hatte ermorden wollen, mit denen er mich wahrscheinlich in der überzeugung verlassen hatte, dass ich wirklich tot sei, als Ihre Menschenliebe, mein teurer Vater, den schwach glimmenden Funken des Lebens in meiner Brust bewahrte, wie Sie mich, nachdem Jene entflohen, im wald in Schlesien fanden. Wir starrten uns beide einige Augenblicke schweigend an. Endlich fasste ich mich und sagte ihm: Wir haben uns vielleicht über die Vergangenheit gegen einander zu erklären, doch ist dazu jetzt nicht der Augenblick; Sie sind mir zugeordnet und wir bekämpfen heute in Eintracht den gemeinschaftlichen Feind. Er beugte sich ohne weitere Antwort und vernahm eben so stumm meine Befehle, die ich kaum noch Zeit zu erteilen hatte, als unsere gemeinschaftlichen Regimenter zu einem neuen Angriff beordert wurden. Wir stürmten von Neuem auf die Feinde, und ich hatte gelegenheit zu bemerken, wie dieser Lamberti mit Löwenkühnheit allen Gefahren Trotz bot, und ich musste wenigstens den unbeugsamen Mut eines Menschen bewundern, den ich sonst alle Ursache hatte zu verabscheuen. Zuletzt in der Hitze des Gefechtes hatte ich ihn aus den Augen verloren und ich musste ihn für tot oder verwundet halten, und konnte, da der Kampf bis zum Abend fortwütete, nicht weiter an ihn denken. Endlich endigte die Nacht das mörderische Gefecht; die Russen zogen sich zurück und wir blieben Herren des blutigen Feldes. Nach einer kurzen Erholung, als kaum der Morgen dämmerte, führten mich Dienstgeschäfte nach der Gegend des Schlachtfeldes zurück. Meine entsetzten Augen suchten den grässlichen Anblick zu vermeiden, ich bog mit meinen Begleitern etwas seitwärts, wir wollten ein kleines Gebüsch umreiten, als ein Ton unser Ohr traf, der uns alle zugleich erbeben machte. Es war ein menschliches Geheul; aber wenn das Wehklagen der Verwundeten, die nicht alle zugleich versorgt werden konnten, schon herzzerreissend war, so drückte sich in diesem Tone eine so grässliche Verzweiflung aus, dass sich die Haare unseres Hauptes empor sträubten. Nach kurzem Besinnen näherten wir uns dem Orte, woher die Töne kamen, und fanden im Gebüsch Lamberti so grässlich verstümmelt, dass mein Herz erkranken würde, wenn ich es beschreiben wollte. Gott weiss, dass bei diesem entsetzlichen Anblick jedes andere Gefühl als das des Mitleids aus meiner Brust schwand. Ich näherte mich dem Unglücklichen, und wollte ihm Trost und hülfe bringen. Mit wahnsinniger Verzweiflung blickte er mir in die Augen und rief: Kommst Du Dich daran zu weiden, dass ich verdammt bin? Ja wisse es, schon Einer ist zum Abgrunde der ewigen Qual hinunter gefahren, zur Strafe, dass wir Dir Dein armseliges Leben rauben wollten. Mein Bruder starb ohne Vergebung der Sünden und ist ewig verloren, und auch ich muss so schrecklich büssen. Unglücklicher, ich vergebe Dir von ganzem Herzen, sagte ich auf's Heftigste bewegt. Mir hilft Deine Vergebung nicht, rief er in höchster Verzweiflung, Du hast kein Recht mir meine Sünden zu vergeben; ich habe nicht meine Missetat gebeichtet, mir fehlt die Absolution des Priesters. Meine Kraft strömt aus allen meinen Wunden, und der Trost der Kirche lindert nicht meine Qual. Ich atme das Leben aus und die Seele fährt zum Abgrunde hernieder!
Ich fühlte wohl, dass es vergeblich sein würde, ihm in seinen letzten Augenblicken andere Begriffe von der Gnade Gottes beibringen zu wollen, als die ihn durch sein ruchloses Leben begleitet hatten. Wie die meisten Italiener war er fest überzeugt, dass er ohne Vergebung der Sünden durch den Mund eines Priesters ewig verloren sei. Ich erinnerte mich, dass ich einen polnischen Geistlichen bemerkt hatte, der französisch redete und die fromme Pflicht ausübte, den Sterbenden Trost zuzusprechen. Ich bat den mit Verzweiflung Ringenden sein Gemüt zu beruhigen, weil ich mich bemühen wolle, ihm geistlichen Trost zu verschaffen, und liess einige meiner Begleiter bei ihm, denn sein Zustand war so schrecklich, dass ihn Niemand aufheben, ja dass man ihn kaum berühren konnte, und er muss eine ungewöhnliche Lebenskraft besessen haben, dass er nicht schon geendet hatte, ehe wir ihn fanden. Ich war glücklich genug den Geistlichen nicht sehr weit von dem Orte zu treffen, wo Lamberti lag, und ich führte ihn von einem toten hinweg, dessen letzte Augenblicke er erleichtert hatte, zu einem Sterbenden, dessen Seele schwarze Taten belasteten. Als Lamberti den Priester in meiner Gesellschaft erblickte, milderte sich der Ausdruck der Verzweiflung in seinen Zügen; der fromme Vater aber schauderte, als er den verstümmelten Krieger erblickte. Ich entfernte mich mit meinen Begleitern so weit, dass Lamberti, ohne von uns gehört zu werden, seine beichte ablegen konnte, die der Geistliche selbst abkürzte, denn es war deutlich, dass sein Ende nahe war. Ich sah aus der Ferne, wie er dem Sterbenden Absolution und Segen erteilte, worauf er sich dem Orte näherte, wo ich ihn erwartete. Tränen glänzten in den Augen des Geistlichen, als er mir sagte: Kommen Sie und sprechen Sie es jetzt aus, dass Sie dem Unglücklichen den beabsichtigten Mord vergeben, damit seine Seele in Frieden scheiden möge. Ich zögerte nicht und wurde von Wehmut überwältigt, als ich in den nun ruhigen Zügen des bleichen Gesichtes den Ausdruck wiedererkannte, der früher mein Herz zur Liebe bewegt hatte. Alle niederen Leidenschaften waren nun geschwunden. Vergib mir jetzt, Adolph, sagte er mit demselben weichen Tone der stimme, der früher mein Herz traf, und füge Deine Verzeihung der Vergebung der Sünden hinzu, womit Christi Stellvertreter mein Herz erleichtert hat. Du bist gesund und glücklich,