und sieh, ich bin hart gestraft für den versuchten Mord. Die letzten Worte sprach er schon mit schwindender, dahinsterbender stimme. Antonio! rief ich mit dem wahrsten Gefühl, ich vergebe Dir von ganzem Herzen. O! möchtest Du leben, dass ich Dich davon überzeugen könnte. Ein mattes Lächeln schwebte um den blassen Mund. Er versuchte es vergeblich die Hand zu mir zu erheben, ein dumpfes Röcheln tönte aus der schwer atmenden Brust, ein leichtes Zucken überflog das Gesicht, und das Dasein des Unglücklichen war geendigt. Als er gestorben war, liess ich den Leichnam aufheben, um ihn zu beerdigen, wobei der Priester, so weit es sich auf der Stelle tun liess, alle frommen Gebräuche beobachtete. Nachdem auch diese Pflicht erfüllt war, fragte ich den Geistlichen, ob ihm Lamberti nicht die Ursache vertraut hätte, wesshalb er und seine Brüder mir nach dem Leben getrachtet hätten, zu einer Zeit, wo sie mir die innigste Freundschaft bewiesen. Der gute Vater sagte mir, dass er alle näheren Erörterungen vermieden habe, um den Sterbenden noch mit dem Troste der Kirche stärken zu können, weil er es erkannt habe, dass das Leben des Sünders nur noch wenige Minuten währen konnte. Ich musste mich also beruhigen und werde es nun wahrscheinlich niemals erfahren, was Menschen, die mir so oft die zärtlichste Freundschaft schwuren, bestimmen konnte, so grausam und treulos gegen mich zu verfahren. Es ist gewiss, dass der Anblick eines Schlachtfeldes, wo der Tod eben so furchtbar gewütet hat, uns das Leben des Einzelnen nicht so bedeutend erscheinen lässt, und wir würden uns selbst als engherzig und kleinlich verachten müssen, wenn in solchen Augenblicken Beleidigungen, die wir erfahren haben, Verrat, der an uns geübt wurde, uns so wichtig erschiene, wie in friedlichen Stunden in unsern ruhigen Häusern; und so war es auch ohne Zweifel meine wahrste Empfindung, die die aufrichtigste Versöhnung mit dem sterbenden Lamberti aussprach, und doch fühle ich nun bestimmt, da ich ruhiger geworden bin und der Anblick seines Leidens mich nur noch in der Erinnerung bewegt, dass ich ihm mit dem besten Willen nicht Wort halten könnte und alles, was ich, lebte er noch, für ihn tun möchte, würde doch gewissermassen Heuchelei sein, denn das Zutrauen, die Liebe und achtung gegen ihn sind auf ewig in meiner Brust vernichtet, so dass auch die wahrste Reue sie nicht wieder in mir zu wecken vermöchte. Diese Betrachtungen sind niederschlagend, denn sie belehren mich, dass die edelsten Empfindungen eben so flüchtig durch unsere Brust ziehen, wie die engherzigen, selbstsüchtigen, und dass der Mensch einer grossmütigen Erhebung über alle seine Schwächen nur in einzelnen Augenblicken fähig ist.
Noch viele ähnliche Betrachtungen entielten Evremonts Briefe, die von einer ernsten Stimmung seiner Seele zeugten, und die Worte der Liebe, die er sonst voll freudiger Hoffnung aussprach, klangen diess Mal wehmütig, so dass dieses Schreiben nach der ersten Freude die Familie des Grafen in eine trübe Stimmung versetzte, die in demselben Masse zunahm, als sich die Zeit ausdehnte, in der sie ohne alle Nachricht blieben. Moskau war in Napoleons hände gefallen, ohne dass eine Sylbe von Evremont seine Freunde über sein ferneres Schicksal beruhigt hätte. Eine drükkende Schwüle lag auf allen Gemütern, während Napoleon in der alten Hauptstadt Russlands weilte. Endlich ward ein Rückzug angetreten, den so schauderhaftes Elend begleitete, dass die Herzen derer erbebten, die die unermesslichen Leiden in der Ferne vernahmen, durch die ein so grosses Heer vernichtet wurde.
Jetzt erfuhr die Gräfin, dass es noch neue Qualen für sie gab, deren furchtbaren Schmerz sie in ihrem leidenschweren Leben nicht kennen gelernt hatte. Sie wagte nicht zu hoffen, dass der schrecklichste Tod, der so viele Tausende dahin gerafft, ein ihr so teures Haupt verschont haben würde. Die Angst presste ihr Herz zusammen, und dennoch wagte sie nicht die Qual auszusprechen, die sie erlitt, denn es schien ihrer peinlich gereizten Phantasie, sie könne den Sohn dadurch tödten, wenn sie nur die Möglichkeit seines Todes ausspräche. Zuweilen zeigten ihn ihr fieberhafte Träume lebend, und ihre Seele bebte schaudernd vor dem Anblick zurück, den ihr solche Träume boten. Das bleiche, starre Antlitz des geliebten Sohnes blickte dann mit Todesschmerz auf die verzweifelnde Mutter, und die von dem Elend verwüstete Gestalt erschien ihr in einer schmählichen Erniedrigung, die dem Zustande des jungen Werteim und seines Freundes glich, wie ihn der Graf beschrieben hatte, als sie dem tod nahe von dem Grafen auf seinen heimischen Bergen gefunden wurden. Auch der Graf versank in düstre Schwermut. Alle Versuche, Nachrichten über Evremont einzuziehen, waren vergeblich gewesen, und die Furcht, dass das blühende Leben des geliebten Sohnes unter dem rauhen Himmel Russlands erloschen sei, wurde beinah Gewissheit in seiner Seele. Aber auch er schwieg über seinen Gram, er wollte nicht den letzten Funken der Hoffnung in dem Herzen seiner Gattin tödten. Doch oftmals verschleierten Tränen sein Auge, die er nicht unterdrücken konnte, wenn er den kleinen Adalbert, Evremonts Sohn, auf seinen Knieen hielt, und aus dem kleinen Gesicht das dunkle Auge des Vaters ihn sinnig anblickte, und rosenrote Lippen in Evremonts herzgewinnendem Lächeln die milchweissen Zähnchen entblössten.
So tief bekümmert Emilie auch war, so genoss sie dennoch das schöne Vorrecht der Jugend, lebendig zu hoffen in jedem Drangsal des Lebens. Oft zwar benetzte sie mit heissströmenden Tränen das liebliche Kind, das dann mit ihr zu weinen begann, ohne ihren Kummer begreifen zu können