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; aber öfter noch sprach sie dem Kleinen vor, wie schön Alles umher sein würde, wenn der Vater erst zurück käme, und der Kleine lallte lächelnd, an ihren Busen gelehnt, den Namen Vater und erfüllte das Herz der Mutter mit wehmütigem Entzücken.

Die schwesterliche Freundin der Gräfin, die zärtliche Adele, war mit ihr vereinigt geblieben, und sie war die einzige, die standhaft an Evremonts Erhaltung glaubte und durch die Zuversicht, mit der sie seine Rückkunft erwartete, oft dazu beitrug, den Mut der Andern wieder zu beleben, wenn er ganz ersterben wollte.

So war ein trüber Winter vergangen, und die Wendung, die die öffentlichen Angelegenheiten genommen hatten, lenkte wenigstens zuweilen die Gedanken des Grafen von seinem persönlichen Kummer ab. Preussens König rief die waffenfähige Jugend auf, sich um ihn zu versammeln, und wie ein elektrischer Schlag traf dasselbe Gefühl alle Herzen. Nun sollte wirkend in's Leben treten, was lange vorbereitet war und der Graf erfuhr, dass auch sein Vetter, der Graf Robert, die bewaffneten und wohlgeübten jungen Landleute seinem Könige zugeführt habe, und dass ihn seine Freunde, Werteim und Lehndorf, auf diesem rühmlichen zug begleiteten.

So eifrig die Deutschen sich gegen Napoleon zu vereinigen strebten, eben so grosse Tätigkeit entwikkelte aber auch er, und mit dem neuen Frühlinge strömte ein neues französisches Heer über den Rhein, und harte Kämpfe entflammten stets von Neuem den Mut der Krieger, und mit angstvoller Spannung erwarteten die Völker die Entscheidung ihres Geschicks.

X

Endlich war der entscheidende Schlag gefallen. Die grosse, blutige, folgenreiche Schlacht bei Leipzig war geschlagen. Die Franzosen mussten der von Vaterlandsliebe erregten Begeisterung weichen und wurden über den Rhein zurückgedrängt. Doch ehe sie diesen Strom erreichen konnten, musste Napoleon noch ein blutiges Gefecht bestehen, wo Tapferkeit mit Tapferkeit sich mass, und endlich sahen die deutschen Völker ihren Boden von fremden Bedrückern befreit, und im Taumel der Siegesfreude vergassen sie willig die schweren Opfer, die sie für diese Befreiung dargebracht hatten.

Seit dem letzten Kampfe bei Hanau fielen noch täglich kleine Gefechte vor mit versprengten französischen Truppen, die noch nicht über den Rhein zurück gekonnt hatten, und viele dieser kleinen Corps wurden von den Deutschen weit seitwärts gedrängt, und mussten oft mit einer überlegenen Macht kämpfen und zuweilen fast untergehen, ehe sie einen Punkt fanden, wo sie durch erkaufte Schiffer oder andere Mittel über den Rhein nach Frankreich zurück gelangen konnten. Auch in der Nähe des Landsitzes, wo der Graf Hohental mit seiner Familie lebte, hallten oft die Berge den Donner des Geschützes zurück, und als dieser endlich schwieg, hörte man doch noch täglich kleines Gewehrfeuer, oft ganz in der Nähe des friedlichen Wohnsitzes. Unter solchen Umständen fand es der Greis Dübois angemessen, alle Pforten und Tore wohl verschlossen zu halten, und es war sein strenger Befehl, Niemandem, der klopfen möchte, zu öffnen, ohne ihn vorher zu rufen, damit er erst vernehmen könne, ob Freund oder Feind Einlass begehre. In den ersten Tagen des Novembers war die Familie des Grafen wieder geängstigt worden, weil man gegen Abend ganz in der Nähe hatte schiessen hören, und Dübois hatte an diesem Tage seine Vorsicht verdoppelt. Die Dämmerung des Abends wich beinah der Dunkelheit der Nacht; ein leichter Nebel schwebte über dem Rhein und deckte die Häupter der gegenüber liegenden Berge. Die Familie des Grafen war in einem saal versammelt, dessen bis auf den Boden reichende Fenster nach dem Garten zu gingen. Die milde Luft lockte zuweilen ein Mitglied derselben hinaus auf eine kleine Terrasse, die längs den Fenstern hinlief, und wenn die tür zu diesem Zweck geöffnet wurde, strömte der Duft von Reseda und spät blühenden Blumen in den Saal, wo ein schwaches Kaminfeuer brannte. Der Anteil, den Alle an der Befreiung Deutschlands nahmen, erfüllte doch, wie lebhaft er auch sein mochte, nicht so ganz ihr Herz, dass nicht auch die Trauer über den abwesenden Sohn und Gatten, über dessen Schicksal ein düsteres Schweigen ruhte, Raum darin behalten hätte, und so wechselten gespräche über die nächsten Hoffnungen des Vaterlandes und über Evremont mit einander abwechselnd ab, und obgleich nichts vorgefallen war, was die sorge über sein Geschick hätte lindern können, so schlich doch die Hoffnung leise in jedes Herz; denn es ist ein im Gefühl ruhender Glaube, dass eine glückliche Begebenheit ein Unterpfand sei, durch das uns das Schicksal verbürge, dass sich nun Alles zu unserm Heile gestalten werde.

Diese friedlichen gespräche wurden plötzlich durch ein lautes klopfen an die äussere Pforte unterbrochen. Der Einlass Begehrende schien ungeduldig, denn er wiederholte nach kurzen Zwischenräumen lauter und heftiger die Schläge mit dem metallenen Klopfer an das Tor, so dass der Schall weit durch die Nacht tönte.

Dübois, in dem diese Zeichen der Ungeduld Besorgniss erregten, näherte sich in Begleitung des Gärtners und eines starken, breitschultrigen Bedienten dem Tore, und gab dem Gärtner den Auftrag zu fragen, Wer draussen sei und Einlass begehre, und er hoffte, dass dessen tiefe Bassstimme dem etwaigen Feinde achtung einflössen würde, indem er daraus schliessen werde, dass wehrhafte Männer vorhanden wären, die das Haus gegen eine geringe Anzahl zu verteidigen im stand wären. Um Gottes Willen macht doch auf, rief eine etwas kreischende stimme in Türinger Mundart von draussen, und gebt christlichen Menschen eine vernünftige Antwort. Ueberrascht horchte Dübois auf diese Töne; doch wollte er seinem Ohre nicht trauen und befahl dem Gärtner leise, noch ein Mal zu fragen, wie viel Personen Einlass begehrten