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arme über mein Ende sich beruhigen kann. Ich teilte den Anwesenden seinen Wunsch mit, der der Gattin des Kranken sehr zum Trost zu gereichen schien, und wir liessen ihn mit dem Geistlichen allein, dessen liebevolle Ermahnungen selbst auf diesen Menschen einen tiefen Eindruck gemacht zu haben schienen, denn der Ausdruck seines Gesichtes war milder, als wir auf sein Verlangen alle zu ihm zurückkehrten. Er nahm von uns Abschied, erinnerte mich noch ein Mal an mein Versprechen und blieb mit seiner Gattin allein.

Die Unterredung zwischen beiden Gatten scheint eine leidenschaftlichere Wendung genommen zu haben, als für den Zustand des Kranken heilsam war, denn sie waren nicht lange allein, als ein durchdringender Schrei der Frau uns bewog nach dem Krankenzimmer zu eilen. Als wir eintraten, bemerkten wir sogleich, dass nun das Ende des jungen Mannes nicht mehr zu verzögern war. Seine Wunden hatten sich geöffnet und das Blut quoll unaufhaltsam hervor; ein schwaches, röchelndes Husten erneuerte immer wieder sein Strömen. Die Frau lag auf den Knieen neben dem Bette des Sterbenden und klagte sich laut in den leidenschaftlichsten Ausdrücken als die Mörderin desselben an.

Der Wundarzt näherte sich ihr mit gutmütiger Rohheit, und sagte ihr kalt und trocken: Sein Sie darüber ruhig; schon vor mehreren Stunden habe ich es dem Herrn Obristen gesagt, dass Ihr Gemahl die Nacht nicht überleben könne und dass jeder Versuch, sein Leben zu erhalten, vergeblich sein würde. So roh mir diese Worte klangen, so schienen sie doch einen Trost für die Frau zu entalten, denn sie wurde ruhiger, gefasster. Sie richtete einen mitleidigen blick auf den Sterbenden und faltete ihre hände, um für seine Seele zu beten. Die Augen des Verwundeten hatten Glanz und Licht verloren; matt griff seine Hand auf der Bettdecke umher. Die Frau erriet ihn und fasste die suchende Hand. Ein tiefes Röcheln folgte und das Leben, das er vielleicht nie würdig gebraucht hatte, war dem Unglücklichen entflohen.

Ich war in diesen Stunden so vielfach aufgeregt worden, dass ich meine Pflicht für mein Regiment etwas aus den Augen verloren hatte, und jetzt, indem ich mich darauf besann, wusste ich nicht, wie ich meine Versprechungen mit diesen Pflichten vereinigen sollte. Ich empfahl die witwe dem Pfarrer, die ich zwar betrübt, aber doch viel gefasster fand, als ich es erwartet hatte, und eilte nach dem Sammelplatze meines Regiments, mit dem Versprechen, vielleicht noch diesen Abend wiederzukehren.

Als ich den Ort erreicht hatte, wo ein Rasttag gehalten werden sollte, überraschte mich angenehm der Befehl, drei Tage hier zu verweilen, um ein anderes Regiment zu erwarten, das sich mit dem meinigen vereinigen sollte. Ich brauchte die Vorsicht, dem mann der Marketenderin streng zu befehlen, seine Frau nicht aus den Augen zu lassen, und ich fügte diesem Befehle die Versicherung hinzu, dass die Folgsamkeit freigebig belohnt werden sollte.

Hierauf kehrte ich beruhigter zu dem Pfarrer zurück, der schon alle vorbereitenden Anstalten zu der Beerdigung zu treffen begann, die am folgenden Tage Statt finden sollte. Das Glück war mir günstiger, als ich hoffen durfte, denn wenige Stunden nach der Beerdigung zog ein französisches Regiment durch die Gebirge, das nach Frankreich beordert war und dessen Obristen ich als einen sehr achtbaren Mann kannte. Ihm durfte ich die witwe empfehlen, und ich war überzeugt, dass sie unter seinem Schutze Frankreich sicher erreichen würde. Es blieb mir nun nichts übrig, als sie mit der notwendigkeit der baldigen Abreise bekannt zu machen. Sie nahm meine Erklärung mit Ruhe auf und sagte, sie sei bereit ihrem Schicksale zu folgen und ihr Vaterland auf immer zu verlassen, das sie nie wieder wohlwollend aufnehmen würde. Sie bemerkte die Verwunderung, welche diese Worte in mir erregten, und sagte: Ich bin Ihnen, Obrist, so viel Dank schuldig, dass es mir eine Pflicht scheint, Ihnen manche Aufklärungen zu geben, ohne die Sie vielleicht mein verletztes Gefühl nicht begreifen könnten und das Unglück meines Lebens nicht einzusehen vermöchten. Sie haben es in Madrid leicht bemerken können, fuhr sie fort, mit welcher Glut der Seele ich Don Fernando liebte, denn ich war unabhängig und brauchte eine Neigung, die ich für anständig und edel hielt, nicht zu verbergen. Noch heftiger, schien es, flammte die Glut der Liebe in Don Fernandos Seele, und wir schlossen einen Bund, der, wie ich hoffte, uns beide beglücken sollte. Sie wissen, dass ich der französischen Partei aus der reinen überzeugung ergeben war, dass nur durch sie das Wohl meines Vaterlandes zu erreichen möglich sei. Auch diese Ansicht schien Don Fernando zu teilen. Wir waren vereinigt, und wenige Wochen waren hinreichend, um den Schleier vor meinen Augen zu zerreissen. Ich musste es bald erkennen, dass ihn nicht ein hohes Interesse für die Fortschritte menschlicher Veredlung nach Spanien geführt hatte, er scherzte über meine Begeisterung und glaubte, da wir so innig verbunden waren, nicht mehr nötig zu haben, mir seine wahre Ansicht zu verbergen. Sein Vorteil bestimmte ihn allein; er wollte bei der Verwirrung, die die verschiedenen Parteien erregten, gewinnen; er wollte steigen, und das allgemeine Unglück sollte ihm dazu helfen, die höchsten Stufen der Ehre zu erreichen. Er hatte gehofft, diess durch französischen Einfluss zu erlangen, doch wurde ihm diess zweifelhaft bei dem abwechselnden Glück, womit in Spanien gekämpft wurde. Er suchte sich also der entgegengesetzten Partei vorsichtig zu nähern, ohne es mit der französischen verderben zu wollen, und hoffte so auf