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. Ich bemerkte kaum, dass er Leonore von mir trennte, und ahnte nicht, welcher Gefahr der gute Mann sich aussetzte, um die letzten Ueberreste des Hauses Evremont zu schützen. Erst später erfuhr ich, was ich Dir jetzt im Zusammenhange mitteile. Er mochte vielleicht selbst einige Hoffnung hegen, dass mein armer Bruder gerettet werden könnte. Vielleicht aber täuschte er mich auch nur mit dieser Hoffnung, damit ich ohne Widerstand mich seinen Massregeln fügte. Genug, er brachte mich in eine entlegene Vorstadt, wo ein schon bejahrter Mann, sein Freund und Verwandter, Herr St. Julien, das Hinterhaus eines ansehnlichen Gebäudes bewohnte. Hier erfuhr ich, dass mein Erretter sein Haus verlassen hatte, um nicht wieder dahin zurückzukehren. Er hatte die Abwesenheit seines ersten Buchhalters benutzt, desselben, den er im Verdacht hatte, meines Vruders Unglück veranlasst zu haben, und von dem er glaubte, dass er das Komptoir nur verlassen habe, um ihn selbst der Regierung als einen Feind des Vaterlandes zu bezeichnen. Die kurze Zeit, die dem alten mann blieb, war von ihm benutzt worden, alle Wechsel und baar vorrätigen Summen mit sich zu nehmen, so wie die Hauptbücher seiner Handlung und wichtige von meinem Bruder bei ihm niedergelegte Papiere. Er hatte einen Mietkutscher genommen, den er, ehe er unsere wohnung erreichte, mit einem andern vertauschte. Diess tat er noch zwei Mal, ehe wir die abgelegene wohnung seines Freundes erreichten, der, obwohl nicht vorbereitet auf unsern Empfang, uns dennoch liebreich und bereitwillig bei sich aufnahm.

Ich bemerkte bald, dass beide Freunde sich ohne allen Rückhalt mit einander besprachen, und später vertraute mir Herr St. Julien, dass Beide gegen mich die bestimmte Hoffnung, meinen Bruder und Dich zu retten, nur darum ausgesprochen hatten, um mich vor gänzlicher Verzweiflung zu bewahren, dass sie selbst aber Euch beide als verloren beweint hätten.

Es schien den Freunden zu gefährlich, sich in Paris selbst verborgen halten zu wollen, und die Abreise nach dem Elsass, der Heimat des Herrn St. Julien, der grosse Fabriken in der Nähe von Strassburg hatte, wurde beschlossen. Ein Zufall begünstigte unsere Flucht. Ein alter Komtoirdiener des Herrn St. Julien war Wittwer, und seine einzige, ohne mütterliche Leitung erwachsene Tochter hatte vor mehreren Jahren den trostlosen Vater verlassen und sich in Paris einem verächtlichen Leben hingegeben, um augenblickliche Befriedigung eitler Lust zu finden. Da aber ein solches Leben der Schande auch dem Wechsel unterworfen ist, so war die leichtsinnige Tochter des redlichen Mannes in Krankheit und Armut geraten, und hatte sich in dieser trostlosen Lage an das Herz des Vaters gewendet. Wohl selten wird ein Vater die flehende stimme des verirrten Kindes ohne Rührung vernehmen, und auch der alte Armand eilte, Liebe und Versöhnung im Herzen, in Begleitung des Herrn St. Julien nach Paris, den ein Handelsgeschäft dahin führte.

Der Vater nahm die kranke Tochter und ihren Sohn, den lebenden Zeugen ihrer Verirrung, bei sich auf. Kein Vorwurf kränkte die ungeratene Tochter. Der alte Vater drückte das schuldlose Kind mit Liebe an seine Brust. Durch Sorgfalt und zärtliche Pflege kehrte die Gesundheit der leichtsinnigen Laurette bald zurück, die Spuren der Verwüstung, die Armut und Krankheit angerichtet hatten, schwanden allmälig, und der zu gute Vater fand in der wieder aufblühenden Schönheit der Tochter Entschuldigung für ihre Fehler. Herrn St. Juliens Geschäfte waren beendigt, und da die Gesundheit der Tochter Armands hergestellt war, so hatte man Pässe zur Reise genommen, die auf den nächsten Tag bestimmt war. Armand hatte noch einige nötige Vorkehrungen hiezu getroffen und kehrte, von Geschäften ermüdet, nach seiner wohnung zurück, als er hier statt der Tochter einen Brief fand, in dem sie ihm meldete, dass es ihr unmöglich sei, Paris zu verlassen und unter seinen Augen zu leben, da jeder milde blick, den er auf sie richte, ihr Herz wie ein Dolchstich durchbohre und es daher für beide besser sei, wenn sie sich diesen peinlichen Empfindungen und ihm den Anblick ihrer Schande entzöge.

Es war nur zu wahrscheinlich, dass die neu aufblühende Schönheit der leichtsinnigen Laurette Bewunderer herbei gezogen hatte und dass sie von Neuem sich ihrem früheren Leben hingab. Der Vater war in Verzweiflung, und er erklärte Herrn St. Julien, dass er Paris nicht mit ihm verlassen könne, weil er entschlossen sei, die Spuren seiner unglücklichen Tochter aufzusuchen und alles, was väterliche Liebe und Gewalt vermöge, anzuwenden, um sie ihrem sträflichen Leben zu entreissen.

Dieser Umstand, der eine Stunde vor unserer Ankunft Herrn St. Julien mit Verdruss erfüllt hatte, wurde nun von beiden Freunden als ein glücklicher Zufall betrachtet. Mein Erretter sollte unter dem Namen Armand Herrn St. Julien begleiten, und ich mit unserm Adolph als Laurette und ihr Sohn, wie sie in dem Pass angegeben waren, den Herr St. Julien schon in Händen hatte, und beide Freunde freuten sich herzlich, dass die Beschreibung der person dieser leichtsinnigen Dirne auf mich angewendet werden könne, und so bot mir die Schande des verächtlichen Lebens einer Fremden Schutz in der traurigen Zeit, wo Tugend und Ehre mich nicht hätten schirmen können.

Ich wurde bei diesen Verhandlungen nicht um meine Einwilligung gefragt, indem man sie voraus setzte, und in der Tat, es wäre unvernünftig gewesen, ein Rettungsmittel von sich zu weisen, das sich so unvermutet darbot. Auch war ich so betäubt von Angst und Kummer, dass ich unfähig war zum Denken und Ueberlegen. Der erste