mit rauher Hand sogleich wieder entreisst. Auch ich, setzte sie hinzu, betrachte mit Wehmut den Frühling, die erwachende natur. Wie vieles ist dahin, das nicht mehr erwachen wird, und ich läugne nicht, der Gedanke an meinen Bruder erfüllt meine Seele mit Schmerz. Wie oft habe ich in der Verhärtung meines Herzens gefürchtet, er möchte wiederkehren und sein Anblick würde mich verletzen – und der war schon Staub, dessen Dasein ich fürchtete. Ach! wie gering ist die Tugend des Menschen! Können wir doch immer nur wahrhaft vergeben, was uns nicht tief und wahrhaft verletzte; aber die ewig schmerzlich blutenden Wunden unseres Herzens verzeihen wir nicht! Der gemeine Rachsüchtige verfolgt seinen Beleidiger und strebt ihm wo möglich noch mehr Böses zuzufügen, als er durch ihn erlitten hat. Wir verzeihen mit dem mund, wir tun, wenn wir können, unsern Beleidigern Gutes und gefallen uns in der Grossmut unserer Gefühle, ohne wahrhaft zu vergeben; denn nie wird uns der, von dem wir uns tief verletzt fühlten, wieder das sein können, was er uns vor der Beleidigung war, und wir bereuen unsere Härte nur dann, wenn der Gegenstand derselben Staub ist.
Ich glaube, wir haben uns gegen diesen Bruder nichts vorzuwerfen, sagte der Graf mild tröstend. Wir haben ihm unsern Umgang versagt, den er unfehlbar zu nicht löblichen Zwecken würde missbraucht haben, und unsere Liebe, die doch der nur fordern kann, dessen Herz fähig ist, sie zu empfinden. Was mich aber heute besonders in trübes Sinnen versenkte, fuhr er fort, ist die Nachricht, die dieser Brief mir brachte, dass unser alter Freund, der Obrist Talheim, sein Leben in den Armen seiner Kinder sanft geendigt hat. Er reichte nach diesen Worten der Gräfin den Brief. Sie las mit inniger Teilnahme, wie sanft der Greis zu der letzten Ruhe in den Armen seiner Kinder entschlummert war, und wie er ihr und dem Grafen seinen väterlichen Segen kurz vor dem Hinscheiden gesendet habe, und wie er Beiden seine dankbare Liebe versichern liess, von der er die zuversichtliche Hoffnung ausgesprochen hatte, dass sie über das Grab hinüber reichen würde.
Möge unser Ende so sanft sein, sagte die Gräfin, indem sie, die Tränen trocknend, ihrem Gemahle das Blatt zurückreichte. Mögen wir einst, wie er, unser Leben in den Armen unserer Kinder beschliessen. Der Graf wendete sich ab, um sein kummervolles Gesicht zu verbergen. Beide Gatten schwiegen; Keiner wollte die Sorgen aussprechen, die sein Herz zernagten, denn Keiner wollte den Kummer in der Brust des Andern erwecken. Seit den letzten Nachrichten von Evremont waren abermals Monate verflossen. Mehrere Gefechte in Spanien waren vorgefallen, und kein Wort seiner Hand hatte die ängstlichen Eltern über sein Geschick beruhigt, und nun strömte die grosse französische Armee in furchtbaren massen über den Rhein, einem Feinde entgegen, den in seinem eigenen land zu bekämpfen, den Franzosen selbst noch vor Kurzem ein abenteuerlich vermessenes Unternehmen gedünkt haben würde; und alle die Tausende, die vorüber zogen, ahneten nicht, wie sehnsüchtige Blicke oftmals den langen Reihen folgten. Niemand brachte Kunde von dem geliebten Sohne.
Das trübe Sinnen der bekümmerten Eltern wurde auf einen Augenblick durch das Rasseln eines Reisewagens unterbrochen, der eilig vorüber flog und ihren Blicken bald entzogen wurde durch eine Beugung, die die Strasse hinter dem Garten des Grafen machte. Das vorige sorgenvolle Schweigen war wieder eingetreten, wurde aber bald von Neuem durch freudig rufende Stimmen unterbrochen. Der Graf und seine Gemahlin sahen zugleich auf und richteten den blick auf einen Baumgang, der zu dem Pavillon führte, in dem sich Beide befanden. Eine junge Frau flog mit leichten Schritten durch diesen Baumgang; der Wind spielte mit dem zurückgeworfenen Schleier, so dass das leichte Gewebe in den Lüften flatterte. In der Ferne zeigten sich noch andere Personen, die sich mit langsamen Schritten näherten. Ehe noch der Graf oder die Gräfin eine Vermutung über die Herbeieilende äusserten, lag diese schon mit schlagendem Herzen, mit glühenden Wangen und seligen Tränen in den Armen der Gräfin. Emilie! stammelte diese in der Ueberraschung des Entzückens und sank aus Freude entkräftet auf einen Sessel, als die junge Frau sich aus ihren Armen riss, um den Grafen mit demselben zärtlichen Ungestüm zu umschlingen. Indess hatten sich auch die übrigen Personen genähert und Emilie verliess schnell den Grafen, nahm aus den Armen der Wärterin ein schlafendes Kind und legte es in den Schooss der Gräfin, indess sie selbst vor ihr nieder kniete. Mit bebenden Händen erhob die Gräfin das schöne, wie ein schlummernder Engel ruhende Kind und drückte zärtlich leise ihre Lippen auf den rosigen Mund, auf des Knäbleins unschuldige Stirn, indess ihr unbewusst die heiligen Tropfen entzückender Rührung niedertauten. Der Graf entriss mit einer Bewegung ungestümer Liebe seiner Gemahlin das Kind, hob es in seinen Armen empor und überliess sich ohne Rückhalt dem Gefühle der höchsten Freude. Ach! wie so reich an seligen Genüssen dünkte in diesem Augenblick denen das Leben, die noch vor wenigen Minuten die dürftigen Freuden kurzer Stunden beklagten.
Das Kind war durch die heftigen Liebkosungen erwacht und erhob in nicht melodischen Tönen seine klagende stimme. Zwei Personen drängten sich hinzu, um es aus den Armen des Grafen zu empfangen, die Wärterin und der alte vor Freude zitternde Dübois. Dem letzteren gelang es, sich des Kindes zu bemächtigen, indem er zum ersten Male in seinem Leben alle Scheu und Ehrerbietung vor denen bei Seite setzte, die er seine herrschaft nannte und von denen