1836_Bernardi_007_207.txt

färbte. Ich bog mich entsetzt zu ihm nieder, ich weiss nicht, ob er mich kannte, aber er wendete scheu den blick von mir ab. Ich erkannte die notwendigkeit augenblicklicher hülfe. Der Regimentsarzt war schnell herbei gerufen, und ich führte die Dame hinweg, bat sie in einiger Entfernung zu ruhen während des notwendigen Verbandes, und liess ihr eine Bedeckung zu ihrer Sicherheit. Stillschweigend liess sie sich alle meine Anordnungen gefallen, und ich kehrte zu dem Verwundeten zurück, um Zeuge eines seltsamen Auftritts zu sein.

Ein alter würdiger Unteroffizier hatte den Tadel seiner Kameraden nicht geachtet und sich vor einiger Zeit mit einer Frau verheiratet, die mehrere Officiere nach einander zur Geliebten gehabt hatten. Diese nun folgte als Marketenderin dem Regimente, und da bei dem Verbande des Verwundeten Leinenzeug erforderlich war, wurde sie herbei gerufen, um wo möglich damit auszuhelfen. Sie erschien und schaffte bereitwillig herbei, was sie vermochte, und wollte nun auch bei dem Verbande selbst hülfe leisten. Als sie sich, um diess zu können, zu dem Verwundeten niederbeugte, starrte sie diesen einen Augenblick an und rief dann mit allen Zeichen eines lebhaften Schmerzes: Jakob, Bruder Jakob, muss ich Dich so wiedersehen? Der Verwundete richtete einen matten blick auf die Gestalt, deren kreischender Ton ihn erweckt hatte, und wendete dann mit unverkennbarem Widerwillen sein Gesicht hinweg.

Diese Bewegung des zum tod Verwundeten liess die, die ihn als Bruder erkannte, alle Gefahren vergessen, denen sein Leben Preis gegeben war, und sie ergoss sich in Strömen von Scheltworten, worin sie ihm vorwarf, dass sein Hochmut sie zu grund gerichtet habe, indem er ihre Schönheit immer benutzt habe, um sich Wege zu bahnen, und dass nun ein um seinet Willen gänzlich verlornes Leben nun sein schnöder Undank ihr so vergelte, dass er sie im letzten Augenblicke seines Daseins nicht anerkennen wolle.

Der junge Mann schien unter diesem Strome von Scheltworten furchtbar zu leiden, und seine Augen suchten ängstlich einen Gegenstand, dessen Dasein er offenbar fürchtete. Ich duldete diesen Erguss des Zornes nur so lange, als meine Ueberraschung mich verstummen liess. Sobald ich mich davon erholt hatte, befahl ich dem Unteroffizier seine scheltende Gattin hinwegzuführen, und da im Kriege auch eine Marketenderin gehorchen muss, so wurde meinem Befehle zur sichtbaren Erleichterung des Verwundeten Folge geleistet. Die hinweggeführte scheltende Schwester hatte sich im Zorneseifer der deutschen Sprache bedient, und so war sie von Niemandem als von mir und dem unglücklichen Bruder verstanden worden. Indess hatte sich die Dienerschaft der Reisenden wieder gesammelt, die vor den Guerillas die Flucht genommen hatte; auch einige Schäfer und Landleute hatten sich eingefunden, denen vielleicht diejenigen nicht fremd waren, die ihre Beute beim Anblicke der überlegenen Macht verlassen hatten. Mit dem Verbande war man, so gut es sich tun liess, zu stand gekommen, und ich sah mich nun verlegen um, weil ich nicht wusste, was ich mit dem Unglücklichen beginnen sollte. Ein alter Schäfer trat zu mir, dessen weisses Haar und ehrwürdiges Gesicht jedes Misstrauen zu widerlegen schienen, das in meiner Seele hätte aufsteigen können. Er riet mir, den Verwundeten über einen der Berge tragen zu lassen, zu dem ein Fusspfad hinaufführte, und er versicherte mir, wir würden in einer halben Stunde ein Dorf erreichen und dort bei dem menschenfreundlichen Geistlichen allen möglichen Beistand finden. Er ist nicht wie Viele seines Gleichen, setzte der Greis mit Bedeutung hinzu; wenn ein Leidender seiner hülfe bedarf, so fragt er nicht, für welche Sache er streitet. Ich verstand den Wink. Die Landleute bereiteten aus Baumzweigen eine Bahre, um den Verwundeten zu tragen. Die Reisewagen waren wieder aufgerichtet und sollten auf dem Fahrwege dasselbe Dorf zu erreichen suchen, wozu sie, wie man versicherte, einige Stunden brauchen würden. Einen teil meiner Leute gab ich diesen als Bedeckung mit, andere sollten uns zu Fuss begleiten, und den Rest des Regiments sendete ich mit der Marketenderin nach dem Orte voraus, wo ein Rasttag gehalten werden sollte.

Als ich alle diese Anordnungen getroffen hatte, näherte ich mich dem Orte, an dem ich die Dame verlassen hatte. Zwei Kammerfrauen, die sich hinter Hecken während des Ueberfalls verborgen, hatten sich zu ihr gefunden und schienen ihr Beistand zu leisten, denn in dem Schoosse der einen ruhte das bleiche Haupt der Gebieterin, von dem sich die glänzend schwarzen Locken und Flechten in Verwirrung bis auf den Rasen herabsenkten, indess die andere ihr wohlriechende Essenzen vorhielt. Als ich mich dieser Gruppe näherte, erhob sich die Dame mit mehr Kraft, als ich ihr zugetraut hatte, und indem sie mir mit Anstrengung entgegen wankte, fragte sie mit bleichen, bebenden Lippen: Lebt mein Gemahl? Da ich so eben die unzweifelhafte überzeugung bekommen hatte, dass der verwundete junge Mann, wie Sie, mein teurer Vater, schon lange werden vermutet haben, Niemand anders sei als der Sohn Ihres ehemaligen Dieners, des alten Lorenz, so verwirrte mich die Frage, und ich schwieg einen Augenblick. Die Dame wurde sichtlich bleicher, und indem sie mit beiden Händen meinen Arm fasste und ihn krampfhaft drückte, rief sie in höchster Angst: Sprechen Sie es aus, er lebt nicht mehr, und, Gott! fuhr sie fort und richtete den blick mit dem Ausdrukke des tiefsten Schmerzes nach oben, o Gott! ich habe ihm nicht vergeben! Fassen Sie sich, erwiderte ich und brachte so viel Ruhe als möglich in meine stimme; er lebt, aber ich kann Ihnen nicht verhehlen,