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eine Handlung der Güte in eine Pflicht zu verwandeln. Nach dieser Erklärung empfahl sich Herr Moses, nachdem er geäussert hatte, dass er sich unter solchen Umständen auf kein Geschäft mit dem alten mann einlassen könne.

Nachdem er den Saal verlassen hatte, sagte der Graf: Wie ist es nur möglich, dass der alte heillose Sünder in der kurzen Zeit, seit er das Erbe seines Sohnes empfing, so viel Geld ausgegeben hat?

Es tut mir leid es sagen zu müssen, erwiderte der Prediger etwas kalt, weil er des Grafen frühere Heftigkeit noch nicht hatte vergessen können, dass ihm nicht bloss die schlechte Gesellschaft von seinem Gelde geholfen hat, sondern auch die sogenannte gute. Der unselige Alte hat sich der Völlerei und dem Spiele ergeben, und manche haben es nicht verschmäht, grosse Summen von ihm zu gewinnen, die recht bedeutende Ansprüche in der Welt zu machen gewohnt sind. Aber gedenken Sie ihm nun Ihre Unterstützung zu entziehen, da er wieder in Not gerät, die Sie ihm zukommen liessen, wie er ihrer nicht bedurfte?

Keineswegs, sagte der Graf; da ich aber voraussehe, dass diess bald seine einzige Hülfsquelle sein wird, so will ich sie ihm erhalten; denn hätte ich ihm die Möglichkeit gegeben, seinen künftigen Unterhalt zu verkaufen, so, glaube ich, würde diess seinen Fall kaum einige Monate hingehalten haben.

Das ist sehr wahrscheinlich, sagte der Prediger, und es wäre gut, dass man ihn, wenn er alles Uebrige verloren hat, gewissermassen unter Aufsicht nähme, denn die ewige Trunkenheit hat seine Verstandeskräfte geschwächt, ihn unfähig gemacht, sich selbst zu regieren, ja, er ist völlig kindisch geworden. Denken Sie nur, er liess sich von Leuten, die ihn verspotteten, überreden, ein Bad zu besuchen, dort den grossen, vornehmen Gutsbesitzer zu spielen, sich zu lauter Edelleuten zu drängen und Summen an diese zu verlieren, welche bei den jetzigen drückenden Verhältnissen einen viel Reichern als ihn hätten zu grund richten müssen. Der Graf zuckte verächtlich mit den Schultern, und es liess sich nicht unterscheiden, ob diess dem alten Lorenz oder den erwähnten Edelleuten galt. Im Laufe des Gesprächs verabredete er mit dem Prediger, der seine gute Laune nach und nach wieder gewann, dass, wenn der Alte so weit sein würde, dass er nichts mehr, als die Unterstützung des Grafen besässe, er alsdann bei rechtlichen Leuten untergebracht werden sollte, die sich anheischig machten für alle seine Bedürfnisse zu sorgen, und die ihre Entschädigung aus den Händen des Geistlichen erhalten sollten, der alsdann nur den Ueberrest dem alten Lorenz zur beliebigen Verwendung einhändigen würde; und so ist dem alten Schuft, schloss der Pfarrer seine Vorschläge, ein weit besseres los gesichert, als er verdient.

Wenn wir streng sein wollen, sagte der Graf lächelnd, so ist diess mit wenigen Ausnahmen wohl bei allen Menschen der Fall.

Sie scheinen die Ansichten der strengen Teologen zu teilen, sagte der Prediger, die den Menschen für so verderbt halten, dass alles ihn umringende Elend immer noch nicht seine Bosheit und Schlechtigkeit hinreichend bestraft.

Ich spreche nicht von Ereignissen, erwiderte der Graf, die, unabhängig vom Menschen, das Geschlecht desselben bedrohen, gegen die man sich nicht verteidigen kann, weil sie, uns unerreichbar, jeden Kampf unmöglich machen, und wo freilich oft bei vollkommener Unschuld ein unermessliches Unglück erduldet werden muss. Aber im Ganzen werden Sie doch zugeben, dass sich unser Schicksal aus unserm Charakter entwickelt, und wenn wir am Abend unseres Lebens den Lauf desselben überdenken, glaube ich, werden wir zugeben müssen, dass unsere Torheiten, Schwächen und Irrtümer uns noch weit mehr Kummer bereiten, uns noch in eine schlimmere Lage hätten versetzen können, wenn diess nicht ein gütiges Geschick zu unserem Besten abgewendet hätte.

Diess Gespräch wurde durch den Grafen Robert unterbrochen, der seinem Oheim meldete, es sei Zeit, wenn er den kriegerischen Uebungen der jungen Landleute beiwohnen wollte, sich auf den den dazu bestimmten Platz zu begeben, weil man sich dem Grafen zu Ehren versammelt habe, obgleich es heute kein Sonntag sei. Der Graf war bereit seinem Vetter zu folgen und der Prediger bat spöttisch um die erlaubnis die Herren zu begleiten, und man bemerkte an der verdrüsslichen Art, wie der Graf Robert diese Begleitung annahm, dass sie ihm keineswegs angenehm war.

Wir haben hier recht ein Bild von dem Zustande Frankreichs, sagte der Prediger noch immer spöttisch, zum Grafen gewendet, wie es war, als die erste Begeisterung seine Jugend vereinigte zum Kampfe gegen die ganze Welt. Eben so drängen sich die jungen Landleute hier herum zu den Waffenübungen, und selbst Wer Anfangs über die Begeisterung lachte, die Ihr Herr Vetter unter Ihren Untertanen verbreitete, ward nach und nach von der Krankheit ergriffen, und statt des ehemaligen sonntäglichen Kegelspiels beschäftigt Exerciren und Marschiren weit und breit die kampflustige Jugend, wie gesagt, ganz wie in der Periode der Begeisterung in Frankreich.

Und haben Sie vergessen, sagte der Graf ernstaft, was Frankreich damals in dieser Begeisterung Unglaubliches vollbrachte? Und sollte es nicht möglich sein, dass das, was jetzt wie eine törichte Spielerei erscheint, noch einmal nützlich wäre? Ueberrascht blickte der Pfarrer dem Grafen in die Augen. Es schien, er wollte mit Begierde darin einen tieferen Sinn der Rede lesen. Der Graf aber fuhr ruhig fort: Und wenn diese kriegerischen Uebungen auch zu nichts weiter führen, so machen sie doch die jungen Leute gewandter, und schon das ist Gewinn.