Schmerzen sich lindern und Hoffnung von Neuem uns tröstend entgegen lächeln kann, und wir müssen uns dann gestehen, wandelbar sind alle Gefühle der menschlichen Brust.
Diese Bemerkungen teilten sich einander die Glieder der Familie des Grafen mit, als der leidenschaftliche Schmerz der Trennung nach einigen Tagen schwieg und die Hoffnung leise tröstend in alle Herzen schlich.
Die Frauen beschäftigten sich fast ausschliessend mit dem kind, und es wurde auf die Nahrung, Kleidung und Gesundheit des Kleinen eine Sorgfalt gewendet, die er gar nicht zu schätzen verstand. Das erste Aufdämmern von Gedanken, von Besinnung erregte in seinen Angehörigen Entzücken. Der Graf lächelte über diess Treiben, und doch konnte man bemerken, dass er oft zu dem kind schlich und versuchte, ob es ihn noch nicht erkenne. Oft küsste er die dunkeln Augen und die rosigen Lippen dieses kleinen Abdrucks seines Vaters und eilte, die Rührung zu verbergen, die ihn zu bewältigen drohte. Dübois versicherte, dass der kleine Graf ihn schon verstände; diess sei auch natürlich, da er nur französisch mit ihm rede, und er zweifle gar nicht, dass diess auch die erste Sprache sein würde, die der junge Herr sprechen würde.
Noch hatte die Familie die grössten Leiden nicht erfahren, die der Schooss der dunkeln Zukunft für sie in sich hegte. Evremont erfüllte sein Wort. Er gab regelmässig Nachricht und man folgte ihm in Gedanken über den Niemen. Nach jedem bei dem weiteren Vordringen bestandenen Gefechte stiegen die innigsten Dankgebete zum Himmel empor, denn glücklich hatte der junge Held sie alle bestanden und nicht einmal eine leichte Verwundung erschwerte ihm die Mühseligkeiten des Kampfes. In dieser Abwechslung von Freude, die jeder Brief erregte, und von Angst, wenn man bedachte, was alles vorgefallen sein könnte, seit er geschrieben, war der Sommer entschwunden, und der Herbst, so reizend in der Gegend, wo der Graf lebte, erhöhte die Beschwerden dort, wo sein Sohn kämpfte, für eine Sache, der der Vater nach seinen Ansichten keinen glücklichen Fortgang wünschen durfte, und während doch auch der Gedanke an das Misslingen des überkühnen Unternehmens ihn des Sohnes wegen mit Furcht erfüllen musste. Es lastete also zwiefach drückend die sorge, welche Wendung wohl dieser Krieg nehmen werde, auf seiner Seele. Blieben die Franzosen auch in diesem Kampf Sieger, so war auf lange Zeit jede Hoffnung zur Befreiung Deutschlands verschwunden, und wurden sie dort im hohen Norden vernichtet, welch Schicksal teilte dann sein Sohn?
Diese Gedanken, die dem Grafen immer wiederkehrten und die selbst der Anblick des heiteren, schönen, sich schnell entwickelnden Kindes nicht zerstreuen konnte, raubten ihm die milde, gleichmässige Stimmung, die sonst in jedem Kummer ihn zur Stütze und zum Troste seiner Familie machte, und er war viel allein, um nicht durch seinen Trübsinn den Kummer der Andern zu erhöhen.
Jetzt erfuhr man durch die Zeitung, dass eine grosse, furchtbare Schlacht bei Borodino geschlagen war, worin sich die Franzosen Sieger nannten und in deren Folge Moskau in ihre hände fallen musste. Ein zwiefaches Entsetzen erregte diese Nachricht in dem Grafen. War dann auch Russland verloren? Und was war in dieser entsetzlichen Schlacht aus Evremont geworden? Denn von ihm trafen keine Nachrichten ein.
Aber noch ein Mal sollte der Balsam des Trostes die geängstigten Herzen erquicken. Ein Courier, der nach Paris eilte, ein Bekannter Evremonts, erfüllte sein dem Freunde gegebenes Versprechen. Er machte einen unbedeutenden Umweg und stieg einen Augenblick bei dem Grafen ab, um den bekümmerten Eltern ein Paket von der Hand des geliebten Sohnes zu übergeben und zu versichern, dass er ihn gesund verlassen habe, ob diess gleich beinah ein Wunder zu nennen sei, weil er sich rücksichtslos allen Gefahren des furchtbarsten Kampfes ausgesetzt habe.
In Evremonts Briefen war der Eindruck nicht zu verkennen, den die neuesten Ereignisse auf seine Seele gemacht hatten. Sie waren ernst, und kein Strahl der jugendlichen Heiterkeit leuchtete darin, womit er sonst von überstandenen Gefahren sprach. Nach der Erwähnung des Kampfes bei Borodino sagte er: Ich habe viele Schlachten mitgefochten und habe den Tod in den Reihen der Krieger wüten sehen, aber niemals bin ich Zeuge so entsetzlichen Blutvergiessens gewesen, und ob wir gleich Sieger sind, so glaube ich doch, dass, wenn wir noch öfter ähnliche Schlachten erleben sollten, selbst das grosse Genie des Kaisers nicht hinreichen würde, um Mittel aufzufinden, bei so grossen Opfern, wie solche Siege sie erfordern, nicht unterzugehen.
In mir, fuhr er fort, wurden während der Schlacht und nach dem Kampfe, ausser der Teilnahme an dem allgemeinen Leiden, noch Empfindungen erregt, die einen so tiefen Eindruck auf mein Gemüt gemacht haben, dass ich mich seitdem ernster fühle und dass es mir wenigstens jetzt noch scheint, als ob die Heiterkeit der Jugend dadurch auf immer in meiner Seele untergegangen sei. Der Kampf hatte schon einige Stunden gewährt, die feindlichen Kugeln streckten ganze Reihen nieder. Ein Regiment in der Nähe des meinigen war beinah vernichtet, als es den Befehl erhielt, sich mit meinen Truppen zu vereinigen und unter meiner Anführung weiter zu kämpfen. Der einzige übrig gebliebene Offizier führte mir den schwachen Rest seiner Mannschaft zu, und indem er sich mir näherte, um meine Befehle zu vernehmen, und ich, indem ich sie ihm geben wollte, ihn anblickte, erkannten wir uns beide und erblichen in demselben Augenblick, er vielleicht aus Schrecken, wie er mich erblickte, ich aus Abscheu und Entsetzen, denn es war Lamberti, der in Gemeinschaft mit seinen Brüdern mich