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Man versammelte sich des andern Tages im saal des Schlosses. Der Obrist erschien in der Uniform mit dem von Friedrich dem Zweiten erhaltenen Orden pour le merite, und seine Gestalt erschien in der vollen Kleidung noch hinfälliger. Der Prediger sass abgesondert, sich zur Rede, die er beabsichtigte, sammelnd. Alles zur Feierlichkeit Erforderliche war geordnet, und die Taufhandlung sollte beginnen. Man reichte dem Obristen seinen neugebornen Enkel. Er wollte ihn in den Armen empfangen, aber die vor Alter und Rührung zitternden Glieder versagten ihm dem Dienst. Er deutete auf den Grafen und eilte mit bebenden Händen die Tränen zu trocknen, deren er sich schämte, weil er fühlte, dass die Kraftlosigkeit des Alters eben so viel Anteil an ihnen hatte, als die Rührung der Liebe. Der Neugeborne wurde Walter genannt, nach seinem würdigen Grossvater. Die Feierlichkeit war beendigt; die mannigfaltigen in den Herzen aller Teilnehmer angeregten Empfindungen schwanden nach und nach, und gaben einer ruhigen Heiterkeit Raum, die es gestattete, dass sich das Gespräch auch auf Geschäfte richtete. Der Prediger verliess nach der Mittagstafel das Schloss. Die Schwäche des Obristen erforderte Ruhe, deren die junge Mutter ebenfalls bedurfte, und der Graf schlug seinem Vetter einen Spaziergang vor, den dieser benutzen wollte, um den Oheim zugleich mit den Verbesserungen in der Bewirtschaftung bekannt zu machen. Ihr Weg führte die beiden Verwandten auch zu dem Besitztume des Arztes und seiner Base. Der Bau war schon weit fortgeschritten. Der Graf lobte den etwas veränderten Plan, den das Treibhaus nötig gemacht hatte, das nach des Arztes heftigem Wunsche mit dem haus in Verbindung stehen sollte. Er lächelte, als er die Anlage zu dem Balkon bemerkte, der so viele Streitigkeiten veranlasst hatte, und riet dann seinem Vetter ernstaft, den Bau des Hauses so sehr als möglich zu beschleunigen, damit er bald möglichst die Frau Professorin aus dem schloss auf eine freundschaftliche Weise entfernen könne. Denn Sie werden bemerken, setzte der Graf hinzu, dass der sanfte Charakter Ihrer Mutter und die schüchterne Jugend Ihrer Gemahlin der wohlmeinenden Herrschsucht dieser Frau zu viel Raum geben, und desshalb diess verhältnis, wenn es noch lange fortbesteht, am Ende sich notwendig auf eine unangenehme Weise auflösen muss.
Der Graf Robert sah die Richtigkeit dieser Bemerkung um so mehr ein, da ihm mehr als ein Mal die rücksichtslose Dreistigkeit dieser Frau unangenehm gewesen war, die um so schroffer hervortrat, da sie nicht mehr durch den Grafen und seine Gemahlin in Schranken gehalten wurde, und für die übrigen Mitglieder der Familie nicht die gleiche Ehrfurcht empfand; da sie sich nun bewusst war, dass sie es wohl meinte, und immer das Gute und Verständige wollte, so kümmerte sie sich wenig darum, in welcher Form sie ihre Meinung ausdrückte.
Der Graf Robert fühlte sich heiter befriedigt durch die Anerkennung des Oheims, der allen Bestrebungen seines Vetters, die Bewirtschaftung der Güter zu verbessern, vollkommene Gerechtigkeit widerfahren liess, und die Verwandten setzten ihren Weg fort, alles Geschehene und alles noch Erforderliche besprechend. Es war ein heiterer, milder Herbsttag, und auch der herannahende Abend behielt den milden, sommerlichen Charakter. Die beiden Freunde beschlossen den Rückweg über die nahen Hügel zu nehmen und schlugen desshalb einen Fusspfad ein, der bei einer einsamen, in einem engen Tale liegenden Mühle vorbeiführte. Als sie über die schmale brücke des Mühlbachs schreiten wollten, blieben Beide unwillkührlich stehen. Die scheidende Sonne vergoldete das enge Tal, und des Abendhimmels Purpur und Gold spiegelte sich auf dem brausenden, schäumenden Mühlbach, der seinen funkelnden Schaum eilig hinunterstürzte und erst später als dunkelblaue Flut, den blumigen Ufern schmeichelnd, sich durch das Tal schlängelte. Beide Freunde gaben sich den Eindrükken des schönen Abends hin, und die Erinnerung an die Mühen des Lebens entschwand ihrem Gedächtniss. Sie erstiegen die waldbewachsenen, noch reich belaubten Hügel und lächelten, wie ein durch die Tritte der Wanderer aus dem hohen Grase aufgescheuchtes Reh an ihnen vorüber sprang und sich im Fliehen mit klugen Augen nach den vermeintlichen Feinden umschaute. Sie gingen weiter, und ein nahes Rauschen im seitwärts liegenden dichten Gebüsch erregte in ihnen die Vermutung, dass ein zweites wild dem ersten folgen würde. Sie blieben stehen, ihre Blicke auf das Gebüsch gerichtet. Die Zweige desselben wurden auseinander gebogen und eine dürre Hand streckte sich hindurch. Ein bleiches Gesicht, das dunkles, verwildertes Haar und Bart noch bleicher erscheinen liess, zeigte sich und stierte mit dunkeln, glanzlosen Augen die beiden Verwandten an. Die bleichen, dünnen Lippen bewegten sich, doch blieb es ungewiss, ob sie zum Lächeln oder Reden die in dem abgemagerten Gesicht sehr lang erscheinenden Zähne entblössten. Spuren einer Uniform zeigten sich in den Lumpen, die den vorgestreckten Arm bedeckten. Der Graf starrte diess Bild menschlichen Elends mit Entsetzen an; der Graf Robert aber rief, nachdem er noch einen Augenblick mit höchster Spannung die Erscheinung betrachtet hatte, die hände zusammenschlagend: Heiliger Gott! es ist Werteim! Der Genannte bejahte durch eine Senkung des Kopfes mit beinah wahnsinnigem Lächeln. Graf Robert sprang auf ihn zu. Einen Bissen Brodt, sagte er mit hohler, wie aus dem grab klingender stimme, und auch für jenen, wenn es noch Zeit ist. Der jüngere Graf und sein Oheim waren durch das Gebüsch gedrungen und warfen einen blick des Entsetzens auf die mit scheusslichen Lumpen nur unvollkommen bedeckten Glieder des als Werteim Erkannten. Dieser deutete auf einen bewegungslos im Grase liegenden Gegenstand. Die Grafen wollten sich diesem nähern. Er wird tot sein, sagte Werteim dumpf