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arme sinken und rief, indem sie mir starr in die Augen blickte: So war ja Don Fernando Ihr Oheim? Ich lächelte und schwieg. Wie kommt es dann, fuhr sie fort, dass Sie Ihre Verwandschaft nicht schon in Madrid geltend machten? Da ich in Frankreich erzogen wurde, so hatte ich keine gelegenheit meinen Oheim kennen zu lernen, und ich wollte mich erst überzeugen, ob der nun Verstorbene dieselbe person sei, für die ich ihn hielt, ehe ich mich ihm zu erkennen gab. Sie erinnern sich aber vielleicht, dass eine Krankheit, die ihn damals überfiel, mich meine Absicht verfehlen liess.

Die witwe sah mich mit einem durchdringenden Blicke an. Sie fühlte die Zweideutigkeit meiner Antwort und sagte endlich, indem sie die flache Hand auf ihre Stirn legte: Ich will nicht weiter in Sie dringen; ich selbst habe Don Fernandos Charakter so kennen gelernt, dass ich mir denken kann, wie seine Verwandten Gründe haben konnten, sich von ihm zurückzuziehen. Wesshalb soll ich noch einen Schmerz mehr auf meine Seele laden durch die Kenntniss von Dingen, die mir vielleicht besser verschwiegen bleiben. Als ich auf diese Bemerkung schwieg, sagte sie nach einigen Augenblicken: Gönnen Sie mir den Vorzug, mich als Ihre Verwandte zu betrachten, wenn wir im Leben wieder zusammentreffen sollten. Da meine Lebenspläne jetzt nur von mir allein abhängen, so habe ich nicht die Absicht nach Italien zu gehen, wenigstens für jetzt nicht. Eine Verwandte, die mit mir erzogen wurde und meine schwesterliche Liebe mit Innigkeit erwiderte, lebt in Frankreich in der Nähe von Bordeaux, wohin sie dem Gemahl folgte. Zu ihr will ich, und will dort in Ruhe und Abgeschiedenheit mein Herz zu heilen, und mein Gewissen zu beruhigen suchen.

Ihr Gewissen? fragte ich befremdet.

Ja, mein Gewissen, erwiderte sie, denn ich quäle mich mit inneren Vorwürfen, dass ich Don Fernandos Leben, wenn auch nur um Stunden, verkürzt habe. Ich wollte ihm in unserer letzten Unterredung mein ganz versöhntes, ihm völlig vergebendes Herz zeigen, weil ich glaubte, diess sei, um sein Gewissen zu beruhigen, notwendig. Er unterbrach mich aber, indem er mir sagte, ich möchte erlauben, dass er seine letzten Gedanken auf wichtigere Gegenstände richtete, denn es sei ein Irrtum von mir, wenn ich glaube, dass ich ihm so viel zu verzeihen habe; wir wären auf dem Wege unseres Lebens nur durch verschiedene Ansichten geleitet worden, und diess sei Alles. Ich vergass in diesem Augenblicke die Nähe seines Todes. Der Schmerz über mein durch ihn zu grund gerichtetes Leben überwältigte mich, und tief empört darüber, dass er nicht einmal eine Ahnung von seinem grässlichen Unrecht zu haben schien, liess ich mich zu einer Leidenschaftlichkeit verleiten, die ihn in seinen letzten Augenblicken nicht schonte, und der Strom meiner Vorwürfe wurde nur durch den Strom des Blutes gehemmt, der aus seinen Wunden drang.

Mein Bekannter, der Obrist, dessen Schutz ich die witwe empfohlen hatte, unterbrach unsere Unterredung, indem er kam, unhöflich, daran zu erinnern, dass er mit seinem Regimente aufbrechen müsse. Eilig war Alles zur Abreise geordnet, und ich trennte mich nicht ohne Teilnahme von einer Frau, deren Lebensglück ein Elender gewissenlos zertrümmert hatte.

Auf dem Rückwege zu meinem Regimente drängte sich mir die Betrachtung auf, wie falsch wir oft über die Menschen urteilen, wenn wir bei ihnen Gewissensqualen über Handlungen voraussetzen, die wir als abscheulich erkennen. Ich habe im kurzen Laufe meines Lebens schon manchen ruhig sterben sehen, von dem seine Bekannten behaupteten, seine Handlungen würden in der Stunde seines Todes schwer auf seiner Seele lasten. Die Unglücklichen erkennen ja ihr Unrecht nicht; die Verblendung verlässt sie ja auch im letzten Augenblicke nicht. Sie halten ihre Schlechtigkeit für Klugheit, ihre Harterzigkeit für Vernunft und männlichen Charakter, den schnödesten Geiz für eine achtungswerte Sparsamkeit, und haben so für jeden Fehler den Namen einer Tugend bereit, unter dem die Sünde recht mit Liebe gehegt wird. Würde denn nicht auch jeder Mensch eilen, ihn schändende Makel von sich zu tun, wenn er sie als solche erkennte? Aber das ist unsere unglückliche Verblendung, dass wir unsere schlimmsten Fehler für unsere besten Tugenden halten.

Als ich das Standquartier meines Regiments erreichte, bemerkte ich, dass das erwartete, welches sich mit dem meinigen vereinigen sollte, schon eingetroffen war, und da nun kein Grund zum Verweilen mehr vorhanden war, so wurde beschlossen am andern Morgen aufzubrechen, und wir verliessen eine Gegend, die mir gewissermassen merkwürdig geworden war. Erst nachdem einige Tagesmärsche zurückgelegt waren, liess ich die Marketenderin und ihren Gatten rufen. Das Gesicht der Frau zeigte deutlich, wie übel sie mit mir zufrieden war, dass ich sie gleichsam in Gefangenschaft unter der Aufsicht ihres Mannes mehrere Tage erhalten hatte, und ich hatte Grund zu vermuten, dass er das Recht des Mannes der Frau zu befehlen durch sehr ernstafte Mittel hatte müssen geltend machen, ehe sie sich ihm zu gehorchen bequemte. Ich machte sie nun mit dem tod ihres Bruders bekannt und versüsste die Nachricht dadurch, dass ich ihr das ihr bestimmte Erbe einhändigte. Die schwere mit Dublonen gefüllte Börse verfehlte ihre wirkung nicht. Sie trocknete die Tränen und sagte, es sei doch grausam von mir, dass ich ihr jetzt erst den Tod ihres einzigen Bruders anzeigte, der doch in seinen letzten Augenblicken ihrer noch liebevoll gedacht habe, und nun, da wir schon so weit entfernt wären, könne sie nicht einmal den