Obrist kam nicht; ihn fesselte Altersschwäche an sein Lager, wo er den Schlummer gewöhnlich erst gegen Morgen fand. Der Graf tadelte liebevoll die ihn umringenden Freunde, dass sie ihr Wort nicht gehalten und sich der Ruhe entzogen hatten. Er entriss sich mit sanfter Gewalt ihren Armen und traf, als er eilig die Treppe hinunter stieg, auf Gustav Torfeld, der auch noch ein Wort des Abschiedes von dem edlen mann gewinnen wollte. Der Graf reichte ihm freundlich die Hand und lud ihn ein, die nächsten Ferien zu benutzen, um einen teil Deutschlands zu durchreisen und dann auch ihn zu besuchen, da, wo er sich eben aufhalten würde. Ein Strahl von Freude zuckte über des Jünglings Antlitz bei der Vorstellung einer genussreichen Reise. Ich werde sorgen, dass Ihnen die Mittel nicht fehlen, sagte der Graf gütig, indem er mit seinem Vetter den Reisewagen bestieg.
Es war ein kühler Herbstmorgen. Die natur hatte sich in wenigen Tagen auffallend verändert; sie hatte den sommerlichen Charakter verloren. Das Laub der Bäume welkte und fiel ab, und die Waldung wurde dadurch lichter, obgleich ein neuer Reiz entstand, indem die Bäume, nachdem ihr Laub das frische Grün verloren, in verschiedenen Farben prangend, von der Morgensonne beschienen funkelten. Beide Reisende sassen eine Zeit lang schweigend neben einander; endlich sagte der Graf: Sie blicken so tiefsinnend vor sich nieder, lieber Vetter; was kann Sie in so ernste Gedanken versenken?
Ich dachte, sagte der Graf Robert, indem er bewegt die Hand des Oheims drückte, wie viel Segen ein edler Mensch um sich verbreiten kann, und wie er dann im Kreise der durch ihn Glücklichen durch Liebe herrscht wie ein unumschränkter Monarch; wie alles das, was an den Höfen der Fürsten gespielt wird, um der Etikette zu genügen, oder aus Eigennutz, oder aus lächerlicher Eitelkeit, hier der Abdruck wahrer Empfindungen ist; denn Wer in ihrem kleinen Königreiche, teurer Onkel, fuhr er sich zum Lächeln zwingend fort, ist nicht beglückt, wenn Sie ein freundliches Wort an ihn richten? Wer fühlt sich nicht gekränkt, wenn Sie ihn übersehen? Wer ringt nicht danach, Ihr beifälliges Lächeln zu gewinnen, und Wer ist nicht stolz darauf, wenn er Ihnen durch unbedingten Gehorsam seine Verehrung und Ergebenheit beweisen kann? Nein gewiss, schloss er, die Menschen sind nicht so gefühllos, wie man oft von ihnen behauptet; sie erkennen gern einen edlen Geist an und beugen sich willig seiner Ueberlegenheit.
Ich will nicht zur Unzeit den Bescheidenen mit Ihnen spielen, erwiderte der Graf. Ich will Ihnen zugeben, dass ich mich nicht für böse halte, dass ich überzeugt bin, das Beste zu wollen, dass ich zuweilen im stand bin, Andere auf die rechte Bahn des Lebens zu leiten. Ich will es eingestehen, dass mein Herz bewegt wird von fremder Not, und dass mein Geist dann eifrig auf Mittel denkt, sie zu vermindern. Aber, teurer Vetter, alle diese Eigenschaften würden nicht im stand sein, mir mein kleines Königreich, wie Sie es nennen, zu bilden, wenn mir der Himmel nicht ohne mein Zutun ein bedeutendes Vermögen gewährt hätte. Wäre ich arm, fuhr der Graf fort, indem er die Hand seines Vetters drückte, dann würde ich zufrieden sein, einen Freund zu finden, der mein Herz verstände und meinen Charakter unter allen Umständen richtig würdigte, und ich würde unter den übrigen Menschen verkannt, einsam und vergessen, ja von denen, die sich meiner erinnerten, um eben der Eigenschaften Willen, die Sie jetzt erheben, getadelt und verachtet umhergehen.
unwillig zuckte die Hand des Grafen Robert in der seines Oheims. Getadelt, verachtet und verfolgt – fuhr dieser mit Nachdruck fort; denn eben die Eigenschaften, die man jetzt anerkennt, würden mich wahrscheinlich hindern ein Vermögen zu erwerben; denn nicht alle Mittel würden mir gleich sein, um diesen Zweck zu erreichen, und da ich niemals meine Seele zur Verehrung des Geldes gewöhnen könnte, so würde ich auch nie den gehörigen Eifer erlangen, um es zusammen zu häufen. Dabei würde mein ganzes Leben ein stillschweigender Tadel so vieler Andern sein, den ich durch keine Annehmlichkeit zu mildern vermöchte, die wir durch unser Vermögen so leicht unsern Bekannten verschaffen, und sie könnten dann nicht denken wie jetzt, wenn ich unwillkührlich strengere Grundsätze ausspräche: Er hat gut reden, wäre seine Lage so beschränkt wie die unsere, so würde er eben so denken wie wir, so würde mir denn Niemand meine abweichende Lebensansicht verzeihen wollen. Die Mildesten würden sie für Torheit erklären, die Härteren mich für einen kopflosen, verschrobenen Menschen halten.
Sie haben so oft meine Härte getadelt, sagte sein Vetter mit dem Ausdrucke des Erstaunens, wenn ich ein Urteil über die Menschen aussprach, und nun muss ich Ihre Ansicht weit härter finden und in der Tiefe Ihrer Seele eine Menschenverachtung, die mich erschreckt.
Nicht der ist milde, erwiderte der Graf, der in der Täuschung lebt, die Menschen im Allgemeinen für trefflich hält und aus diesem Gesichtspunkte handelt. Nur dessen Herz darf so genannt werden, der die Menschen kennt und ihnen verzeiht, und indem er die Fehler Anderer einsieht, sich zugleich der eigenen Schwäche bewusst ist und es sich eingesteht, dass vielleicht am Meisten der Stolz der Seele ihn aufrecht erhält, der ihm den Willen gibt, sich nicht zu beugen. Freilich wird ein Solcher in vielen Fällen, wenn er Andern beisteht, sich nur selbst befriedigen; aber ist er