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er wie ein Glied der Familie betrachtet wurde. Es ist mein Recht, sagte er, indem er die Wärterin wegdrängte; es ist der vierte Graf Evremont, dem ich dienen werde, und der dritte, den ich in meinen Armen halte. Er entfernte sich etwas mit dem kind, indem er Segen und Gebete über dasselbe sprach, und überliess es nur dann erst der Wärterin, als die immer stärker sich erhebenden Klagetöne desselben ihm die notwendigkeit weiblichen Beistandes bewiesen. Indess war eine Frau zur Gräfin getreten, die, indem sie den Schleier zurückschlug, in Tränen lächelnd sagte: Seid Ihr denn im Glücke so selbstsüchtig geworden, dass Ihr ausser Euch Niemanden bemerkt? Adele! rief die Gräfin und presste die schwesterliche Freundin an ihre Brust.

Als der erste Sturm des Entzückens vorüber war, heftete die Gräfin einen ängstlichen blick auf Emilie, indem sie halb leise fragte: Und Adolph? Er kommt, jauchzte Emilie. Morgen zieht sein Regiment durch diese Gegend, morgen wird er hier sein!

Der Taumel der Freude legte sich endlich, und als man einige Stunden beisammen gewesen war, hatte man sich so weit verständigt, dass die Eltern nun wussten, das Regiment des Sohnes sei ebenfalls in Bewegung nach Russland, er habe Emilien die Bitte abgeschlagen, ihm in diese unwirtbaren Länder zu folgen, und bestimmt, dass sie den Ausgang des Kampfes bei seinen Eltern erwarten solle, und auch ihre liebevolle Tante habe sich an sie zu diesem Zwecke angeschlossen, weil sie hoffte, das Leid der neuen Trennung und die damit verknüpften Sorgen leichter mit den Freunden vereinigt zu ertragen.

Ein leichter Schatten trübte den hellen Glanz der Gegenwart bei dem Gedanken, dass Evremont dazu bestimmt war, an einem Kampf Anteil zu nehmen, den man sich nicht anders als höchst gefahrvoll denken konnte. Indess die Gegenwart war zu schön, und sie trug mit ihrem Glück und ihrer Freude den Sieg davon über die bangen Sorgen für die Zukunft, die sich eindrängen wollten.

Der nächste Tag erschien und mit ihm, um das Maass des Glücks zu füllen, Evremont. Wie ganz anders leuchtete dem Grafen der Frühling nun entgegen, dessen Pracht er am vorigen Morgen kaum beachtet hatte, als er am arme des geliebten Sohnes unter seinen Blütenbäumen wandelte. Mit väterlichem Stolz bemerkte er die Veränderung, die mit Evremont seit ihrer letzten Trennung vorgegangen war. Sein Körper hatte sich männlicher ausgebildet, die stimme tönte etwas tiefer aus der schön gewölbten Brust, die Augen waren befehlender geworden, die Wangen gebräunter und etwas magerer, indess alle Anmut der Jugend und die liebevollste Zärtlichkeit um den edel geformten Mund schwebte, dessen rote Lippen im herzgewinnenden Lächeln die schönsten Zähne entblössten.

Zwei kurze Tage des Glücks waren den Freunden gegönnt. Nie hatte der Graf seine leidenschaftliche Zärtlichkeit für Evremont so ohne Rückhalt gezeigt, als in diesen beiden Tagen, und es war ein rührender Anblick, wie innig der junge Krieger die Liebe erwiderte und mit kindlicher Unterwürfigkeit vereinigte. Endlich führte der Morgen des dritten Tages den Schmerz der Trennung herbei. Der Graf, der sonst immer zur Fassung ermahnt hatte, war diess Mal ohne Fassung. Er führte den Sohn in den Garten hinaus, und dort mit ihm allein, drückte er ihn lange und schmerzlich an die Brust. Mein Sohn, sagte er endlich mit vor Angst unterdrückter stimme, mein teurer Sohn, ich fürchte, wir sehen uns nicht wieder.

Mein Vater, rief der Sohn erschreckt, Gort wird Sie uns erhalten; Ihr Alter ist noch nicht so weit vorgerückt, Sie sind gesund. O! um Gottes Willen, erwekken Sie mir solche Angst nicht; Sie sind ein Segen ihrer Umgebung, und der Himmel wird Sie zum Wohle der Menschen erhalten.

Der Graf widersprach ihm nicht. Er wollte ihm nicht sagen, dass er an seinen Tod nicht gedacht hatte und dass ihn diese Vorstellung auch nicht mit solcher Angst erfüllen würde. Er lehnte schweigend die Stirn an des Sohnes Heldenbrust und überliess sich ohne Rückhalt seinem Schmerz, der sich in heissen Tränen ausströmte.

O mein Vater! sagte Evremont, indem er mit inniger Liebe den Grafen umschlang und sich dann vor ihm auf ein Knie senkte, geben Sie mir Ihren Segen auf den Pfad mit, den ich nun wandeln muss, denn ich fürchte, er wird rauh und dornenvoll sein. Der Graf legte seine Hand auf das Haupt des jungen Mannes, indess seine betenden Lippen und sein nach oben gerichteter blick den schönsten Segen des himmels für diess teure Haupt erflehten; dann küsste er mit langem Drucke Evremonts Stirn und riss den bis zu Tränen bewegten Krieger heftig empor. Lass uns wie Männer scheiden, sagte er dann entschlossen, und nicht mit unserm Jammer Deine Mutter tödten.

Als der Graf und Evremont zu der Familie zurückkehrten, wurde dem letzteren gemeldet, dass Alles zum Aufbruch bereit sei. Die schmerzliche Trennung war nicht mehr zu verschieben. Mit tiefbewegter Seele zog Evremont an der Spitze seines Regimentes hinweg, und in Tränen aufgelöst blieb seine trostlose Familie zurück.

Wie schwere, dunkle Wolken das Blau des himmels bedecken und die leuchtende Sonne verhüllen, so lastet der Schmerz auf der Seele des Menschen; aber wenn die dunkeln Wolken ihre wasser ergossen haben, wenn ein frischer Wind die Nebel zerstreut, dann freut sich die Erde von Neuem der goldnen Sonne und das reine Blau des himmels erglänzt von Neuem. In Tränen löst der Mensch seinen Schmerz auf, notwendige Tätigkeit zerstreut den Nebel des Kummers, und wir erstaunen oft selbst, dass unsere