so glücklich, nur einen Freund zu besitzen, den er wahrhaft ehren kann, so wird ihn diess doch vor der schlimmsten Selbstsucht bewahren, und er wird sich das Bild einer edleren Menschheit dennoch zu erhalten wissen.
Der Graf hatte mit lebhafter Bewegung gesprochen, und die Freunde hatten, ehe sie vermuteten, die erste Post erreicht, wo sie sich trennen wollten. Der Graf Robert schied von seinem Oheim mit erhöhter Empfindung, denn er hatte die Einsicht gewonnen, dass nicht ein leicht erregtes Gefühl diesen zu grossmütigen Entschliessungen bestimmte, sondern dass ein entschiedenes Wollen einer wahrhaft edlen Seele seine Handlungen leitete. Und dennoch hat er Unrecht, sagte er zu sich selber. Ich habe oft einzelne Menschen zu hart beurteilt; seine unbillige Härte aber trifft die Menschen im Allgemeinen, und er dürfte nur um sich blicken, um seinen Irrtum zu erkennen, denn wie viele treffliche Menschen haben sich um ihn her versammelt. Und wären diese alle so trefflich, fragte er sich betroffen weiter, wenn er sie nicht zu sich herauf bildete, und könnte er das in dem Grade ohne die hülfe seines grossen Vermögens? Ja ich selbst, fuhr er mit Beschämung in seinen Betrachtungen fort, was wäre aus mir geworden, der ich in finsterm Grimm ihn zu bestürmen kam, wenn seine Lage ihn gezwungen hätte, nur sein Recht gegen mich zu behaupten? Hätte ich ihn wohl jemals richtig würdigen und verstehen können, wenn ich trostlos von ihm hätte scheiden müssen? Würde ich mich nicht mit kaltem Hass von dem mann abgewendet haben, den ich jetzt mit Zärtlichkeit liebe und verehre? Es ist gewiss, fuhr der junge Mann seufzend in seinen Gedanken fort, es ist leider gewiss, nicht bloss unsere Gefühle, auch unsere Tugenden hängen von Zufällen ab. Wenige ragen wie mein Oheim aus der Menge hervor, und einen wie weiten Weg habe ich noch vor mir, ehe ich ihn erreiche. Aber er hat Recht, mit Beschämung muss ich es eingestehen, der reiche Schatz seines Geistes und seines Herzens würde unerkannt von der Erde wieder verschwinden, wenn die Güter des Glücks nicht die Dollmetscher seiner edlen Seele würden. Mit solchen Gedanken beschäftigt erreichte der Graf Schloss Hohental, während sein Oheim sich immer weiter davon entfernte und die Residenz bald möglichst zu erreichen wünschte, wo er mit sehnsucht erwartet wurde.
Als der Graf seine Reise zurückgelegt hatte und in Berlin eingetroffen war, wurden ihm nach den ersten freudigen Begrüssungen und teilnehmenden fragen mehrere während seiner Abwesenheit angekommene Briefe eingehändigt. Zwei von diesen Schreiben erregten seine besondere Aufmerksamkeit. Das eine von St. Julien, in dem er meldete, dass der Abschluss des Friedens täglich zu erwarten sei, und dass er alsdann leicht Urlaub erhalten könne, um sich mit den teuern Eltern und der zärtlich geliebten Braut wieder auf einige Zeit zu vereinigen. Der andere Brief war von einem Rechtsanwald aus München, der dem Grafen meldete, dass in den furchtbaren Schlachten bei Aspern und Wagram, in denen die Baiern für Napoleon fochten, mehrere entfernte Mitglieder seiner Familie geblieben wären, so dass von dem im südlichen Deutschland lebenden Zweige derselben Niemand mehr vorhanden sei, als eine witwe, die bei der durch die vielen Todesfälle eingetretenen Erbschaft gleiche Rechte mit ihm habe, und in deren Namen er sich der Teilung wegen an den Grafen wende. Der Nachlass bestehe, wie der Rechtsgelehrte meldete, in einem am Rheine gelegenen Gute und einigem baaren Vermögen. Da aber die Miterbin als eine witwe sich bei den gegenwärtigen unruhigen zeiten nicht gern mit einem Grundbesitz befassen wolle, so schlug ihr Rechtsfreund dem Grafen vor, nach billiger Uebereinkunft das Gut zu behalten, und lud ihn ein, entweder selbst zu diesem Behufe nach München zu kommen oder Jemandem seine Vollmacht in dieser Angelegenheit zu übersenden.
Es ist furchtbar, seufzte der Graf, wie verheerend diese ewigen Kriege wirken, ganze Geschlechter werden ausgerottet. Er teilte seiner Gemahlin die empfangenen Nachrichten mit, und Beide entschieden sich, die Reise nach München anzutreten und den geliebten Sohn dortin zu bescheiden, weil der Graf glaubte, dass er von dort, durch einen eng mit Napoleon befreundeten Hof, leichter Mittel finden würde, die Anerkennung des Namens Evremont für St. Julien zu bewirken, als von Berlin, wo er sich nicht mit einem Gesuche an die französischen Machtaber wenden durfte, ohne einen gehässigen Schein auf sich zu laden. Die Gräfin sah die Triftigkeit seiner Gründe ein; ihr Herz schlug dem Sohne entgegen und aus Emiliens Augen leuchtete seliges Entzücken, als sie vernahm, wie bald sie St. Julien wieder zu sehen hoffen durfte; und eine sanfte Rosenglut brannte verschönernd auf ihren Wangen, als der Graf bemerkte, dass doch dieser Frieden vielleicht so lange dauern würde, als unerlässlich notwendig wäre, um zwei Liebende zu vereinigen. Sollen wir denn ewig vor der Erneuerung des Blutvergiessens uns ängstigen? fragte die Gräfin. Kann man einen Friedensschluss, wie er jetzt eintreten wird, anders als wie einen Waffenstillstand betrachten? entgegnete der Graf. Die Frauen seufzten über die trüben Aussichten, aber dennoch wich der Kummer der gegenwärtigen freudigen Hoffnung. Der alte Dübois schien sich zu verjüngen. Mit Eifer wurden die Anstalten zur Reise durch ihn betrieben, und aus den Augen des Greises leuchtete ein Strahl der Freude bei dem Gedanken, dass er den jungen Grafen Evremont wiedersehen sollte, denn er erlaubte sich nie St. Julien anders zu nennen seit seiner Erkennung.
Der Graf hatte St. Julien nach München beschieden. Die Gräfin hatte ihrer Adele den gefassten Entschluss gemeldet.