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. Die beschmutzten Bänder und verblichenen Blumen, mit denen die schwarzen Locken überladen waren, verkündigten wohl die Ansprüche, die noch gemacht wurden, aber zeigten auch deutlich, dass sie nicht mehr befriedigt werden konnten.

Wie geht es, Kapitän? redete der General den Krieger an. Sind Sie von Ihren Wunden wieder hergestellt?

Dem Himmel sei Dank, erwiderte der Angeredete, ich kann bald wieder eintreten in die Reihen der Braven.

Der Kaiser wird Sie belohnen, sagte der Genral, ich kann das beste zeugnis Ihres Mutes bei Landshut ablegen, und ich hoffe Sie bald als Obristen zu begrüssen, denn leider sind sehr viele brave Kameraden geblieben.

Nur Ihnen, mein General, verdanke ich es, erwiderte der Kapitän, dass ich meine Laufbahn nicht als Sergeant beschlossen habe, denn die zeiten sind auch bei uns vorüber, wo man sich ohne Beschützer empor arbeiten konnte.

Sind Sie vermählt? fragte halb leise der General, der schon ein paar Mal den blick zu der Dame hatte hinüber streifen lassen, die in des Kapitäns Begleitung gekommen war, und die nun sichtlich verdrüsslich darüber, dass Niemand ihre Gegenwart zu berücksichtigen schien, seitwärts stand.

Sie begreifen, mein General, sagte der Kapitän verlegen lächelnd. Madame übernahm es, mich während meiner langen Krankheit zu verpflegen, und sie ist so gütig, sich meines Namens zu bedienen, weilweil diess in vielen Fällen für zwei in Freundschaft lebende Personen bequem ist. Sie verstehen wohl, wie ich das meine?

Vollkommen, entgegnete der General mit spöttischem Lächeln, indem er sich eben von seinem Kriegsgefährten trennen wollte, als die vernachlässigte Schöne, die ihren Zorn nicht länger unterdrücken konnte, ihm näher trat und, indem sie ihm mit grosser Dreistigkeit in die Augen blickte, sagte: Sie wissen aus eigener Erfahrung, General, wie liebevoll ich einen Leidenden zu verpflegen verstehe, und ob meine Sorgfalt nicht Dank und Anerkennung verdient.

Gewiss, gewiss, sagte der General, ohne den spöttischen Ausdruck des Gesichts zu mildern. Ich habe den Wert Ihrer Zuneigung vollkommen würdigen gelernt, und vor Allem hat mich die zarte Schonung überrascht, die mir den Schmerz des Abschiedes ersparte und zugleich alle Hindernisse des leichteren Fortkommens mir aus dem Wege räumte.

So gross die Frechheit der Tochter des alten Lorenz auch war, die sich in der Begleiterin des Kapitäns nicht mehr verkennen liess, so schwieg sie doch einen Augenblick bestürzt und sagte dann mit weniger dreister stimme: Ich glaube, meine Aufopferung für Sie hätte eine bessere Belohnung verdient.

Ich zweifle nicht, erwiderte der General lächelnd, dass ich diess selbst würde geglaubt haben; da es Ihnen aber gefiel, den Wert dieser Aufopferung selbst zu bestimmen, so habe ich Ihr Urteil für richtiger als das meine gehalten.

Nach einer leichten Verbeugung fasste der General von Neuem den Arm des Grafen, um sich eilig mit ihm zu entfernen. Der Kapitän schien sein verhältnis zu seiner Freundin selbst zu leicht zu nehmen, als dass er durch die Art, wie der General mit ihr sprach, hätte beleidigt sein sollen. Im Gegenteil blickte er diesem mit wohlwollendem Lächeln nach, als er sich entfernte, und sagte, indem er seiner Begleiterin den Arm bot: Ein braver Mann der General, ein wahrer Ehrenmann, ohne auf den Zorn zu achten, der in den Augen seiner Freundin funkelte.

Als die beiden Freunde die wohnung des Generals erreicht hatten, sagte dieser: Vor allen Dingen musst Du mir nun versprechen, diesen Mittag mein Gast zu sein. Gern, erwiderte der Graf, wenn Du mir erlaubst, meine Damen davon zu benachrichtigen, damit ich nicht vergeblich erwartet werde.

Ist Deine Gemahlin mit Dir in München? fragte der General, nicht angenehm überrascht, denn sein Zusammentreffen mit der Tochter des alten Lorenz erinnerte ihn daran, wie er mit dieser auf Schloss Hohental erschienen war, und er musste es sich gestehen, dass er dadurch unmöglich die achtung der Gräfin gewonnen haben könne. Der Graf hatte die Frage des Freundes bejahend beantwortet und der Gräfin einige Worte geschrieben. Der General zog die Klingel, auf deren Ruf ein Bedienter in übertrieben reicher Livree erschien, der zum Ueberbringer des Blatts bestimmt wurde. Der Graf sah dem davon eilenden Boten gedankenvoll lächelnd nach, und der General, der einen Tadel seines Geschmacks in Bezug auf die zu reiche Livree fürchtete, fragte etwas gespannt: Was fällt Dir an dem Burschen so auf? Der Wechsel der Dinge, antwortete der Graf. Ich weiss die Zeit, wo eine so reiche Livree dem Herrn dieses Burschen als einem entschiedenen Aristokraten zur Guillotine geholfen hätte.

T e m p i p a s s a t i , sagte der General gähnend. Von Menschenrechten ist nicht mehr die Rede. Der Ruhm, der Glanz der französischen Nation, das ist jetzt der Gedanke, der Alle mit Begeisterung erfüllt.

Es ist eine eigene Ideenverbindung, bemerkte der Graf lächelnd, dass Du an die Menschenrechte denkst, wenn ich die Guillotine erwähne.

Nun, Du musst doch zugeben, erwiderte sein Freund, dass die verruchte Maschine zu der Zeit am tätigsten war, wo am Meisten von den Menschenrechten geredet wurde. Doch lass uns nicht wieder in die Politik geraten; lass uns, wie in vergangenen zeiten, in harmloser Heiterkeit uns zu Tische setzen, und dann teile mir Dein Verlangen mit.

Der Graf hatte gegen diese Anordnung seines Freundes nichts einzuwenden und er folgte ihm zur Tafel, wo der General einer schwelgerischen Mahlzeit alle Gerechtigkeit widerfahren liess und