1836_Bernardi_007_194.txt

; es ist Lehndorf. Um Gottes Willen, einen Bissen Brodt!

Ich werde hülfe schaffen, rief der Graf Robert und wollte in Verzweiflung fortstürzen. Bleiben Sie hier bei Ihren Freunden, sagte sein Oheim, ihn zurückhaltend, ich weiss hier in der Nähe hülfe.

Der Graf eilte auf einem Fusspfade quer durch den Wald und erreichte bald die versteckt liegende, einsame Hütte eines Waldwächters. Der Bewohner selbst war in den Forst gegangen, und nur sein Weib und ein Knabe von etwa zwölf Jahren waren im haus. Der Graf erforschte dringend und eilig, zum Erstaunen des Weibes, welche Nahrung die Hütte bieten könnte, und entraffte ihren Händen einen Krug Milch, den er dem Knaben gab, indem er ihm eilig zu folgen befahl. Er wollte schon die Hütte verlassen, als er sich besann, dem weib ein Geschenk gab und ihr befahl, so eilig als möglich einen kleinen Wagen zu bespannen und damit auf der nahe gelegenen Stelle des Waldes zu erscheinen, die er ihr bezeichnete und die sie sehr wohl kannte.

Der Graf schritt so hastig voran, dass der Knabe, der den Milchkrug in Händen hatte, ihm kaum zu folgen vermochte, und so erreichten sie, ganz erhitzt, sehr bald den Platz, wo der Graf Robert mit Todesangst die Rückkehr seines Oheims erwartete.

Es war die letzte Kraftanstrengung gewesen, mit welcher Werteim sich den beiden Verwandten zu nähern gesucht hatte. Er war dem Grafen Robert in die arme gesunken, so wie dessen Oheim, um hülfe zu suchen, enteilte. Ich sterbe, hatte er kaum hörbar hervor geächzt, als der bekümmerte Freund ihn sanft auf den Boden niedersenkte. Ein leises Stöhnen des andern Elenden zeigte, dass auch dieser noch lebe. Der Graf Robert brachte Reisig zusammen, breitete seinen Mantel darüber und suchte nun beide unglückliche Freunde in eine bequemere Stellung zu bringen, indem sie neben einander mit den Köpfen auf dieser Erhöhung ruhten. Das kraftlose Aechzen der Verschmachtenden zerriss sein Herz. Mit entsetzlicher Angst erwartete er die Rückkehr des Oheims, denn er fürchtete, jeder Augenblick könne der letzte der Leidenden sein.

Endlich erschien der Graf, selbst sehr erhitzt, und ihm folgte mit von der Eile glühendem Antlitz der Knabe. Die matten Blicke der Sterbenden richteten sich dem Retter entgegen. Der Graf nahm den Krug aus den Händen des Knaben, der mit weit geöffneten Augen die Schreckbilder menschlichen Elends anstarrte. Er neigte sich zu Werteim, dessen vor Begierde zitternde Lippen sich dem rand des Kruges näherten, den die abgemagerten hände mit krampfhafter Gewalt umspannten und nicht wieder lassen wollten. Der Graf, der das Gefährliche des Uebermasses nach langer Entbehrung kannte, brach mit Gewalt die Finger des gierig Schlürfenden aus einander und wendete sich zu dem Leidensgefährten desselben, der in kaum vernehmbaren Tönen über die Selbstsucht des Freundes klagte. Als auch dieser erquickt war, sendete der Graf den Knaben dem Fuhrwerk entgegen, das auch nicht lange ausblieb. Die beiden Unglücklichen wurden auf den mit Stroh gefüllten kleinen Leiterwagen gehoben, mit den Mänteln der Grafen bedeckt und Graf Robert begleitete diess Fuhrwerk, das sich auf den Waldwegen nur langsam fortbewegen konnte, indess sein Oheim auf Fusspfaden voran eilte, um den Arzt von dem Geschehenen zu benachrichtigen und die Aufnahme der Kranken im schloss vorzubereiten.

VI

Nach den ersten Ausrufungen des Erstaunens ergriff der Arzt schnell einige stärkende Mittel, die er gleich anzuwenden gedachte, und wollte den Kranken entgegen eilen, doch plötzlich blieb er stehen, betrachtete mit blinzelnden Augen den Grafen und sagte: Vor Allem muss ich für Sie sorgen, das ist das Dringendste. Ich bin gesund, sagte der Graf, ich bedarf keiner hülfe. Sie sind furchtbar erhitzt, erwiderte der Arzt, und Sie sind in dem Alter, wo Schlagflüsse anfangen das Leben auch des Gesundesten zu bedrohen. Ueberlassen Sie mich nur meinem Schicksale, sagte der Graf lächelnd, mein Blut wird sich von selbst wieder abkühlen. Nein, rief der Arzt mit Heftigkeit, und Tränen funkelten in den kleinen Augen, nie würde ich es mir verzeihen, hätte ich meine Pflicht gegen Sie versäumt, und wie könnte je mein Gewissen sich wieder beruhigen, wenn durch meine Nachlässigkeit das Leben eines erhabenen Menschenfreundes, des Schöpfers meines Glücks, auch nur um eine Stunde verkürzt würde?

Der Graf fühlte sich bewegt durch die Liebe des Arztes, wenn sie sich auch auf eine etwas wunderliche Weise kund tat. Er liess sich also dessen Verordnungen gefallen, und bald fühlte er, dass seine Pulse wieder regelmässig schlugen, und das Blut nicht mehr gewaltsam zum kopf und zum Herzen drängte.

Der Arzt hatte, ehe er den Kranken entgegen eilte, seiner Base einen Wink gegeben, die sich sogleich mit Mägden und Bedienten in laute Tätigkeit versetzte, um das für die Kranken bestimmte Zimmer mit allen erforderlichen Bequemlichkeiten zu versehen.

Die Dämmerung des Abends hatte schon die Gegend rings umher in tiefe Schatten gehüllt, als das elende Fuhrwerk, auf dem die Kranken lagen, von dem Grafen Robert und dem Arzt begleitet, das Schloss erreichte. Mühsam wurden die beinah Leblosen vom Wagen gehoben, und sie empfanden eine schmerzliche Wollust, als sich die entkräfteten Glieder nach so harten Entbehrungen zum ersten Mal wieder auf ein bequemes Lager streckten. Der Arzt war von heftiger Rührung ergriffen, als er die beinah vernichteten, in widrige Lumpen schmachvoll gehüllten Gestalten betrachtete. Wie gross kann das menschliche Elend sein! rief er klagend. Hier ist die grösste Vorsicht nötig, und Gott! wie werde ich den alten Dübois vermissen!