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Dübois war mit den Vorbereitungen zur Reise fertig. Kein Teilnehmer an derselben liess sich eine Verzögerung zu Schulden kommen, und so gelangte die Familie in kurzer Zeit nach München, wo bald nach ihnen Adele eintraf und wo man, um das Glück der Vereinigung vollkommen zu geniessen, nur noch auf St. Julien hoffte, der Wien nicht ohne Urlaub verlassen durfte, den er mit höchster Ungeduld erwartete.

Die Auseinandersetzung der Erbschaft wegen, welche die erste Veranlassung zur Reise nach München gegeben hatte, war in wenigen Tagen beendigt, weil bei der denkart des Grafen jede Schwierigkeit leicht gehoben wurde, indem er weit davon entfernt war, seine Miterbin, eine nicht sehr bemittelte witwe, irgend bedrücken zu wollen. Es wurde ihrem Wunsche gemäss die Vereinigung getroffen, dass der Graf das Gut am Rheine behielt und ihr noch eine Summe zu dem baaren Nachlasse des gemeinschaftlichen Verwandten hinzuzuzahlen sich verpflichtete, sobald alle Rechtsformen beobachtet sein würden, die, um ihn in den Besitz zu setzen, erforderlich wären. Der Graf nahm sich vor, das neu erworbene Gut so bald als möglich in Augenschein zu nehmen und, wenn er die Lage so reizend fände, wie sie ihm beschrieben wurde, wenigstens einen teil des Jahres dort zu wohnen.

Eben hatte der Graf die letzten Geschäfte mit dem Anwalde seiner Miterbin abgeschlossen, und er nahm den Rückweg zu seiner wohnung durch den Schlossgarten der Residenz, wo die warme Mittagssonne Lustwandelnde vereinigte, denn wenn München auch seiner hohen Lage und der Nachbarschaft der Gebirge wegen ein wechselndes, im Ganzen nicht angenehmes Klima hat, und man im frühen Herbst und späten Frühling Kälte und Schnee zuweilen ertragen muss, so macht doch seine südliche Lage, dass dafür oft im November noch so schöne warme Tage eintreten, dass man sich nach Italien versetzt glaubt. Ein solcher warmer Novembertag lockte den Grafen unter die hohen, unbelaubten alten Kastanienbäume des Schlossgartens, und er bemerkte, dass wie ihn auch viele Andere die warme Mittagssonne herbeigezogen hatte.

Der blick des Grafen schweifte über die verschiedenen lustwandelnden oder im Gespräch verweilenden Gruppen, und es machte einen betrübenden Eindruck auf ihn, dass er beinah Niemanden bemerkte, der nicht Trauer trug, wie sein Herz ihm sagte, um einen in den Schlachten des letzten Krieges gefallenen Verwandten. Die Wenigen, die nicht in Trauer gehüllt waren, machten keinen heiteren Eindruck, denn es waren verstümmelte, zum teil noch schwer an ihren Wunden leidende Krieger, die hier in der warmen Herbstsonne Erquickung nach grausamen Leiden suchten. So haben nun wieder Deutsche gegen Deutsche gewütet, dachte der Graf seufzend; so vertilgen sie sich gegenseitig von der heimatlichen Erde und bringen Trauer über verwandte Geschlechter. Sein Schritt war, ohne dass er es bemerkte, langsam geworden und sein blick senkte sich kummervoll zu Boden, als er plötzlich aufschrak, weil eine Hand von hinten sanft seine Schulter berührte. Er wendete sich und blickte in das ihm freundlich entgegen lächelnde Gesicht des General Clairmont. Der Graf war freudig überrascht, und nach den ersten herzlichen Begrüssungen fragte sein Freund lächelnd: Was hat Dich so philosophisch gestimmt, dass Du, in tiefe, ernste Gedanken versenkt, Deine Freunde nicht bemerkst? Ich ging bei Dir vorüber, ohne von Dir beachtet zu werden, und ich redete Dich nicht gleich an, weil ich einen Augenblick zweifelte, ob dieser sinnende Philosoph wohl mein Freund Hohental sein könne, den ich hier nicht erwartete.

Es ist wohl natürlich, sagte der Graf, dass mich die Folgen Eurer Siege ernstaft stimmen. Bemerke alle diese Trauerkleider um uns her, die ohne Zweifel um Verwandte getragen werden, die von deutschen Händen für Eure Sache fielen.

So ist nun einmal der Krieg, erwiderte der General nachlässig. Doch was führt Dich aus Deinen anmutigen Bergen hieher? etwa nur das Verlangen diese Betrachtungen anzustellen?

Ein nahe mit ihnen zusammenhängender Grund, sagte der Graf. In Euern Schlachten ist ein Verwandter von mir geblieben, der hier einheimisch war und dessen Erbe ich geworden bin.

So führt das Ueble immer das Gute herbei, sagte der General leichtsinnig. Sein Freund wendete sich verletzt ab. Nun, sei mir nur nicht böse, fuhr der General lächelnd fort; Du weisst, ich habe mich niemals zu Deiner sublimen Moral erheben können, und ich denke in meinem mir so oft von Dir vorgeworfenen Leichtsinn, dass es doch keine so grässliche Sache sein kann, der Erbe eines Verwandten zu werden, den man vielleicht gar nicht oder doch nur wenig gekannt hat.

Der Graf liess das Gespräch über diesen Gegenstand fallen, denn er wusste, dass sein Freund seine Art zu denken in manchen Fällen, und so auch hier, nicht verstand. Es konnte nicht fehlen, dass die Unterhaltung bald eine Wendung nahm, wodurch sie die begebenheiten der Zeit berührte und der General bemerkte bei dieser gelegenheit: Jetzt hoffe ich, wird Dein Herz in sofern wenigstens sich kummerfreier fühlen, als nun nicht mehr Deutsche gegen Deutsche fechten werden, dieser Frieden stellt uns hierüber vollkommen sicher. Alle kleineren Staaten Deines Dir so teuern Vaterlandes sind mit Napoleon auf's Engste verbunden; Preussen wird durch die Umstände dazu gezwungen, und Oesterreich wird sich jetzt aufrichtig mit uns vereinigen.

Die Verbindungen der Staaten unter einander, erwiderte der Graf, können nie wie Privatfreundschaften betrachtet werden. Sie sind so lange aufrichtig, bis ein höheres Interesse andere Forderungen macht.

Was willst Du damit sagen? fragte der General. Weisst Du nicht, dass die Tochter des österreichischen Monarchen Kaiserin von Frankreich wird?

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