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Verwunderung erwehren, dass ein Mann, der in seiner nächsten Umgebung, in seinen Wohnzimmern so wenig das Bedürfniss der Ordnung empfand, eine so musterhafte in alle Geschäfte brachte. Denn wie in dem Wohnzimmer des Pfarrers, so war ihm hier wieder, als er das Archiv betrat, das der Geistliche nur wenige Tage bewohnt hatte, höchst widrig aufgefallen, wie der Tabacksrauch in Wolken im Zimmer schwebte, die Pfeifen zwischen Papieren auf dem Tische lagen und die ausgebrannte Asche derselben auf dem Boden, Kleidungsstücke auf allen Stühlen, und von frühem Morgen her die Gerätschaften zum Kaffee nachbarlich vereinigt mit Tellern, die noch die Ueberreste von kaltem Braten entielten, den sich der Geistliche hatte kommen lassen. Dagegen aber waren alle Pergamente sowohl, als die Schränke, worin sie aufbewahrt wurden, von Staub gesäubert; was unordentlich seit Menschenaltern durch einander gelegen hatte, war in bestimmten Fächern geordnet, und es war dem Pfarrer nicht zu beschwerlich gewesen, jeden Morgen um fünf Uhr aufzustehen und ununterbrochen den ganzen Tag zu arbeiten, um diess Geschäft zu beendigen.

So gewann denn der Graf die überzeugung, dass von dem Pfarrer, der in seiner Umgebung weder der Ordnung, noch weniger der Zierlichkeit zu bedürfen schien, und dem so wenig darauf ankam, ob er in der Gesellschaft liebenswürdig erschien, doch ein Jeder, der reelle Dienste nötig habe, die die höchste Tätigkeit und angestrengteste Arbeit erforderten, diese gewiss nicht vergeblich hoffen würde. Er nahm sich also vor, dessen schroffes Betragen künftig milder zu beurteilen und keinen Anstoss mehr an der wunderlichen Unordnung in seinem haus zu nehmen.

Der Pfarrer erbat sich die erlaubnis, den gefundenen Anfang der Abschriften mit sich zu nehmen, und versprach dem Grafen, ihm den Erfolg seiner Untersuchung sogleich mitzuteilen, sobald er den alten Lorenz gesprochen hätte. Man trennte sich freundlich, und der Pfarrer ritt nach haus, um zunächst an seine Predigt zu denken, die er den Sonntag halten musste. Als er damit fertig war, schrieb er dem ehemaligen Kastellan des Schlosses in Erwiederung seines Gesuchs um einen Geldvorschuss, welches er früher mit Stillschweigen zu übergehen gesonnen war, und lud ihn ein, persönlich zu ihm zu kommen, um über dies Geschäft mit ihm zu reden. Er stellte seine Worte mit Klugheit so, dass sie ihn zu nichts verpflichteten, aber doch dem alten Lorenz alle Hoffnung gaben, das gewünschte Darlehn zu erhalten, und er erwartete also mit Recht, diesen mit Nächstem bei sich zu sehen.

Er hatte sich nicht getäuscht in seinen Vermutungen, denn kaum waren drei Tage verflossen, so hielt vor dem Eingange zu des Pfarrers wohnung eine Equipage, die keinen vornehmen Besuch ankündigte. Ein Mittelding zwischen Karren und Kalesche, dessen mit Oelfarbe angestrichener Kasten schief in sehr beschädigten Riemen hing, und dessen Türen in Ermangelung der Schlösser mit Schnüren gebunden waren, hatte ein mageres, auf allen Füssen steifes und lahmes Pferd mühsam durch die Strasse des Dorfes gezogen, und dadurch dem darin sitzenden alten mann vollkommen Zeit gewährt, mit heuchlerischer Freundlichkeit auf beiden Seiten alte Bekannte zu begrüssen, die die Köpfe verwundert aus den kleinen Fenstern steckten.

Der alte Lorenzdenn Niemand anders, als er war der Reisendeöffnete eine tür seines Wagens, indem er die befestigenden Schnüre losknüpfte, stieg langsam aus und trocknete mit einem bunten Schnupftuche die Tränen aus seinen roten, immer triefenden Augen, klopfte den Staub, so gut es gehen wollte, von dem blauen, mit metallenen Knöpfen versehenen Rocke und entblösste sein halb kahles, mit wenigen weissen Haaren bedecktes Haupt schon, ehe er die Pforte öffnete, die zu des Pfarrers wohnung führte, wozu ihm dieser vollkommen Zeit liess, indem er, ruhig am Fenster stehend, mit der Pfeife im mund, alle Vorbereitungen betrachtete, die der alte Mann machte, um anständig vor ihm zu erscheinen. Nicht immer war Herr Lorenz so höflich gewesen, alle Bauern zu grüssen oder so besorgt, mit gehörigem Anstande vor dem Pfarrer zu erscheinen. Er hatte viele Jahre das Schloss beinah allein bewohnt, ein gutes Gehalt bezogen, sich des Kellers, der Gärten, der Fischerei und der Wildbahn ohne Umstände bedient, stillschweigend unter diesen Bedingungen sich verheiratet und, nachdem er Wittwer geworden war, zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, nachlässig genug erzogen. Er liess den Sohn die Rechte studiren, und man hatte ihn, seitdem er die Universität bezogen, in der Gegend seines Geburtsortes nicht mehr gesehen. Die Tochter verliess den Vater, vorgeblich, um als Kammerjungfer zu dienen, seitdem der Graf schon aus der Ferne den alten Lorenz beschränkte, indem er andern, zuverlässigern Personen die Verwaltung der Guts-Einkünfte übertrug, und Herr Lorenz konnte nun weder für sich selbst seinen Tisch nach gewohnter Weise auf Kosten des Grafen ferner besetzen, noch seine zahllosen Freunde mehr so gastfrei bewirten. Da ihm Gesellschaft und Genüsse mancher Art zum Bedürfniss geworden waren, so suchte er auswärts, was er sich im schloss nicht mehr verschaffen konnte; fing an die Schenken zu besuchen, begnügte sich mit gemeineren Getränken und wurde in demselben Grade mit den Bauern vertrauter, als sich seine vormalige Gesellschaft von ihm zurückzog. natürlich war nun sein Gehalt nicht hinreichend, seine Ausgaben zu bestreiten; so verwickelte er sich in Schulden und fing an, als diese ihn nach und nach bedrängten, erst seine entbehrlichen Besitztümer, und nach und nach alle zu verkaufen, so dass er eigentlich sich schon in grosser Armut befand, als der Graf ihn aus seinen Diensten entliess.