die an den Rhein beordert waren, befand sich das Regiment, in welchem St. Julien diente, und Eltern und Geliebte hatten wenigstens den Trost, ihn sich näher zu wissen.
Niemals war die Hoffnung so allgemein, so lebendig gewesen, als nach Oesterreichs Kriegserklärung; vielleicht nur, weil der Druck, unter welchem die Völker seufzten, immer lästiger, ihr Unglück immer schmerzlicher wurde. Aber wie dem auch sei, es konnte dem Beobachter nicht entgehen, dass es nur einer siegreichen Schlacht bedurft hätte, und ein grosser teil Deutschlands hätte sich schon damals dem österreichischen Heere wider Napoleon angeschlossen; aber die Schlachten gingen verloren, und unaufhaltsam, wie ein reissender Strom, drangen Napoleons Heere vorwärts.
Alle Hoffnungen, die man damals auf Oesterreich setzte, gingen unter, und auch die laut mit Frankreich Krieg verlangende Berliner Jugend verstummte, denn ihr Held, in dem sie den Erretter, den Befreier Deutschlands zu sehen wähnte, war gefallen, mit Heldenmut zwar, aber für sein Vaterland völlig nutzlos, und die Ueberreste seiner tapfern Schaar, die nicht so glücklich waren, entfliehen und sich verbergen zu können, fielen einem Feinde in die hände, der sie nicht mit grossmütiger Schonung behandelte, sondern sie das härteste Schicksal erdulden liess.
Wer auch von Schills gewagtem Unternehmen nicht die Hoffnungen hegte, die seine lauten Bewunderer aussprachen, musste dennoch das unglückliche Ende eines Mannes schmerzlich beklagen, der Gutes und Grosses wollte, aber seine Zeit missverstand und desshalb der Zeit vorgriff.
Die Gräfin und Emilie lebten in dieser Zeit in qualvoller Angst. Dem Grafen selbst bangte für den geliebten Sohn, und alle Gründe, die er anführte, um die Frauen zu beruhigen, verloren ihre Kraft, weil man zu deutlich fühlte, dass er die Hoffnungen, die er erregen wollte, nicht teilen konnte. Auch Dübois ging trostlos umher. Der letzte Sprössling des Hauses Evremont! seufzte er oft für sich; Herr erhalte ihn, setzte er jedes Mal hinzu, indem er die gefalteten hände flehend zum Himmel erhob. Jedes Zeitungsblatt erhöhte die peinliche Unruhe der Familie; beinah ein jedes entielt Nachrichten von Gefechten und Schlachten, und man wusste, St. Juliens Regiment focht in den meisten, und von ihm selbst gelangte keine Nachricht zu der trauernden Familie. Endlich war der Waffenstillstand geschlossen und es liess sich voraussehen, dass der Friede auf denselben folgen würde, und zwar ein Friede, der Napoleons Macht nur noch höher heben und das unglückliche Deutschland noch tiefer niederdrücken musste. Diese überzeugung verbreitete eine schmerzliche Trauer über Deutschland, die auch der Graf empfand, aber die plötzlich gemildert wurde und der höchsten Freude im Kreise dieser Familie Raum gab, denn ein Paket von St. Julien traf ein und meldete nach allen überstandenen Gefahren, bis auf eine leichte Verwundung, seine vollkommene Gesundheit. Zugleich teilte er die Nachricht mit, dass er zum Obristen ernannt worden sei, beklagte aber, dass er in dieser unruhig bewegten Zeit noch nicht habe Mittel finden können, die Anerkennung des Namens Evremont zu bewirken. Sein Brief war im Taumel der Siegesfreude geschrieben, denn nur Frankreichs Ruhm und sein eigner, den er noch zu erreichen hoffte, hatten ihm vorgeschwebt, indem er schrieb; und er dachte nicht daran, welchen schneidenden Gegensatz sein Gefühl zu der schmerzlichen Trauer seiner Freunde über ihr Vaterland bilden musste. Die Frauen sahen über die Ausdrücke jugendlicher Begeisterung hinweg; sie suchten in St. Juliens Briefen nichts, als Zeichen fortdauernder Liebe, zärtlicher Treue, und fühlten nach langer Zeit schmerzlichen Grams und zerstörender Angst Ruhe und Hoffnung im beseligten, zärtlich bewegten Herzen. Des Grafen Freude war nur in den ersten Augenblicken rein. Er fühlte es in den nächsten Minuten schmerzlich, dass Männer doch nur dann ganz in Liebe verbündet sein können, wenn ihre heiligsten Interessen dieselben sind, und er wünschte sehnlicher als je, St. Julien bewegen zu können, Frankreich zu verlassen und sich als Bürger deutscher Erde zu betrachten; diese recht im Genusse des Sieges und des Ruhmes geschriebenen Briefe aber liessen ihn fürchten, dass der junge Mann schwer zu bewegen sein dürfte, eine Laufbahn aufzugeben, die seinem Ehrgeize so viele Befriedigung versprach. Man beantwortete St. Juliens Schreiben sogleich und der lang gestörte Briefwechsel wurde nun wieder regelmässig fortgeführt.
Noch war die Freude in allen Herzen lebendig, als der Graf von Neuem lächelnd die Bemerkung machte, dass der Mensch im Gefühle des hohen Glücks oder eines grossen Unglücks zunächst an sich denkt, und dass dann alles andere, was er sein Höchstes und Heiligstes immerwährend genannt hat, in den Hintergrund tritt und nur erst wieder beachtet wird, wenn die Freude oder das Leid, welches uns persönlich trifft, durch Zeit und Gewohnheit gemildert wird. Der Graf in seinem milden Sinne fand diese Empfindungsweise menschlich und natürlich, und meinte, wir wären noch weit von schnöder Selbstsucht entfernt, wenn wir auch die ersten Augenblicke des Glücks oder des Kummers ungeteilt uns selbst widmeten, sobald wir nur dann wieder auch auf andere Menschen und ihre Schmerzen uns besännen. Sein Vetter aber, der Graf Robert, hatte mit strengerem Sinn oft gegen ihn den Ruhm der Spartanertugend bewundernd anerkannt und behauptet, ein ächter Sohn des Vaterlandes werde dessen Unglück und Erniedrigung auch im höchsten eigenen Glücke stets empfinden; ja, er hatte behauptet, dass es für ihn gar kein Glück geben könne, das im stand wäre, sein Herz so ganz zu erfüllen, dass er seines Vaterlandes nicht gedächte, und nun hielt der Graf einen Brief von ihm in der Hand