1836_Bernardi_007_203.txt

Familienbande, antwortete der Graf, sichern dem Bunde der Staaten keine ewige Dauer. Erinnere Dich, als es Euer Ludwig der Vierzehnte durchsetzte, seinen Enkel auf Spaniens Tron zu erheben, da rief er auch in der Trunkenheit der Freude über das gelungene Werk: Jetzt gibt es keine Pyrenäen für Frankreich mehr. Nun, Du weisst, die Pyrenäen sind dessenungeachtet geblieben.

Jetzt aber, sagte der General mit Stolz, jetzt ist diese Scheidewand für Frankreich gesunken. Spanien ist unser.

Ihr kämpft aber doch in diesem Euern Spanien noch mit abwechselndem Glück, versetzte der Graf.

Was folgt daraus? rief sein Freund unmutig.

Dass sich die Pyrenäen dennoch wieder für Euch erheben können, sagte der Graf.

Einen Augenblick flammte der Zorn in den Augen des Generals, indem er den Grafen anblickte, doch der scharf geklemmte Mund, der eben etwas Heftiges aussprechen wollte, schwieg. Die Spannung des Gesichts löste sich, die eben noch zornigen Augen begegneten freundlich dem edlen Blicke des Grafen, der Mund, der eben beleidigen wollte, lächelte anmutig, und nachdem der General seinen Freund in dieser wohlwollenden Stimmung noch einen Augenblick betrachtet hatte, brach er in ein lautes Gelächter aus. Habe ich jemals einen Menschen unerschütterlich standhaft in seinen Ansichten gefunden, sagte er endlich, so bist Du es. Du wirst noch ein Märtyrer Deines Glaubens werden, fügte er ernstaft hinzu.

Ich weiss nicht, wie es geschieht, sagte der Graf ebenfalls lächelnd, ich habe mir sonst nie über diese Gegenstände Unbesonnenheiten vorzuwerfen, ich weiss meine Ansichten zurückzuhalten und zu verbergen; so wie ich Dich aber erblicke, zolle ich der Torheit diesen Tribut und bekämpfe Deine Ansichten unnützer Weise, indem ich die meinigen eben so zwecklos zu verteidigen suche. Ich kann mir keinen Grund für diese Schwachheit angeben, fuhr er fort, wenn er nicht darin zu suchen ist, dass mir die Erinnerung der Jugend mit allen ihren Vorrechten und ihrem rücksichtslosen Vertrauen nahe tritt, wenn ich Dich erblikke, und ich mache eben diese Vorrechte geltend.

Der General, der seinen Arm in den des Freundes gelegt hatte, drückte diesen leise als Zeichen freundlicher Erwiederung.

Wirst Du lange in München bleiben? fragte endlich der Graf, nachdem Beide eine Zeitlang geschwiegen hatten.

Nein, erwiderte sein Freund. Ich komme jetzt von Paris, wohin ich mich nach dem Waffenstillstande gern senden liess, und kehre nun nach Wien zurück, wohin ich mancherlei Nachrichten zu überbringen habe, und ich verweile auch hier nicht ohne Grund. Doch werde ich morgen reisen, und ich denke, sagte er freundschaftlich zum Grafen gewendet, wir trennen uns heute so wenig als möglich. Dem Grafen fiel plötzlich ein, dass sich ihm nicht leicht eine bessere gelegenheit bieten würde, die Anerkennung des Namens Evremont für St. Julien zu bewirken, und doch machten manche Umstände es ihm schwer, dem General sein Anliegen zu vertrauen. Es war möglich, dass sich sein Freund, wenn er ihn damit bekannt machte, dass er mit der witwe des Grafen Evremont verbunden sei, sich der weiblichen Gestalt erinnerte, die er bei der Hinrichtung des unglücklichen Freundes erblickt hatte, und es lag so nahe, dann in dieser die Gemahlin des Grafen zu vermuten. Alle diese Vorstellungen peinigten ihn, und er konnte zu keiner Entschliessung kommen, und beide Freunde wandelten eine Zeitlang schweigend auf und ab. Ich erkenne Dich heute nicht wieder, fing endlich der General das Gespräch von Neuem an. Was hast Du nur, das Dich in so ernste, in so ungleiche Stimmungen versetzt?

Der Graf hatte indessen seine Zweifel bekämpft. Jedes Bedenken musste aus Rücksicht für den geliebten Sohn überwunden werden, und er sagte desshalb entschlossen: Ich wünschte, dass Du Dich in einer Angelegenheit, die mir sehr am Herzen liegt, bei Napoleon für mich verwenden möchtest, und ich weiss nicht recht, wie ich sie Dir vortragen soll.

Aha! rief der General lachend, muss sich Deine Spartaner-Tugend beugen? Bedarfst Du der Gewaltigen der Erde? Nun freilich kann ich mir denken, dass Du einen schweren Kampf mit Deinen grundsätzen bestehen musst, ehe Du solche Bekenntnisse ablegst.

Es ist nicht das, sagte der Graf, aber um Dich in den Stand zu setzen mir beizustehen, muss ich Dich mit Einzelnheiten bekannt machen, die mich in mehr als einer Hinsicht schmerzlich berühren, und da diess Mitteilungen sind, die sich nicht im Freien machen lassen, und ich Dich früher davon in Kenntniss zu setzen wünsche, ehe ich Dich in meine wohnung einlade, so bitte ich Dich, mich in die Deine zu führen.

Der General war bereit dazu, und beide Freunde wollten den Schlossgarten verlassen, als der blick des Generals auf einen Krieger fiel, der eine Dame, die er am arme führte, los liess und die Hand an den Hut legte, um den General militärisch zu begrüssen. Dieser Krieger mochte einige vierzig Jahre zählen; seiner Haltung mangelte die französische Zierlichkeit einigermassen; sein stark gebräuntes, mageres Gesicht deutete auf viele überstandene Beschwerden, und wenn seine Kleidung eher beschränkte Umstände als Ueberfluss erkennen liess, so war das Kreuz der Ehrenlegion auf seiner Brust ein Beweis seines Mutes. Die Dame, die sich in seiner Begleitung befand, mochte schön gewesen sein, aber die erschlafften Gesichtszüge bewiesen eben so wie der freche blick, dass sie das Leben zu sehr benutzt hatte; die hoch aufgetragene Schminke konnte den Schein blühender Jugend nicht mehr hervorrufen, so wie der auffallende Putz nicht Wohlhabenheit lügen konnte