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eines Vermögens, über dessen Grösse ich selbst erstaunte. Nachdem ich den Schmerz über den Verlust meines edlen Freundes überwunden hatte, wendete sich alle leidenschaftliche Liebe, deren mein Herz noch fähig war, unserm Adolph zu. Du kannst wohl denken, dass sich manche Bewerber der jungen, reichen witwe nahten, aber sei es, dass meine Liebe zu Adolph jede andere Neigung unmöglich machte, oder dass mein Herz nach so vielen harten Schlägen des Schicksals überhaupt nicht mehr fähig war, gerührt zu werden, genug, die Jugend verschwand, ohne dass ich mich auch nur ein Mal versucht gefühlt hätte, meine Freiheit aufzuopfern, und Adolph ist meine einzige leidenschaft geblieben.

Es ist natürlich, dass dieser Bericht nicht hatte ohne Unterbrechung gegeben werden können. Viele zärtliche und schmerzliche Erinnerungen machten, dass die Freundinnen sich oft weinend umarmten, und dass sie erst wieder Zeit bedurften, um sich zu erholen, ehe sie eine Unterhaltung fortsetzen konnten, deren Inhalt für Beide so wichtig war. Ich hätte wohl gewünscht, schloss endlich, ihre Tränen trocknend, Adele, dass ich Adolph, der mich allein an das Leben fesselte, von der Gefahr einer kriegerischen Laufbahn hätte zurückhalten können, aber es machten diess teils die jetzigen Einrichtungen unseres Vaterlandes, teils das Blut der Evremonts, das in seinen Adern fliesst, unmöglich, denn er hatte kaum das erforderliche Alter erreicht, als er sich in die Reihen der Krieger drängte, und ich hielt es unter solchen Umständen für das Beste, Alles, was ich vermochte, anzuwenden, um ihn zu empfehlen, damit er so bald als möglich zum Offizier befördert würde. Diess geschah auch trotz seiner grossen Jugend sehr bald, und ihm war wenigstens die Bahn eröffnet, sich Ehre zu erwerben, wenn ich auch fortwährend für sein Leben zittern musste.

Die Dankbarkeit, welche die Gräfin für die Schwester des Grafen Evremont empfinden musste, erhöhte die frühere Neigung, und beide Frauen schlossen sich eng an einander in inniger Freundschaft, die dadurch noch fester wurde, dass Beider Zärtlichkeit sich in demselben Gegenstand begegnete. Adolph St. Julien pries sein Geschick, das ihm zwei Mütter gegeben hatte, die er beide mit herzlicher Liebe empfing.

Der Graf hatte es gern übernommen, die Geschäfte seiner Freunde ordnen zu helfen, und er fand es natürlich, dass die Tante das zarte Gefühl für Recht zu befriedigen suchte und dem Neffen das Erbe seines Vaters einzuhändigen wünschte. Er stand ihr also in diesen Auseinandersetzungen bei, und indem er in Berlin die Papiere durchging, die sie zu diesem Behuf mitgebracht hatte, fielen ihm auch die Zeugnisse der Geburt des jungen Mannes in die hände, und er machte die witwe des Herrn St. Julien darauf aufmerksam, dass es auch gerecht sei, dass dessen Adoptivsohn den so lange geführten Namen ablege und den ihm durch die Geburt zukommenden führe. Es war ihm nicht schwer, die Schwester des Grafen Evremont zu überzeugen, dass bei der Wendung, die die öffentlichen Angelegenheiten Frankreichs genommen hatten, diess für den jungen Mann vorteilhaft sei, um so mehr, da nicht nur dort ein neuer Adel entstand, sondern Napoleon unverkennbar die alten Familien um sich zu sammeln suchte, und man so in der Ferne hoffen konnte, den jungen Mann wieder als Grafen anerkannt zu sehen; eine Hoffnung, die weder dem Grafen selbst, noch der witwe St. Juliens gleichgültig war, denn wie der Mensch auch meint sein Herz gereinigt und sich über Vorurteile erhoben zu haben, so lassen sich doch Gefühle, die von frühester Kindheit an ihm unbewusst genährt werden und mit ihm gewachsen sind, wohl verläugnen, sie gänzlich auszurotten aber ist er niemals im stand.

Der Graf war weit davon entfernt, irgend ein drükkendes Vorrecht des Adels erneuert zu wünschen, aber er konnte sich nicht abläugnen, dass er den jungen Mann, den er väterlich liebte und dem er, als dem Sohne seiner Gemahlin, alle Rechte eines leiblichen Sohnes einräumen wollte, Graf Evremont zu nennen wünschte, und er meinte, wenn nur der erste Schritt geschehen sei und er den Namen seines Vaters führte, so stände der Anerkennung des alten Adels eigentlich nichts mehr entgegen, die ja in Deutschland erfolgen musste, selbst wenn sie Napoleon nicht bewilligen sollte, weil die vorhandenen Dokumente die Rechte des jungen Mannes an diesen Titel klar bewiesen, denn dass der geliebte Sohn sich auf deutschen Boden zurückziehen sollte, sobald die Ehre es erlaubte, war gleich nach der Erkennung in Hohental von allen Seiten beschlossen worden.

II

St. Julien empfing mit Dankbarkeit sein väterliches Erbe und bat den Grafen, es gemeinschaftlich mit seiner Tante zu verwalten. Der Frühling näherte sich, und da der Urlaub des jungen Mannes ebenfalls beendigt war, so durfte er nicht länger zögern, und die Trennung, die seinem Herzen so schwer wurde, musste erfolgen.

Der Graf suchte die Standhaftigkeit seiner Familie zu erhalten und vor Allem die Gräfin zu schonen, indem er darzustellen suchte, dass wenigstens keine Gefahr für den geliebten Sohn für die nächste Zeit zu befürchten sei, weil man von Portugal, wohin sich die Truppen wahrscheinlich richten würden, keinen bedeutenden Widerstand erwarten dürfe. Die Gräfin fühlte, dass der Graf die Sache selbst anders betrachtete, als er sie zu ihrer Beruhigung darzustellen wünschte, und fand desshalb keinen Trost in seinen Worten.

In den schönen Augen der sanften Emilie entdeckte man oft Spuren von Tränen, und ihre sonst von einer zarten Röte angehauchten Wangen wurden täglich bleicher. St. Julien suchte seit lange ein einsames Gespräch mit