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den Grund des Kummers zu erforschen, der Vater und Tochter sichtlich bewegte. Der Obrist schien verlegen, weil er die Worte nicht finden konnte, die ihm schicklich dünkten, ein Gespräch einzuleiten, welches er doch offenbar wünschte. Endlich sagte er: Scheint es Ihnen jetzt nicht auch, lieber Graf, als ob wir nun, da sich Napoleons Macht immer weiter ausdehnt, alle Hoffnung aufgeben müssten, von dem Drucke befreit zu werden?

Wenigstens für die nächste Zeit, erwiderte der Graf seufzend, glaube ich kaum, dass wir uns erfreulichen Hoffnungen überlassen dürfen.

Und kann es wohl, fragte der Obrist weiter, jetzt einen wahren Genuss gewähren, Deutschland oder überhaupt die Länder Europas zu durchreisen, und überall dieselbe drückende herrschaft des Fremden anzutreffen, überall den schnöden Uebermut seiner Beamten zu finden, und im grund als den einzigen Gewinn seiner Reisen die überzeugung nach haus zu bringen, dass alle Nationen ihre Selbständigkeit verloren haben?

England müssten wir doch ausnehmen, bemerkte der Graf lächelnd.

Nun ja, sagte der Obrist verdrüsslich. England ist dadurch geschützt, dass Napoleon es nicht erreichen kann. Aber glauben Sie mir, wäre nicht das Meer sein Schutz, es würde eben so wie alle Uebrigen sich der französischen Macht beugen, denn hat nicht Preussen erliegen müssen? Sind nicht die in der Schule Friedrichs erzogenen Krieger überwunden? Welche Nation ist also sicher, wenn er sie erreichen kann?

Der Graf wollte den Verdruss des Obristen nicht noch steigern; er antwortete also auf diese Frage nichts, und der alte Krieger fuhr nach einem kurzen Schweigen fort: Ich wollte nur sagen, ob es nicht besser sei, für jetzt die öffentlichen Angelegenheiten so viel wie möglich aus den Augen zu lassen, weil man doch auf keine Weise wohltätig eingreifen kann, und sich auf einen stillen, abgelegenen Fleck mit seiner Familie zurückzuziehen, um im Genusse des häuslichen Glückes einigermassen Trost für alles öffentliche Ungemach zu finden.

Gewiss, sagte der Graf, wäre diess weise von dem gehandelt, dem Niemand feindlich diese einfachsten, natürlichsten Genüsse stört.

Ich sehe ein, erwiderte der Obrist mit Verlegenheit, dass Sie es vorziehen müssen, sich auf einige Zeit von Ihrem paradiesischen Landsitz zu trennen, denn das neugierige Geschwätz rund umher muss Ihnen verdriesslich gewesen sein, aber ich, halten Sie mich nicht für undankbar, lieber Graf, ich sehne mich aus dem Geräusch der Stadt hinweg. Ich kann nicht annehmen, dass ich noch lange lebe. Betrachten Sie mein graues Haar und Sie werden mir Recht geben, und mir, dem sich dem grab zuneigenden Greise scheint es sträflich, Glück und Genuss des Lebens noch verschieben zu wollen, und von der ungewissen Zukunft zu erwarten, was sich uns so freundlich in der Gegenwart bietet.

Der Graf sah den Obristen verwundert an, weil er nicht begriff, wohin diess Gespräch führen sollte. Der Greis nahm die Hand des Freundes, die er mit Zärtlichkeit drückte, und sagte mit weicher stimme: Warum wollen Sie den Sohn von mir entfernen, den sich mein Herz gewählt hat? Warum wollen Sie ihn in die Ferne senden, von dem ich mich mit dem schmerzlichen Gefühl trennen würde, dass ich ihn wahrscheinlich nicht wiedersehe? Warum wollen Sie meiner Tochter den Trost versagen, wenn sich die Augen des Vaters auf immer schliessen, aus denen des Freundes Mut zu gewinnen, das Leben und seine Schmerzen zu ertragen?

Ich glaubte, sagte der Graf, nicht gegen Ihre oder meines Vetters Wünsche zu handeln, indem mein Rat ihm seinen Lebensplan vorzeichnete. Die geringste Einwendung von seiner Seite würde mich bestimmt haben, auf seine Ansicht einzugehen, desshalb, gestehe ich, befremdet mich unser Gespräch ein wenig. O! teurer Freund, rief der Obrist, indem er die Hand des Grafen heftig drückte und Tränen seine grauen Wimpern netzten, halten Sie es denn für so leicht, Einwendungen gegen den zu machen, dessen grossmütige Liebe sich nur mit unserem Glück beschäftigt? Ist es denn nicht natürlich, dass ein Wort, ein Zeichen von Ihnen uns alle zum schweigenden Gehorsam bestimmt, da wir ja nur Ihnen, Ihrer Liebe allein alles verdanken, was uns das Leben an Glück und Genuss noch bieten kann?

Dann wäre die Liebe Tyrannei, sagte der Graf etwas unwillig, und Sie würden meine Freundschaft zu teuer erkaufen, wenn Sie dafür alle Selbstständigkeit hingeben wollten. Aber mir schien die heftige Vaterlandsliebe meines Vetters so gross, dass ich befürchtete, sie könnte in manchen Stunden über die zartere Neigung seines Herzens die herrschaft gewinnen, und ich hielt es desshalb für wohlgetan, beide Empfindungen so viel als möglich in Einklang zu bringen. Auf diese Ansicht gründete sich vorzüglich mein Rat.

Sie haben gewiss oft die Erfahrung gemacht, sagte der Obrist lächelnd, dass, wenn das menschliche Herz eine Zeitlang mit gleicher Macht zwei Leidenschaften gehegt hat, dann plötzlich die eine so gewaltig wird, dass sie die andere auf lange gänzlich unterdrückt. Dieser oft schon eingetretene Fall hat sich erneuert, und die heisseste sehnsucht Ihres Vetters richtet sich auf meine Tochter, deren zärtliche Neigung sich so unschuldig offenbart, dass sie Ihnen nicht hat entgehen können.

Aber warum, rief der Graf, schweigt mein Vetter über diess alles gegen mich, da ein Wort von ihm hinreichend ist, um mich für seine Wünsche zu bestimmen. Dieser Mangel an Vertrauen, ich gestehe es, beleidigt mein Gefühl.

Sie haben unrecht, sagte der Obrist mit einiger Heftigkeit. Sie wissen es nicht, wie Sie bis zur Anbetung beinah