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ihr, und er bereute hundert Mal, dass er den Aufentalt auf dem land nicht besser benutzt hatte, der ihm täglich die gelegenheit dazu bot, die er in Berlin lange vergeblich herbei wünschen musste. Er wollte sich nicht trennen, ohne aus dem mund der Geliebten das Wort zu vernehmen, welches nach seinem Gefühle über das Glück seines Lebens entscheiden musste, und diess Wort wollte er selbst vernehmen und nicht der Bewerbung eines Andern verdanken, und nur dann, wenn Emilie über sein Glück entschieden hätte, wollte er es seinen Freunden mitteilen.

Endlich fand sich der lang herbeigesehnte Augenblick. Der Graf war mit den andern Damen ausgefahren und wurde erst in einigen Stunden zurückerwartet. Emilie, die seit einiger Zeit die Einsamkeit suchte, um sich ungestört ihren Träumen und ihrer Trauer hingeben zu können, war unter dem Vorwande eines leichten Unwohlseins gern zurückgeblieben, und St. Julien, der ihre Absicht bei der Mittagstafel erfuhr, zog sich ebenfalls von der Gesellschaft zurück.

Er fand die Geliebte, wie er es wünschte, allein. Die bei seinem Eintritt getrockneten Tränen und die Röte ihrer Wangen zeigten ihre innere Bewegung. Vor der dunkeln Glut seines Auges senkten sich schüchtern die milden, dunkelblauen seiner Freundin, und nach schwachem Widerstreben ruhten ihre zitternden hände in den seinen. Ihr Ohr trank die süsse Melodie seiner Worte, und sie berauschte ihr Herz mit seligem Entzücken. Die Glut seines Gefühls öffnete ihm das schöne, von jungfräulicher Zaghaftigkeit verhüllte Herz, und liess ihn entzückt die Tiefe und Fülle ihrer zärtlichen Neigung ahnen. Die Stunden verschwanden dem glücklichen Paar wie Minuten, und als der Graf mit seiner Gesellschaft zurückkehrte, belehrte ihn der leuchtende blick St. Juliens und die hochroten Wangen Emiliens, dass eine Erklärung zwischen Beiden Statt gefunden hatte, die er und die Gräfin lange erwartet, der sie aber nicht hatten vorgreifen wollen.

Da Niemand den Wünschen der Liebenden entgegen war, so wurde ihre Verlobung noch denselben Abend geschlossen, und da man glaubte, dass die Angelegenheiten in Portugal bald beendigt sein würden, und hoffte annehmen zu dürfen, dass die Vermittlung Napoleons in der Angelegenheit der spanischen Königsfamilie ohne Blutvergiessen eintreten könne, so wurde von allen Seiten beschlossen, dass die Verbindung St. Juliens mit der schönen Emilie dann sogleich geschlossen werden sollte.

Freilich seufzte der junge Mann über diesen Aufschub, aber er sah ein, dass nun, da er mit der Erklärung aus seltsamer Zaghaftigkeit so lange gezögert hatte, die Zeit nicht mehr hinreichte, um vor seiner Abreise die nötigen Vorbereitungen zu einer ehelichen Verbindung zu treffen. Dann wünschte er eben so, wie der Graf, diese unter dem Namen Evremont zu schliessen, und da er in seiner Regimentsliste als St. Julien eingetragen war, so konnte er sich nicht eher anders nennen, bis eine Anerkennung von Napoleon und in Folge dessen eine Umschreibung ausgewirkt worden war. Es blieb also für alle Teile nichts anders übrig, als den Schmerz des Aufschubs und der Trennung zu ertragen.

Der lang gefürchtete Augenblick war endlich erschienen. Die Gräfin entliess die weinende Adele aus ihren Armen und drückte mit krampfhafter Heftigkeit den Sohn an die Brust. Des Grafen Wangen waren bleich und er bemühte sich vergeblich die Tränen zurückzuhalten, als Adele zu ihm trat und ihm im stummen Schmerz die Hand reichte. Das dunkle, kummervoll auf ihn gerichtete Auge liess ihn ahnen, dass in der Tiefe der Seele die Neigung nicht ganz erstorben sei, die, wie er glaubte, einst ihr Herz für ihn empfunden hatte. Emilie hatte ihr Gesicht verhüllt und lehnte sich trostlos an die Ecke des Sophas. Endlich riss sich St. Julien aus den Armen der Mutter los, umschlang noch ein Mal die beinah ohnmächtige Geliebte und stürmte mit dem Grafen hinaus. Im Vorzimmer traf er auf Dübois, der die Familie nach Berlin begleitet hatte.

Liebevoll richtete der alte Mann die Augen auf St. Julien. Er wollte reden, aber die Wehmut versagte ihm die Sprache. Der junge Mann drückte den Greis mit Heftigkeit an die Brust, und küsste die von Alter und Gram gefurchten Wangen, dann stürzte er mit dem schmerzhaften Ausruf: Ach mein Vater! in die arme des Grafen. Mutig, mein Sohn! sagte der Graf mit bebenden Lippen, standhaft, wir sehen uns wieder! Auch Adele war hinzugetreten und reichte sprachlos, weinend Dübois die Hand, die dieser mit zitternden Lippen küsste und mit heissen Tränen benetzte. Alle stiegen die Treppe hinunter. Noch ein Mal umarmte der Vater den geliebten Sohn, noch ein Händedruck, noch ein letzter blickund dahin rollte der Wagen und war bald den Blicken des Grafen entschwunden, der langsam, allein und kummervoll, die Treppe wieder hinauf stieg und sich zu den trostlos weinenden Frauen verfügte.

Die Zeit besiegte endlich auch die Heftigkeit dieses Schmerzes. Er hatte sich in stille Trauer verwandelt, und leise schlich sich die Hoffnung in die verwundeten Herzen. Die Phantasie machte sich aus der Gegenwart los und zeigte in naher Zukunft schimmernde Bilder des Glücks.

So hatte nach mehreren Tagen die Familie die äussere Ruhe wieder gewonnen, und jeder Posttag wurde nun ein Festtag, denn jeder brachte Briefe voll inniger Liebe und zärtlicher Freundschaft von den Reisenden. Aber endlich wurde auch diese Mitteilung von Seiten St. Juliens seltener, denn als er sein Regiment erreicht hatte, machten die militärischen Bewegungen desselben einen regelmässigen Briefwechsel unmöglich.

Der Graf hatte indessen von dem Prediger einen Brief erhalten, der mancherlei Gedanken in ihm erregte. Der Pfarrer teilte ihm nämlich mit, dass