangen genommen hat und dem er sein Leben verdankt. Durch einen Schlag auf Torfelds Schulter bezeichnete er diesen als den Gegenstand seines Lobes.

Während dieses kurzen Gesprächs hatte sich ein Wagen unter der Bedeckung von einigen Kriegern genähert, der in den Hof fuhr. Mühsam stieg der General Clairmont ab, wobei ihn der Graf Robert und Torfeld unterstützten. In Folge eines starken Blutverlustes war er sehr bleich und ermattet; den Arm trug er in der Binde. Er erkannte Dübois sogleich und bat ihn, ihm ein ruhiges Zimmer anzuweisen, wo er sich erholen könne, und den Grafen zu bitten, ihn erst morgen sprechen zu wollen, weil er sich heute zu entkräftet fühle. Dübois eilte mit gewohnter Guterzigkeit diese Wünsche zu erfüllen, und der Graf Robert sendete die militairische Bedeckung nach dem dorf zurück, wo seinen übrigen Truppen die Nachtquartiere angewiesen waren, und Alle setzten sich in Bewegung, um den Grafen freudig zu begrüssen.

Das verworrene Getöse im hof, das sich nun auch im haus verbreitete, begann die Familie des Grafen zu beunruhigen. Der Graf hatte einige Male die Klingel gezogen, um von den Bedienten Auskunft zu erhalten. Da aber die Neugierde alle um die Ankommenden versammelt hatte, so erschien Niemand auf den Ruf der Glocke, und als nun auch im Vorzimmer ein lautes Geräusch von Eintretenden und klirrenden Sporen entstand, eilte der Graf mit einiger Bestürzung auf die tür zu, indem sie sich eben öffnete und der Graf Robert mit inniger Freude seinen Oheim zu umarmen eilte. Kaum von seiner angenehmen Ueberraschung etwas zu sich selbst