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, den neugebornen Sohn in den Armen, ihm entgegentrat. Sie wollte ihn anreden, doch die heilige Rührung der ersten Mutterliebe machte, dass ihr die stimme versagte. Sie reichte ihm das Kind entgegen und der Graf, von Gefühl überwältigt, neigte sich herab und drückte einen leichten Kuss auf die unschuldige Stirn des dem Leben bewusstlos entgegen schlummerden neuen Bürgers der Erde. Indem seine Lippen das zarte Kind berührten, zuckte das schmerzliche Gefühl durch seine Brust, dass der Himmel ihm das höchste menschliche Glück versagt habe, und er wendete sich ab, um diess Gefühl nicht bemerken zu lassen. Der Graf Robert wollte seinen Sohn der Mutter aus den Armen nehmen, weil er jede Anstrengung für sie noch für zu angreifend hielt, aber die Frau Professorin trat hervor und vereitelte seine Absicht. Es geht nicht an, sagte sie ziemlich trocken, dass Sie mit dem kind so viel herum handtiren. Bloss desshalb sind die ältesten Kinder so oft nervenschwach, weil die jungen Eltern mit ihnen wie mit einem Spielzeuge umgehen. Ein Kind muss vor allen Dingen Ruhe haben und in den ersten sechs Wochen seines Lebens nichts anderes tun, als Nahrung nehmen und schlafen, dann werden gesunde Menschen daraus. Während dieser Rede hatte sie den Neugebornen zur Ruhe in sein Bettchen gebracht, und nun erst richtete sie ihre tiefste, ehrerbietigste Verbeugung an den Grafen, die dieser höflich erwiderte, ohne indess sein begonnenes Gespräch mit der Mutter des Grafen Robert abzubrechen, der er sich, indess die Frau Professorin sprach, hatte vorstellen lassen. Diese schüchterne, sanfte Frau hatte ihr Leben ohne alle Freude verblühen sehen; ihre Jugend war im haus ihrer Eltern aus Mangel an Liebe traurig dahingeschwunden, Ihr Vater dachte nur an Handel und Gewinn, und nur sein Stolz verband sie mit dem Grafen, den er weder achtete, noch liebte. Im haus ihres Gatten war ihr Leben eine Kette von Bekümmernissen und Kränkungen, die teils aus Mangel, teils aus dem Hochmut der Freunde und Verwandten ihres Gatten, teils aus dessen eigenem Charakter entsprangen, den sie nicht achten konnte, obwohl sie sich ihren Gemahl zu lieben zwang. Armut nötigte sie, sich von dem Sohne zu trennen, den sie mit leidenschaft liebte, und die vernachlässigte Erziehung ihrer Töchter zu beweinen, deren traurige Zukunft sich gar nicht berechnen liess. Diese ganze drückende Last der Schmerzen war nun von ihr genommen, aber ihr Herz zitterte noch lange in den Nachwehen der Leiden, als sie schon täglich Gott mit Tränen für die glückliche Wendung ihres Schicksals dankte. Nach langen kummervollen Jahren war sie nun der peinvollen Sorgen der Armut entledigt, und sah sich und die Ihrigen mit allen Zeichen der Wohlhabenheit umgeben. Der Sohn, den die Abwesenheit seit den Kinderjahren ihr entfremdet hatte, war ihr von Neuem mit inniger Liebe zugewendet, die sich täglich mehrte, je mehr er das reine, liebevolle Gemüt der Mutter erkannte. Seine Gattin hatte sich ihr ganz in Zärtlichkeit hingegeben, und die verwilderten Töchter hatten das knabenhafte Toben längst mit den besseren Sitten sich entwickelnder Jungfrauen vertauscht. Der alte Obrist endlich hing mit dankbarer Freundschaft an dieser liebreichen Frau und sagte oft, indem er ihre Hand drückte: Wenn ich sterbe, ist mein Kind darum noch nicht verwaist, denn ihr bleibt eine Mutter, wenn der Vater scheidet. Dieses ruhige, sich in sanftem Wechsel kaum merklich bewegende Leben schien ihr nun von Neuem bedroht. Sie hatte die Ankunft des Grafen gefürchtet, auf die sich alle übrigen Glieder der Familie freuten, denn es schien ihr kaum möglich, dass ein reicher, vornehmer Mann ohne die Anmassung auftreten sollte, die ihr schon bei minder begüterten und minder ausgezeichneten Mitgliedern der Familie ihres verstorbenen Gatten so drückend geworden war. Sie war in dieser Meinung bestärkt worden, denn sie hatte sich herabgelassen, die Base des Arztes über die Persönlichkeit des Grafen auszufragen, weil sie sich gescheut hatte, diese fragen an die Mitglieder der Familie zu richten, und diese hatte in ihrer Beschreibung vor Allem die stolze, vornehme Haltung des Grafen hervorgehoben. Sie rüstete sich also mit Geduld und beschloss mit Sanftmut die Anmassungen des Wohltäters ihrer Kinder zu ertragen. Um so angenehmer wurde sie also überrascht, als der Graf zwar mit aller Feinheit der Sitten, die durch das Leben in der grossen Welt erworben wird, sich ihr näherte, aber sie vor Allen mit der Höflichkeit und achtung behandelte, die aus dem Gefühl entspringt und einen wohlwollenden Charakter bezeichnet. Bald fand sich also der Graf nur von dankbaren, liebenden Freunden umringt, und er bemerkte mit Vergnügen auch den jungen Gustav, der die Ferien der Universität benutzt hatte, um seinen grossmütigen Freund und Beschützer, den Grafen Robert, zu besuchen. Auch mit diesem Jüngling war eine grosse Veränderung vorgegangen. Er hatte sich männlicher ausgebildet und eine gewisse Aengstlichkeit im Betragen abgelegt, die durch das Drückende seiner früheren Verhältnisse entstanden war. Er nahm jetzt seine Stelle in der Gesellschaft mit anständiger Bescheidenheit ein; auch nannte ihn Niemand mehr Gustav, sondern nach seinem Familiennamen Herrn Torfeld.

Der Prediger hatte sich bald nach des Grafen Ankunft auf dem schloss eingefunden, und es wurde verabredet, dass die Taufe des Neugebornen am andern Tage Statt finden sollte. Da der Graf nicht lange im Kreise seiner Freunde verweilen wollte, so fühlte Niemand die Neigung, die wenigen Stunden des Beisammenseins durch geräuschvolle Gesellschaften zu verkümmern, und desswegen sollte die Taufhandlung nicht durch laute, prunkende Feste verherrlicht werden, sondern die im schloss versammelten nächsten Verwandten schienen den jungen Eltern die würdigsten Taufzeugen