1836_Bernardi_007_189.txt

wurde er von heftigem Schwindel befallen. Er fuhr nach haus, und nun erfahre ich auf meine Erkundigungen, dass er ernstlich krank ist und das Bett vielleicht in mehreren Tagen nicht verlassen kann.

Die ganze Gesellschaft bewies die lebhafteste Teilnahme für Don Ferdinand, und Jeder versicherte, ihn des andern Morgens besuchen zu wollen, um sich von seinem Befinden zu unterrichten. Ich war nicht der letzte, der diesen Entschluss fasste, denn ich wollte die Zweifel, die immer lebendiger in mir aufstiegen, auf jeden Fall aufzuklären suchen.

Ich säumte also nicht, mich in Begleitung eines Bekannten, der mich vorstellen sollte, nach seiner wohnung zu verfügen, sobald es am andern Morgen die Schicklichkeit erlaubte, zu einem Kranken einzudringen. Aber meine Hoffnung wurde getäuscht, denn wir wurden an der tür höflich mit dem Bescheide abgewiesen, dass Don Fernando sich so übel befände, dass er Niemand empfangen könne. drei Tage nach einander setzte ich hartnäckig meine Belagerung fort. Endlich gab ich die fruchtlose Bemühung auf, in der Meinung, dass der Kranke doch endlich wieder sichtbar werden müsse. Nach einigen Tagen aber wurde mir angezeigt, dass ich meine Depeschen beim Minister in Empfang nehmen und meine Rückreise nach Vittoria antreten könne. Ich zögerte natürlich nicht, meine Pflicht zu erfüllen, und war in derselben Stunde bereit, abzureisen, als mir der König melden liess, ich möge meine Abreise bis zum andern Tage verschieben, weil er mir den Morgen um neun Uhr noch einige Aufträge selbst erteilen wolle. Ich musste diesem Befehle gehorchen, und ich hatte am andern Morgen die Aufträge des Königs vernommen, die es ihm besser däuchte, mir mündlich zu vertrauen, als sie in Depeschen mitzuteilen, deren Beförderung immer unsicher ist, weil es tausend Möglichkeiten gibt, sie dem Ueberbringer zu entreissen, da im Gegenteile ein Mann von Ehre die ihm anvertrauten Dinge wenigstens mit in sein Grab nimmt, ohne sie zu verraten, wenn selbst Tod oder Gefangenschaft ihn hindern sollte, sie gehörigen Orts mitzuteilen. Der König hatte mich sehr freundlich, sehr wohlwollend entlassen, und ich dachte in diesem Augenblick am Wenigsten an unsern sich rätselhaft verbergenden Verwandten, als ich im Vorsaale plötzlich auf ihn stiess und wir uns ganz nahe gegenüber standen, indem er in demselben Augenblick durch eine tür in den Saal trat, während ich mich durch dieselbe entfernen wollte. Er war bei meinem Anblick sichtbar überrascht, doch hatte er im Augenblick seine Fassung wieder gewonnen und schien eben so schnell den Entschluss gefasst zu haben, mir nicht mehr ausweichen zu wollen, da diess, ohne sehr auffallend zu handeln, nicht mehr geschehen konnte. Diess alles war die Sache eines Augenblicks, und ich wollte ihn eben anreden, als sein gutes Geschick ihn abermals und vielleicht auf immer von mir erlöste, denn indem ich ihn anreden wollte, winkte ein Kammerherr des Königs ihn in die inneren Zimmer desselben hinein. Sichtbar beruhigt schlüpfte der Verlegene mit einer leichten Verbeugung bei mir vorbei, um dem ihn befreienden Winke zu folgen, und ich trat meine Reise nach Vittoria an, ohne etwas Näheres von diesem rätselhaften Baron erfahren zu haben.

Als der Graf diese Mitteilung St. Juliens aufmerksam gelesen hatte, wurde ihm seine frühere Vermutung zur Gewissheit, dass nämlich in jenem dem alten Lorenz gemeldeten Duell nicht dessen unwürdiger Sohn, sondern der Baron geblieben sei, dessen Name nun von dem jungen Lorenz benutzt worden sei, um sich in Verhältnisse zu drängen, die ihm auf andern Wegen wahrscheinlich unerreichbar geblieben wären. Der Graf überlegte, ob es nicht seine Pflicht sei, Schritte zu tun, um einen Betrug zu entüllen, der vielleicht eine liebenswürdige Frau zur Beute eines Abendteurers machte, denn diess war doch eine ausgemachte Sache, dass dieser Don Fernando der Bruder seiner Gattin nicht war, wenn er selbst nicht der junge Lorenz sein sollte. Um aber ganz sicher zu gehen und Niemanden ohne Not zu beleidigen, beschloss er auf jeden Fall vorher genaue Erkundigungen einzuziehen, ob etwa noch ein anderer Baron Schlebach lebe und sich in Spanien aufhalte, der Gräfin aber nichts davon zu sagen, dass er überzeugt sei, der Bruder, dessen Rückkunft sie zuweilen fürchtete, ruhe schon längst im grab.

Die sorge um den geliebten Sohn schob bald jede andere Betrachtung in den Hintergrund der Seele zurück, denn in Spanien entwickelten sich Kämpfe und Gefahren, die für sein Leben täglich zittern liessen, und wenn die Freude das Herz auf kurze Zeit bewegte und die Augen entzückt auf den Zügen der geliebten Hand ruhten, so wandelte die Betrachtung gar bald die Tropfen der Freude in Zähren der Wehmut, denn wenn sich auch die Eltern und die Geliebte an diesen Briefen erfreuten, die heitere Gesundheit und zärtliche Liebe atmeten, so war doch schon ein langer Zeitraum seit ihrer Abfassung verstrichen und in dieser langen Zeit konnten Gefechte genug vorgefallen sein, die das teure Leben gefährdet hatten. So nahte der Winter trübe und traurig. Der Herbst hatte die Hoffnung gewährt, dass wenigstens die dumpfe Ruhe des drückenden Friedens in Deutschland bestehen könne, aber auch diese Hoffnung war entschwunden und Oestreich rüstete sich zum erneuerten Kampfe. Napoleon entwickelte eine bewundernswürdige Tätigkeit. In kurzer Frist war ein sieggewohntes Heer vereinigt, und das traurige Schauspiel sollte sich erneuern. Deutsche sollten wieder gegen Deutsche kämpfend erblickt werden, und die deutsche Erde sollte von Neuem das Blut der eigenen Kinder trinken und in ihrem Schoosse die Leichen ihrer von deutscher Hand erschlagenen Söhne verbergen.

Nicht alle französischen Truppen hatten aus Spanien hinweg gezogen werden können, aber unter denen,