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Truppen zu vereinigen, die noch immer auf Spaniens Boden kämpften und den ungestörten Besitz des schönen Landes der neuen Dynastie nicht erringen konnten. Die schüchterne Emilie folgte den Truppen, soweit es sich tun liess, um so viel als möglich in der Nähe des geliebten Gemahls zu bleiben. Nur selten wurden die Eltern durch Nachrichten erfreut, weil die ewigen Bewegungen der Heere keinen regelmässigen Briefwechsel gestatteten, und die Phantasie war geschäftig, Bilder von tausend möglichen Gefahren zu erzeugen, und oft schon wurde Evremont verzweiflungsvoll als ein Gestorbener beweint.

Da die Stimmung der Gräfin sie bewog, die Gesellschaft zu meiden, so hatte der Graf sein neues Erbe, das Gut am Rhein, bezogen, damit die ängstliche, kummervolle Mutter in der schönen natur den Trost fände, den ihr die Gesellschaft nicht gewähren konnte.

Nach langem Schweigen waren endlich wieder sehr verspätete Briefe von Evremont und seiner Gattin eingetroffen. Beide meldeten den zärtlichen Eltern ihr neues Glück, und Evremont konnte nicht Worte finden, sein Entzücken auszudrücken. Emilie, die angebetete Emilie hatte ihm einen Sohn geboren und alle Gefahren glücklich überstanden, die ein Leben jedes Mal bedrohen, wenn ein anderes aus ihm sich entwikkeln soll. Er selbst hatte neue Lorbeeren ohne Wunden errungen und konnte sich des ungetrübtesten häuslichen Glückes erfreuen. Emilie selbst schrieb wenig, weil jede Bewegung des Gemüts noch vermieden werden musste; aber die wenigen Worte ihrer Hand zeigten, wie ganz selig sie sich als Mutter fühlte und wie zärtlich liebend ihre Seele sich an den beglückten Gatten schloss.

Lange fand in dem Herzen des Grafen und seiner Gemahlin keine andere Empfindung Raum, als eine zärtliche, wehmütige Freude über ihr erhöhtes Glück, und besonders empfand die Gräfin eine schmerzliche sehnsucht nach dem Anblick des neugebornen Kindes. Man berechnete, dass es nun schon einige Monate alt sein müsse, weil die Briefe, die sein Dasein meldeten, lange zurückgehalten worden waren, ehe sie ihre Bestimmung erreicht hatten.

Endlich war diese wichtigste Familienbegebenheit so vielfach mit immer erneuerter Freude besprochen worden, dass die Seele gewissermassen befriedigt war, und der Graf hatte nun auch das besonders an ihn gerichtete Paket des Sohnes gelesen, das in Form eines Tagebuches die bedeutendern Vorfälle bei der Armee, so weit diess zu wagen war, berichtete.

Der Graf folgte mit gespannter Aufmerksamkeit dem Gange der begebenheiten, an denen Evremont Anteil genommen hatte, bis seine Aufmerksamkeit von den grossen weltgeschichtlichen Ereignissen abgelenkt wurde, indem sein Sohn einen Gegenstand berührte, der seine Phantasie in den Kreis seines bürgerlichen Lebens zurückführte.

Ich zog, so schrieb Evremont, an der Spitze meines Regiments durch ein anmutiges Tal, das sich zwischen baumbewachsenen Hügeln hinschlängelte. Der Himmel war über uns dunkelblau, wie ein unermesslicher Sapphir, ausgespannt, kaum regten sich gelinde Lüfte. Nichts unterbrach die Stille der natur, als das sanfte Plätschern eines silberhellen Baches, der zwischen blühenden Ufern floss. Mir schien es, als sei diess ruhige Tal von den Menschen vergessen und blühe hier still für sich in ungekannter Schönheit, und es dünkte mir fremd und seltsam, dass ich hier mit kriegerischem Getöse über den ruhigen Busen der Erde zog. Meine Träumerei und die tiefe Ruhe um uns her wurde auf einmal durch den Knall von kleinem Gewehrfeuer unterbrochen, den ein vielfaches Echo in den Bergen wiederholte, und es schien mir, als liesse sich ein fernes Jammergeschrei schwach unterscheiden. Da unter den jetzigen Umständen in diesem herrlichen land Vorsicht die erste Tugend ist, die man sich aneignen muss, so zog auch ich mit doppelter Vorsicht weiter durch das enge Tal, und ich hatte so sehr allen Sinn für die noch eben empfundene Schönheit desselben verloren, dass ich eifrig das Ende zu erreichen wünschte. Indess näherte ich mich an der Spitze meines Regiments dem platz, wo eben gekämpft worden war, indem wir um einen Hügel bogen, hinter welchem sich das Tal etwas weiter ausbreitete, und der erste blick überzeugte mich, dass keine Gefahr zu überstehen sei, ob sich mir gleich ein trauriger Anblick darbot.

Es waren Reisende, die nur eine schwache Bedekkung hatten, von Guerillas überfallen worden, und sollten eben geplündert und getödtet werden, als der Anblick meiner überlegenen Macht diese bewog, sich eilig zurückzuziehen und die, die sie sich zu Opfern ausersehen hatten, ihrem Schicksale zu überlassen.

Als ich dem Orte näher kam, wo der Ueberfall Statt gefunden hatte, bemerkte ich zwischen umgeworfenen Wagen eine stehende Dame, die ihre hände krampfhaft auf der Brust zusammengepresst hatte, und mit dem Ausdrucke höchster Angst und des heftigsten Schreckens die starren Blicke gedankenlos in die Weite richtete. Ich wollte meinen Augen nicht trauen, als ich in dieser Dame diejenige wieder erkannte, der ich mich in Madrid hatte vorstellen lassen, um die Bekanntschaft eines rätselhaften Verwandten zu machen. Als ich mich überzeugt hatte, dass keine Täuschung mich verblende, stieg ich vom Pferde und näherte mich der Geängstigten. Ich fasste, indem ich Sie anredete, ihre Hand, um sie aus der Erstarrung zu erwecken. Ein schöner blick aus den dunkeln Augen traf mich bei der Berührung, doch schien sie sich bei meinem Anblick einigermassen zu beruhigen und deutete mit der linken Hand, indem ich ihre Rechte hielt, auf einen Gegenstand, den mir ein umgeworfener Wagen verbarg. Ich näherte mich und sah denselben jungen Mann, den man in Madrid Don Fernando nannte, schwer verwundet auf dem Rasen liegen. Er röchelte dumpf aus der verletzten Brust, und bei jedem Atemzuge quoll von Neuem das Blut hervor, das den Rasen rings um ihn