dessen vorschnelle, unbescheidene Art zu fragen ihn noch eben so empfindlich verlezt hatte.
Ich wollte Ihnen eine Sache mitteilen, sagte der Graf nach langem Schweigen, die mir sehr am Herzen liegt; vielleicht könnte Ihr Rat und Ihre Tätigkeit mir vielen Verdruss ersparen, grosse Unannehmlichkeiten von mir abwenden; doch müsste ich vorher versichert sein, dass Sie sich der Mühe gern unterzögen und vor allen Dingen das unverbrüchlichste Stillschweigen beobachten wollten.
Die Empfindlichkeit des Pfarrers war nach dieser Einleitung völlig verschwunden, und mit wahrer Gutmütigkeit und reger Teilnahme sagte er: So viel in meinen Kräften steht, bin ich von ganzem Herzen bereit Ihnen zu dienen, und die Mühe, die ich dabei haben könnte, verdient gar nicht in Anschlag gebracht zu werden; auch gebe ich Ihnen mein heiliges Wort, dass, was Sie mir auch anvertrauen mögen, in meiner Brust so sicher bewahrt ist, wie in Ihrer eigenen. Ein Geistlicher, der nicht schweigen könnte, sezte er mit schlauem Lächeln hinzu, wäre ja der verächtlichste und der unbrauchbarste Mensch von der Welt.
So hören Sie denn den Grund meiner Sorgen und meiner Unruhe, sagte der Graf. Der grösste teil meines Vermögens rührt von einer Erbschaft meines Aeltervaters her, die er damals gemeinschaftlich mit seinem Bruder machte; mein Aeltervater behielt die Güter und zahlte seinem Bruder die Hälfte des Wertes aus, und es wurde ein Dokument darüber aufgesetzt, welches in dem Archiv des hiesigen Schlosses aufbewahrt wurde mit allen andern Familienangelegenheiten betreffenden Papieren. Vorigen Sommer nun meldete mir ein Freund nach Wien als ein Gerücht, dass die von dem Bruder meines Aeltervaters abstammende Linie gesonnen sei, Ansprüche auf mein Vermögen zu machen, indem sie vorgebe, die Teilung sei nie geschehen und ich also widerrechtlich im Besitz des ganzen Vermögens. Ich fand die Behauptung lächerlich, da ich zu gut wusste, dass das Dokument vorhanden sei. Indess die Sache war zu wichtig, als dass ich sie hätte Fremden anvertrauen mögen, und ich entschloss mich selbst im vorigen Herbste hieher zu kommen. Der Ausbruch des Krieges rief andere Gedanken und andere Sorgen hervor, und ich dachte nicht mehr ernstaft an die erste Veranlassung meines Hierseins. Vor einigen Wochen erfuhr ich, dass meine Gegner nur den Frieden abwarten wollen, um ihren Prozess gegen mich einzuleiten, und diese Nachrichten bestimmten mich, eine ernstliche Nachforschung anzustellen, und denken Sie sich meine Unruhe, ich habe das ganze Archiv durchsucht, ohne das Dokument zu finden.
Sind Sie gewiss, dass es vorhanden war? fragte der Pfarrer, indem er sinnend vor sich niederblickte.
So gewiss, als ich lebe und Ihnen diess mitteile, rief der Graf.
Das gibt einen abscheulichen Prozess, sagte der Pfarrer mit nachdenklicher Miene, und der Ausgang ist ungewiss, Sie können ihn verlieren und zu allen Kosten nicht nur verurteilt werden, sondern auch zum Ersatze aller Zinsen von der Hälfte Ihres Vermögens, die in Anspruch genommen wird. Das würde nicht weniger als beinahe Alles kosten, was ich besitze, sagte der Graf mit bitterem Lächeln, und es ist keine erfreuliche Aussicht, wenn man sein ganzes Leben hindurch an Ueberfluss gewöhnt war, beim herannahenden Alter Mangel und Entbehrungen befürchten zu müssen.
Nun, nun! so weit sind wir ja noch nicht, tröstete der Pfarrer. Wenn Sie gewiss wissen, hub er nach einer Weile wieder an, dass das Dokument in Ihrem Archive war, so ist es vielleicht Ihrer Aufmerksamkeit entgangen; in so wichtigen Angelegenheiten sucht man oft zu ängstlich, zu übereilt, und findet darum nicht. Wollen Sie mir den Schlüssel anvertrauen und mich noch einmal nachsuchen lassen? Vielleicht bin ich glücklicher.
Sehr gern, sagte der Graf, indem er dem Geistlichen den Schlüssel reichte, den er noch bei sich trug, denn er hatte erst diesen Morgen die Nachsuchung geendigt. Doch, fügte er mit einem Seufzer hinzu, ich bin überzeugt, Sie werden nichts finden.
Wer weiss, sagte der Pfarrer, indem er den Schlüssel nachdenklich betrachtete. Wenn ich nichts finde, fügte er nach einem augenblicklichen Stillschweigen hinzu, so muss das Dokument entwendet worden sein. Haben Sie auf Niemanden Verdacht, Wer hätte in Ihrer Abwesenheit den Schlüssel des Archivs?
Der alte Lorenz, den Sie ja müssen gekannt haben, sagte der Graf. Er war eine Art von Kastellan hier im schloss seit dem tod meines Vaters, er hatte alle Schlüssel, also auch diesen; aber ich glaube nicht, dass er jemals das Archiv betreten hat.
Hm, hm! brummte der Pfarrer, der alte Lorenz! Wer das Dokument entwendet hat, fuhr er wie im Selbstgespräche fort, hat es unfehlbar getan, um es den Gegnern zu verkaufen, und es kann also der alte Lorenz nicht sein, denn hätte er es verkauft, so würde er nicht in Geldnot sein, und er wollte noch diese Woche von mir borgen; das ist also kaum möglich, und doch, wer kann des Menschen Herz ergründen? Wesshalb haben Sie den alten Mann aus Ihrem Dienste entlassen? fragte er hastig den Grafen.
Sie wissen, antwortete der Graf, ich kam im Herbst allein hieher. Ich hatte die Gräfin in Breslau gelassen, ich wollte erst das Schloss mit Allem versorgen, was sie gewohnt ist und nicht entbehren kann; ich kam also, dem alten Lorenz gewissermassen unerwartet, eines Abends allein, und da mir die Sache mit dem Dokument am Herzen lag, forderte ich noch denselben Abend den Schlüssel des Archivs. Ich suchte die Schrift auf der Stelle, wo