ich mir einbildete, dass sie liegen musste, doch machte ich mir keine Sorgen, da ich sie nicht fand, und meinte, ich irrte mich über den Ort, wo ich sie aufgehoben glaubte, und nahm mir vor zu gelegenerer Zeit ordentlich zu suchen. Der alte Mann schien mir empfindlich und verstimmt, dass ich ihm die Schlüssel sogleich bei meiner Ankunft abgefordert hatte; auch schien er mir verdrüsslich, als er die lange Ruhe des Schlosses gestört sah, da in den nächsten Tagen die ganze Dienerschaft eintraf, deren wir hier bedurften. Kurz, er bat mich, ihm zu erlauben, die Pension, die er von Alters her hat, an einem andern Orte verzehren zu dürfen, da er sich selbst zu alt fühle, mir noch dienen zu können. Ich bewilligte seine Bitte gern, und wir trennten uns zu beiderseitiger Zufriedenheit, denn wenn ihm die Unruhe zuwider war, so war mir seine ewige Unzufriedenheit unerträglich.
Hm, hm, brummte der Pfarrer, es ist kaum denkbar, dass er das Dokument haben sollte, und ich hoffe noch immer, ich werde es finden.
Sie würden mir eine grosse Unruhe vom Herzen nehmen, sagte der Graf.
Wir haben heute Mittwoch, bemerkte der Pfarrer, bis Sonnabend Nachmittag habe ich Zeit hier zu bleiben, dann muss ich nach haus und an meine Predigt denken; wenn Sie mir könnten ein Zimmer in der Nähe des Archivs anweisen lassen, so wollte ich diese Zeit dazu benutzen, um eine genaue Nachsuchung anzustellen, ich müsste aber meine Frau davon erst benachrichtigen, damit sie mich nicht vergeblich erwartet.
Der Graf zog die Klingel und gab dem eintretenden Bedienten die nötigen Aufträge. Wenn der Reitknecht gesattelt hat, fügte der Pfarrer hinzu, so soll er noch erst zu mir kommen, damit ich ihm ein Billet an meine Frau mitgeben kann.
Nachdem diese Anordnungen getroffen und das Zimmer des Pfarrers eingerichtet war, nahm er es in Besitz, und war so unvermutet auf mehrere Tage ein Gast des Schlosses geworden. Nachdem er nun an seine Frau geschrieben hatte, verfügte er sich sogleich nach dem Archive und fing seine Nachforschungen an. Der Reitknecht kam vor Abend mit der Antwort von der Frau Predigerin zurück und brachte zugleich einige Wäsche für den Pfarrer, Pfeifen und einen grossen Vorrat Taback zu seinem Gebrauche mit.
Während der Graf und der Pfarrer im Gesellschaftszimmer geblieben waren, und der Erstere den Geistlichen mit seinen Verlegenheiten bekannt gemacht hatte, hatte sich der Haushofmeister Dübois zur Gräfin verfügt, um ihr Alles, was er über den Kranken hatte in Erfahrung bringen können, mitzuteilen.
Der junge Mann war viel besser geworden, und selbst der Arzt untersagte seit einigen Tagen das Sprechen nicht mehr gänzlich. Dübois hatte ihm also mit Geschicklichkeit nach und nach abgefragt, wovon er glaubte, dass es die Gräfin zu wissen wünschte, um aber so viel als möglich ihr jede Bewegung des Gemüts zu ersparen, hatte er die gesammelten Nachrichten aufgeschrieben und reichte der Gräfin das Blatt. Es ist besser, sagte er, wenn die gnädige Frau Gräfin das Aufgeschriebene lesen, als wenn ich es mündlich vortrage, beim Sprechen könnten leicht Erinnerungen rege werden, die Erschütterungen verursachen würden.
Es hätte der Haushofmeister unstreitig besser getan, an diese Erinnerungen nicht zu erinnern, indess die Gräfin beherrschte sich und nahm mit scheinbarer Gelassenheit das Blatt aus seiner Hand. Der Name des jungen Mannes, las die Gräfin, ist Adolph St. Jülien. Adolph! wiederholte sie und eine Träne fiel auf das Blatt. Er ist der Sohn, fuhr sie mit zitternder stimme fort, eines reichen Banquiers, der vor mehreren Jahren gestorben ist; die Mutter lebt noch, und der Sohn wünscht sehnlichst, ihr Nachricht von sich geben zu können. Da er in den Rheinprovinzen erzogen ist, so spricht er beinah eben so gut Deutsch, als Französisch. Er dient seit einigen Jahren in der Armee und ist Kapitain des Regiments.
Die Gräfin schwieg und schaute lange vor sich nieder, endlich richtete sie mit einem tiefen Seufzer die Augen auf den Haushofmeister und sagte: Es klingt ganz so fremd, wie ich vernünftiger Weise erwarten musste; nehmen Sie Ihr Blatt zurück, fuhr sie fort, indem sie es ihm hinreichte, und vergessen Sie meine wahnsinnigen Hoffnungen, die ich durch nichts, durch gar nichts begründen kann und kaum vor mir zu entschuldigen vermag.
Die Aehnlichkeit ist so auffallend, sagte Dübois furchtsam.
Sie raten mir Erinnerungen zu vermeiden, sagte die Gräfin schmerzlich lächelnd, die Sie selbst nun erregen.
Mich zwingt die Pflicht ehrerbietig daran zu erinnern, sagte der alte Mann schüchtern. Herr St. Jülien ist jetzt in der Besserung, er wird morgen etwas aufstehen; er wird in einiger Zeit das Zimmer verlassen können, und wird dann doch natürlich wünschen, der gnädigen Frau Gräfin seine Dankbarkeit zu bezeugen. Wenn nun sein Anblick –
Ich verstehe Sie, sagte die Gräfin, Sie haben Recht, ich muss meine Gedanken schon daran gewöhnen, diese Aehnlichkeit in einem mir völlig fremden Wesen zu betrachten, um ruhig zu bleiben, oder doch zu scheinen, wenn er mir lebendig vor Augen steht. Sein Sie ohne Sorgen, guter Dübois, fuhr sie fort, indem sie sich ihm näherte. Hatte ich auch keinen Grund mich zu beherrschen, als nur diesen alten Augen Tränen zu ersparen, die schon so viele über meine Leiden vergossen haben, so würde er mir hinreichend sein. Verlassen Sie mich aber jetzt, fuhr sie gütig fort, wir sind