matte Strahl der Freude und Hoffnung durchzuckte mein Herz, als ich vernahm, dass ich Adolph mit mir nehmen, dass ich mich nicht mehr von ihm trennen sollte.
Wir erreichten den Wohnort des Herrn St. Julien und lebten abwechselnd auf einem angenehmen Landsitze und in Strassburg. Du kannst wohl denken, dass ich die beiden Freunde mit unablässigen fragen über Euer Geschick bestürmte. Ach! und endlich, geliebte Cäcilie, konnte mir das Traurigste nicht verborgen bleiben. Ich erfuhr meines unglücklichen Bruders Ende und von Dir nichts.
Ich weiss nicht, wie lange ich mich der trostlosesten Verzweiflung hingab. Ich weiss nur, dass endlich die Jugendkraft über die Krankheit siegte, die meinem Leben drohte, und dass ich, als erstes Zeichen des Bewusstseins, Adolph in meine arme schloss und mit Tränen überströmte. Als ich wieder einigen Anteil an der Aussenwelt nahm, bemerkte ich, dass Herr St. Julien um Vieles blässer, älter und hinfälliger geworden war, und diese Wahrnehmung erschreckte mich. Es drängte sich mir die ganze Hülflosigkeit meiner Lage auf, wenn ich auch ihn verlieren sollte. Ich fragte nach seinem Freunde und erfuhr, dass er während meiner langen Krankheit gestorben sei. Viele nach einander folgende traurige Berichte von Hinrichtungen ihm nahe verwandter Personen hatten ihn schon auf's Krankenlager geworfen, und als er das gleiche Ende seines letzten Neffen erfuhr, hatte ein Schlagfluss sein kummervolles Leben geendigt.
Es konnte mir nicht entgehen, dass Herr St. Julien es mit Ungeduld erwartete, dass die ärzte mich für völlig genesen erklären möchten, um eine Unterredung mit mir zu führen, die er nicht mehr glaubte aufschieben zu dürfen und von deren ernstem Inhalt er nachteilige Folgen fürchtete, so lange meine Gesundheit noch wankend wäre. Ich kam ihm in seinem Verlangen entgegen, weil ich immer noch hoffte, wenigstens von Dir etwas Tröstliches zu erfahren, und er zögerte nicht mehr, mich mit meiner Lage bekannt zu machen und mir seine Wünsche mitzuteilen, die nur mein Wohl beabsichtigten. Der würdige Mann hatte keine Mittel verabsäumt, um Nachrichten von Dir zu erhalten, und er hatte durch seine Nachforschungen nur erfahren, dass ich auch meinen Vater zu beweinen habe, der sein kummervolles Leben in der Schweiz geendigt hatte. Du warst spurlos verschwunden, und von allen Wesen, denen ich liebend angehörte, blieb mir nichts, als Dein und meines Bruders Kind, das mit unschuldiger Heiterkeit zu meinen Füssen spielte und mit kindlichem Lächeln mich seine Mutter nannte, während ihm unbewusst die Stürme des Unglücks über sein schuldloses Haupt hinwegzogen.
Herr St. Julien betrachtete die furchtbare Revolution, die mit entsetzlicher Gewalt alle Blüten unseres Lebens zu Boden schlug, mit den Augen eines Bürgers. Er schauderte vor den Strömen Blutes, die täglich flossen, aber er glaubte, grosse Missbräuche hätten diese entsetzlichen Reibungen hervorgebracht, und hoffte, unsere Nachkommen würden die Früchte unserer Leiden geniessen. Er hielt sich für überzeugt, dass der Adel mit allen seinen Vorrechten und ehrgeizigen Träumen für immer aus Frankreich verschwunden sei, und glaubte desshalb mir keinen Nachteil zuzuziehen, wenn er mir seine Hand anböte, um mir als französischer Bürgerin den Schutz unsers Vaterlandes zuzusichern. Der edle Mann sagte mir mit bescheidenen, aber bestimmten Worten, dass sein verhältnis zu mir das eines Vaters bleiben würde, und dass nicht die selbstsüchtigen Absichten eines töricht verliebten Greises ihn leiteten, sondern dass er mein Wohl vor Augen habe. Er sagte mir, dass er die bestimmte überzeugung habe, nicht mehr lange leben zu können, und dass ich dann als seine witwe mit Anstand meine Unabhängigkeit bewahren oder eine andere Wahl treffen könne, dass ich aber als fräulein Evremont schutzlos tausend Gefahren ausgesetzt sei, und noch weniger für Adolph sorgen oder ihn schützen könne.
Ich sah die Wahrheit alles Gesagten ein und empfing mit Dankbarkeit und Rührung die Hand des edlen Greises und man nannte mich Madame St. Julien. Als auf diese Weise meine Rechte in seinem haus festgestellt waren, legte mein grossmütiger Freund mir alle unsern Adolph betreffende Papiere vor, den er zugleich adoptirt hatte. Was von dem Vermögen unsers Vaters hatte gerettet werden können, war in seinen Händen, und er sicherte mir und Adolph bald nach unserer Verbindung nicht nur diess, sondern auch noch sein beträchtliches Vermögen. Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass diess vielleicht eine Ungerechtigkeit gegen seine Verwandten sei, aber er antwortete mir mit einem bittern, schmerzlichen Lächeln, alle seine Angehörigen hätten für das Vaterland ihr Blut verspritzt, teils auf dem feld der Ehre, teils unter dem Messer der Guillotine, so dass ihm nur einige sehr entfernte Verwandte, die kaum auf diese Benennung Anspruch machen könnten, in Italien geblieben wären, die ihr schlechter Charakter von seinem Herzen geschieden haben würde, auch wenn sie ihm näher ständen. Meine Bitten vermochten den lebensmüden, gebeugten Greis dennoch, diesen ein bedeutendes Legat auszusetzen, und nun glaubte ich mit ruhigem Gewissen in liebevoller Dankbarkeit die Beweise seiner Grossmut für mich und Adolph annehmen zu können.
Die Ahnung der Nähe seines Todes hatte meinen edlen Beschützer nicht getäuscht. Wenige Monate nach unserer Verbindung entschlummerte er in meinen Armen sanft zur ewigen Ruhe, und wie einen zweiten Vater beweinte ich ihn kindlich mit heissen Tränen. Mein grossmütiger Freund hatte vor seinem tod alle seine Geschäfte so geordnet, dass ich mit hülfe eines erfahrnen Buchhalters sie noch eine Zeitlang fortführen, und mich dann nach und nach zurückziehen konnte. Ich folgte mit Gewissenhaftigkeit allen Vorschriften, die er hinterlassen hatte, und fand mich dadurch nach zwei Jahren im Besitze