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bekannt oder als Don Fernando. Endlich nannte ihn mir ein besser Unterrichteter als Baron Schlebach, und mir fiel ein, dass ein solcher ja unser Verwandter sein müsse, weil ja diess auch der Name meiner Mutter ist, und ich beschloss mich mit ihm bekannt zu machen.

Der Tag war mir unter mannichfachen Zerstreuungen verschwunden und am Abend war Cirkel bei hof, wo auch ich erscheinen musste. Es war eine glänzende Versammlung, die sich vereinigte, und es hätte mir wohl mancher der Anwesenden wichtig sein können, wenn nicht meine Aufmerksamkeit auf einen einzigen Gegenstand wäre gelenkt worden. Dort steht der deutsche Baron, flüsterte mir ein Bekannter zu. Meine Augen folgten dem Winke der seinigen und trafen auf einen blick, dessen Schärfe und Kälte mir ein bekanntes Bild hervorriefen, das ich doch nicht festzuhalten vermochte. In dem Augenblicke redete der König den Baron freundlich an, und das anmutige Lächeln des in der Tat schönen Mundes verbreitete einen eigenen Reiz über das blasse, von dunkelm Haar umlockte Gesicht. Die Kälte und Schärfe schwand aus den dunkeln Augen, und die schlanke, reichgekleidete Gestalt erhöhte den angenehmen Eindruck, und doch wurde, indem der König sich von ihm wendete und er zurücktrat, ein gemeiner Hochmut in seinen Mienen und Gebehrden sichtbar, der auf einmal meinem Gedächtnisse zu hülfe kam und mich an den Sekretair des Kommandanten der Festung * * * erinnerte, der uns damals so übermütig behandelte, und den Sie mir als den Sohn eines Ihrer ehemaligen Beamten bezeichneten. Ich wollte mich eben diesem unbekannten Verwandten nähern, als der König mich erblickte und mich an meine Stelle fesselte, indem er sich mir näherte und auch mich durch eine freundliche Anrede auszeichnete. Die Unterhaltung hatte einige Minuten gewährt. Als sich der König darauf zu Andern wendete, suchten meine Blikke den Baron vergebens. Ich weiss nicht, hinter welche Gruppe er sich zurückgezogen hatte, denn spät erst, als der Cirkel sich auflöste, sah ich ihn noch einen Augenblick, indem er mit vielen Andern die Appartements verliess, und zwar in solcher Entfernung, dass ich eine in den königlichen Sälen unschickliche Eile hätte anwenden müssen, um ihn zu erreichen.

Meine Neugierde war durch diese kleinen Umstände erhöht worden, und ich liess mich bei der Dame seines Herzens des andern Tages vorstellen, einer schlanken, edel gebauten Spanierin, deren dunkle, gebietende Augen eine Glut ausströmten, die entzücken oder erschrecken musste. Sie lud mich mit aller liebenswürdigen Gastfreundschaft der Spanier ein, an ihren Abendgesellschaften teil zu nehmen, und versicherte mir, dass ich in diesen Kreisen manchen Mann antreffen würde, der der Stolz seines Vaterlandes sei, wie auch manchen bedeutenden Fremden. Ich dankte für ihre gütige Einladung, indem ich sie annahm, und sie erwiderte, dass sie jedem Franzosen mit Vergnügen ihr Haus öffne, weil sie von dem französischen Einfluss hoffe, dass er Spanien von dem geistigen Druck befreien werde, unter welchem es so unwürdig schmachte. Ich machte die schöne, für ihr herrliches Vaterland mit Recht begeisterte Dame darauf aufmerksam, dass sich doch ein kräftiger Widerstand und zwar nicht bloss vom volk aus gegen unsere Einwirkung zu offenbaren anfange. Das ist unser Unglück, sagte sie schmerzlich seufzend. Der Stolz der Spanier weist die fremde hülfe zurück und würde das unermessliche Unglück beweinen, das daraus entspringen müsste, wenn die Versuche gelingen sollten, sich dem fremden Einflusse zu entziehen, denn die ganze Masse des Volkes wird von der Geistlichkeit in den Fesseln des dumpfen Aberglaubens gehalten, und es wird diese Kette, die es in seiner Blindheit für sein Heil und seinen Ruhm hält, bis auf den letzten Blutstropfen mit der Tapferkeit ächter Spanier verteidigen, und viel zu gering ist die Zahl der Einsichtsvollen, das Bessere Erkennenden, als dass sie nicht der Masse erliegen müssten. Desshalb bedürfen wir der fremden hülfe, um das murrende Volk wider seinen Willen zu seinem Heile zu leiten, und wenn uns dafür die Flüche des jetzigen Geschlechts treffen, so wird der Segen des künftigen diese Last wieder von uns nehmen. Ich fand mich berufen, politische Streitfragen mit der schönen Dame zu erörtern, und verabschiedete mich in der schönen Hoffnung, die Bekanntschaft eines mir etwas rätselhaften Verwandten bei ihr zu machen.

Es war natürlich, dass ich noch denselben Abend von der erlaubnis Gebrauch machte und den glänzenden Kreis vermehrte, der sich um die schöne Frau versammelte. Aber wenn ich am Morgen die gebietende Hoheit ihrer Miene bewundert hatte, die doch auf eine wunderbare Weise mit Zärtlichkeit und selbst Schalkheit gemischt war, so lag am Abend Schmerz und Trauer unverkennbar auf der edlen Stirn; der Mund zwang sich zum Lächeln, um die freundlichen Reden der Gäste zu beantworten; aber selbst diess Lächeln hatte einen schmerzlichen Ausdruck. Ich gestehe indess, dass ich keinen lebhaften Anteil an dem sichtbaren Kummer der schönen Frau nahm, meine Augen suchten in dem glänzenden Kreise den deutschen Baron und suchten ihn vergeblich.

Endlich richteten einige nähere Bekannte die Frage gerade zu an die Dame des Hauses, wie es komme, dass man den liebenswürdigen Don Fernando diesen Abend vergeblich erwarte. Es schien, seine liebenswürdige Freundin hatte nur diese Frage erwartet, um ohne Rückhalt den Schmerz ihres Busens zu entfesseln. Sie teilte den Freunden mit, dass er sie noch diesen Morgen vollkommen gesund besucht habe; kurz nachdem Sie mich verlassen hatten, sagte sie, indem sie sich an mich wendete. Ich teilte ihm meine Freude über meine Bekanntschaft mit Ihnen mit, und er schien lebhaften Anteil daran zu nehmen, aber bald darauf