Trost haben, sein Grab mit ihren Tränen zu benetzen. Ich entschuldigte mein Verfahren, so gut ich vermochte, ohne ihr zu sagen, dass ich sie gerade von solchen Beweisen ihrer Zärtlichkeit hatte abhalten wollen, denn ich bin sehr überzeugt, dass der sogenannte Don Fernando mit diesem Namen gestorben ist, ohne dem Pfarrer in seiner letzten beichte das demütige Bekenntniss abzulegen, dass er der Sohn des alten Lorenz und der Bruder der Marketenderin sei, und der gutmutige, beschränkte alte Mann würde sich mit Gewissenszweifeln darüber gequält haben, dass er einem so verhärteten Sünder die vollständige Absolution gewährt hatte und ein christliches Begräbniss mit allem Prunke, den seine kleine Kirche bieten konnte, wenn er diesen Umstand erfahren hätte. Die Schwester des Verstorbenen nahm meine Entschuldigung kalt auf; der Unteroffizier, ihr Gatte, aber sagte lächelnd: Ich habe Sie, mein Obrist, niemals hart gefunden; im Gegenteil, Ihre Milde erkennt das ganze Regiment dankbar an; wenn Sie also diess Mal für nötig gefunden haben, eine Ausnahme zu machen und sich gegen meine Frau hart zu zeigen, so müssen Sie dazu wichtige Gründe haben, die uns weiter nichts angehen. So sehe ich die Sache an, und damit kann sich meine Frau ebenfalls beruhigen. Was aber die Erbschaft anbetrifft, fuhr er fort, indem er die Börse aus den Händen seiner Gattin nahm und sie wohlgefällig in seiner braunen Hand wiegte, so gestehe ich, dass sie mich freut, denn dieses Geld soll unserm kleinen Eugen zu Gute kommen. Ich habe die überzeugung, fügte er hinzu, indem er die funkelnden Augen auf mich richtete, dass Niemand im Regimente meinen Mut bezweifelt; ich stand immer mit den Braven und würde es weit in der Armee gebracht haben, wenn nicht die Armut meiner Eltern es ihnen unmöglich gemacht hätte, auch nur die geringste Sorgfalt auf meine Erziehung zu wenden. Jetzt habe ich die Mittel in Händen meinen Sohn so gut unterrichten zu lassen, wie den Sohn eines Generals, und wir können es noch erleben, sagte er freudig lächelnd, indem er seiner Gattin derb auf die Schulter schlug, unsern Eugen als General kommandiren zu sehen. Das denke ich, so oft ich ihn in seinem Korbe schreien höre, und mich quälte nur die sorge, woher ich die Mittel zu seiner Erziehung nehmen sollte; doch jetzt, Dank meinem verstorbenen Schwager, bin ich von dieser Unruhe befreit. Nach diesen Worten führte der brave Soldat seine Gattin hinweg, und mir traten bald so viele ernstafte Sorgen entgegen, die die Erinnerung an diese Begebenheit in den Hintergrund meiner Seele zurückdrängten, dass ich nur jetzt, indem ich Ihnen schreibe, dieselbe wieder lebhaft in mein Gedächtniss zurückrufe.
Evremont ging nun wieder zu den öffentlichen begebenheiten über, die er fortfuhr dem Grafen zu berichten, in wie weit er selbst eine handelnde person dabei war, bis zu dem Augenblicke, wo er gelegenheit fand seine grossen Pakete abzusenden.
IX
Es war ein schöner, heiterer Frühlingstag des Aprils achtzehnhundert und zwölf, als der Graf Hohental in dem Pavillon seines Gartens sass und gedankenvoll hinaus schaute. Wolkenleer glänzte das reine Blau des himmels, die sommerlich warme Sonne spielte mit blinkenden Lichtern in den Wogen des Rheins. Die Bäume wiegten teils noch schwellende Knospen, teils schon entfaltete Blüten an den schlanken Zweigen, die Wohlgerüche der Kräuter und der frühen Blumen schwebten in der Luft. Die Aurikeln hatten ihre vielfarbigen Augen geöffnet und ergötzten duftlos durch ihre bescheidene Schönheit. Von den Höhen der Berge schauten die Ueberreste alter Schlösser, die Zeichen entschwundener Macht, herab, an die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge ernstaft mahnend, und die Lerche wirbelte ihren heitern Gesang tröstend aus der reinen Höhe herab. Doch es schien nicht, als ob der Graf den Reiz des erwachenden Frühlings beachtete. Die Stirn in die flache Hand gelehnt und den Arm auf die Lehne des Sessels gestützt, schaute er hinaus in das glänzende, tönende, blühende Leben, doch der wehmütige Zug des Mundes, der ernste blick der Augen zeigten, dass seine Seele sich mit trüben Gegenständen beschäftigte.
Die Gräfin war eingetreten, ohne von ihm bemerkt worden zu sein. Sie betrachtete ihren in tiefes Sinnen verlornen Gemahl, und ein leiser Seufzer entrang sich der beklemmten Brust. Der Graf bemerkte sie und reichte ihr liebevoll die Hand. Teilnehmend forschte die Gräfin nach der Ursache seines tiefen, finstern Sinnes. Finster, antwortete der Graf, waren meine Gedanken wohl nicht, aber ich gestehe, ernst und wehmütig. Ich muss es oft bedenken, fuhr er fort, wie wir beglückt sind vor Millionen Menschen, wie viele tausend Augen sich mit Neid auf uns richten mögen, und doch, wie wenige glückliche Stunden hat uns diess Leben geboten? Schlägt nicht stündlich unser Herz in ängstigenden Sorgen? Haben wir nicht immer gehofft, nun solle das Leben beginnen, und werde in der nächsten Zukunft das wahre Glück eintreten, und mit diesem ängstlichen Hoffen auf die Zukunft ist in der Pein der Gegenwart das Leben verschwunden, und wir haben es in lauter Anstalten zum Leben verloren. Wenn diess nun unser los ist, wie beklagenswert muss das Geschick des Armen sein, der alle diese Pein duldet und noch durch heftige Anstrengungen in bitteren Sorgen die Mittel herbei schaffen muss, sich in der kläglichen Gegenwart zu erhalten.
Die Tränen träufelten über die Wangen der Gräfin, indem sie sagte: Das Geschick gewährt die guten Stunden wie ein Karger, den seine Gabe, nachdem er sie kaum gegeben, gereut, und der sie dem Armen