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nahm sich sogar vor, ihr noch manche angenehme Ueberraschung zu bereiten, da er bemerkte, dass sie nicht ganz unempfindlich gegen Anmut und Zierlichkeit war, wie er früher geglaubt hatte. In dieser wohlwollenden Stimmung wurde die Reise nach Hohental von allen Personen angetreten, die ihre Bestimmung dahin führte, und dem Grafen, der Gräfin und Emilie wurde die Einsamkeit fühlbar, nachdem sie den Schmerz des Abschiedes überstanden hatten.

Auf Schloss Hohental dagegen regte sich Leben und Tätigkeit. Der Graf Robert hatte seine Mutter von seiner Abreise aus Berlin benachrichtigt, und er hatte die Freude, sie den Tag nach seiner Ankunft auf Schloss Hohental mit den Schwestern zu begrüssen. Der Obrist hatte nichts gegen den Plan einwenden wollen, den in reiner Freude eines dankbaren Sohnes der Graf Robert entworfen hatte, mit der Mutter vereinigt zu leben. Aber er fürchtete im Stillen für das Glück seines Kindes, denn er hatte im Laufe seines langen Lebens die Erfahrung gemacht, dass selten die Mutter des Mannes die junge Gattin desselben mit Liebe betrachtet; ja, dass oft, je mehr der Sohn selbst von der Mutter geliebt wird, um so deutlicher eine seltsame Abneigung gegen dessen Gattin sich zeigt, die sich nicht anders erklären lässt, als, dass eine eigensüchtige Neigung eifersüchtig die Liebe des Sohnes ausschliessend auf sich lenken möchte. Er wurde daher angenehm überrascht, als er bald gewahr wurde, dass in dieser sanften, demütigen Frau seine Tochter nicht nur eine Mutter, sondern er selbst eine treue Freundin gewann, die ihm die Beschwerden des Alters zu erleichtern und die letzten Jahre seines Lebens zu verschönern suchte.

Da auch diese Besorgniss verschwunden war, die ihn auf der Reise geängstigt hatte, so fühlte der Greis sich vollkommen glücklich. Wie ein Patriarch tronte er im Lehnsessel in der Mitte seiner Lieben. Jeder suchte ihm seine Liebe und achtung zu beweisen, Niemand reizte ihn durch Widerspruch, wie er ihn in Berlin erfahren hatte, denn der Arzt, der sogleich pflichtgemäss die sorge für seine Gesundheit übernahm, untersagte es allen Hausgenossen, durch lebhafte Anregungen die schwachen Lebenskräfte des sich dem grab zuneigenden Greises zu zerstören, dessen Tage auf diese Weise im süssesten Frieden der Seele und in aller Behaglichkeit eines sorgenlosen Lebens dahin schwanden. Und kam der Abend, der ihm jedes Mal die sehnsucht nach einer l'Hombre-Partie brachte, so fehlten seine beständigen Mitspieler, der Prediger und der Arzt, niemals, und wurde ja einer von ihnen durch seinen Beruf ein Mal abgehalten, so nahm die Mutter des Grafen Robert willig die Karten und verkürzte dem Greise die Stunden durch seine gewohnte Unterhaltung.

Der Prediger und der Arzt hatten sich durch die Vermittelung des Grafen Robert leicht mit einander versöhnt und betraten von Neuem den Pfad der ihnen zum Bedürfniss gewordenen Freundschaft. Der Prediger war geneigt, die Zwistigkeiten mit dem Freunde zu vergessen, denn er fühlte sich im grund in allen Verhältnissen des Lebens durch seinen klaren Verstand und richtigen blick so sehr über den Arzt erhaben, dass er alles, was er dessen Torheit nannte, ruhig verachtete, und der Arzt war zu glücklich, als dass er ein feindliches Gefühl im Herzen hätte bewahren können.

Er betrachtete mit Entzücken die gänzliche Veränderung, die der Aufentalt in Berlin mit dem Aeusseren seiner Braut hervor gebracht hatte. Ein schüchternes, blödes, sich oft linkisch benehmendes Kind war hingegangen, und eine junge Dame kam zurück, die sich in Kleidern nach der letzten Mode ohne Zwang bewegte, ohne Verlegenheit an allen Gesprächen teil nahm und wenigstens eine oberflächliche Kenntniss der Literatur verriet, und dennoch ruhten, trotz aller dieser erlangten Vorzüge, die blauen Augen noch mit derselben Teilnahme auf ihm, wie früher, und wie zerstreut er auch war, so hörte er doch, dass der Klang ihrer stimme gefühlvoller war, wenn sie mit ihm sprach, als wenn sie ihre Worte an Andere richtete. Das, ihm neue, beseligende Gefühl des Glücks, geliebt zu werden, gab seinem ganzen Wesen eine Weichheit, die ihn mehr, als je, geneigt machte, alles zu verzeihen, wodurch er sich beleidigt glaubte. Selbst abgesehen von dieser glücklichen Stimmung, wie hätte er nicht versöhnlich sein sollen, – er trug ja einen vollkommenen Sieg über den Prediger davon, – sein künftiges Wohnhaus wurde mit einem Balkon gebaut und die ganze Einrichtung desselben viel schöner, als er es hätte ersinnen können. Er hatte schon im Frühlinge einen teil seines Gartens mit ausländischen Sträuchern und Gewächsen bepflanzen lassen, von denen ihn Bücher, die er zu diesem Behufe angeschafft, lehrten, wie sie behandelt werden müssten, wenn sie in unserm Klima gedeihen sollten, und er nannte den Raum, auf dem diese Gewächse vereinigt waren, seinen botanischen Garten. Aber freilich gewährte dieser einen traurigen Anblick; denn da der Arzt den Gärtner in der Behandlung der Pflanzen unterrichtete und durchaus darauf bestand, dass sie ganz nach seiner Vorschrift gewartet werden sollten, so gingen die meisten aus, welches der Gärtner ganz natürlich fand, der sich oft äusserte, wenn der Arzt die Sache nur ihm überlassen und den armen Pflanzen Ruhe gönnen wollte, so würde sie Gott eben so gut wachsen lassen, wie andere unter seiner Pflege befindliche im Treibhause des Schlosses. Diess Misslingen seiner Anlage hatte den Arzt oft verdrüsslich gemacht und ihn dem Spotte des Predigers ausgesetzt. Aber nun richtete er die kleinen scharfen Augen im Gefühle des Sieges auf den spottenden Freund, denn es hatte ihm nur ein Wort gekostet und der Graf Robert hatte ihm versprochen, ein Treibhaus mit dem