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ein neues bequemes Haus an einer schönen Stelle, am Abhange eines Hügels zu erbauen, der sich, mit dem schönsten Grün bekleidet, sanft hinab senkte, bis ein klarer Bach seinen Fuss mit kleinen, kräuselnden Wellen umspielte. Die Professorin war um so mehr für den gewählten Platz eingenommen, weil es ihr bekannt war, welche trefflichen Forellen der kleine muntere Bach entielt. Der Graf wies alles nötige Bauholz und die für das neue Haus erforderlichen Steine an, und erhöhte noch ansehnlich den Gehalt des Arztes, so wie er ihm das vollkommene Jagdrecht zur grossen Freude der Professorin gestattete, denn wenn diese ihren Neffen auch nicht für einen sonderlichen Jäger hielt, so hoffte sie doch mit Recht wohl andere zu finden, die die Küche gehörig mit Wildpret versorgen würden.

Nach allen diesen Einrichtungen glaubte der Graf immer noch nicht genug getan zu haben, um den Arzt zu belohnen, dessen grosse Sorgfalt, wie er überzeugt war, St. Juliens Leben erhalten hatte. Die Gräfin überredete ihre ehemalige Dienerin leicht, den Weg über Berlin zu nehmen und die Tochter während des Winters in einer dasigen Erziehungsanstalt zu lassen, damit diese etwas mehr von den feineren weiblichen Beschäftigungen lernte, als die Mutter bis jetzt für gut gehalten hatte ihr beibringen zu lassen. Auch der Arzt war mit dieser Anordnung zufrieden, ob er sich gleich nur mit Schmerzen von seiner künftigen Braut und deren Mutter trennen konnte, nur durch die Hoffnung getröstet, dass der nächste Frühling ihm nicht nur Beide zurückbrächte, sondern auch die Bibliotek und das Naturalienkabinet seines verstorbenen Oheims. Er nahm sich vor, sich diesen Winter ganz den Studien zu widmen, um den Schmerz der Trennung zu besiegen und, um sich zu erholen, mit dem einzigen ihm bleibenden Freunde, dem Prediger, den Plan des Hauses zu entwerfen, welches nach seiner Meinung alle Forderungen des Geschmacks und der Bequemlichkeit befriedigen sollte. Da der Graf dem Schlossgärtner befohlen hatte einen grossen Obstund Gemüsegarten auf dem neuen Gute anzulegen, so führte die lebhafte Phantasie des Arztes ihm tausend reizende Bilder der Zukunft vor, wie er im Schlafrokke neben seiner jungen, zärtlichen Frau in einer Weinlaube seines Gartens sitzen und Kaffee trinken würde, oder er sah sich, mit dem Prediger Tabak rauchend, zwischen seinen hohen Kornfeldern wandern und bewunderte schon jetzt im geist den reichen Segen der goldnen Aehren, indem er mit stolzen Schritten in seinem Zimmer auf und ab wandelte, und den Rauch aus der Pfeife, die er wirklich rauchte, vor sich hinblies. Das sind idealische Träume, rief er dann wohl, indem er sich mit der Hand rasch die kurzgelockten Haare durcheinander wühlte. Aber kann irgend ein Mensch hoffen, dass die Träume seiner sehnsucht erfüllt werden, so bin ich es, denn mein Glück steht mir so nahe, dass ich es mit den Händen erreichen kann, und wahrlich, meine Welterfahrung wird es nicht vorüberfliehen lassen, sondern sicher ergreifen und festalten.

So von allen Seiten befriedigt hatte man sich getrennt. Der junge Gustav war von dem Grafen nach Breslau gesandt worden, wo er noch ein Jahr bleiben sollte, um dann auf die Universität, die er sich selbst wählen würde, abzugehn. Dübois, der den Jüngling väterlich liebte, hatte ihm beim Abschiede noch ein ansehnliches Geschenk aufgezwungen, ob er gleich mit Allem überflüssig versorgt war, denn auch der Graf Robert hatte ihn mit allen Beweisen herzlicher Freundschaft entlassen. So war nun Schloss Hohental, wo sich eben noch so viel Leben geregt hatte, auf einmal öde und verlassen, und nur aus den Zimmern des Arztes schimmerte dem Wanderer ein einsames Licht entgegen, das aber wie ein freundlicher Stern dem hülfe Suchenden leuchtete, denn je mehr der Wohlstand und die Zufriedenheit des Arztes zunahmen, je mehr fühlte er sich verpflichtet, seine Wissenschaft, die er als die Quelle seines Glücks betrachtete, zum Heile seiner Mitmenschen anzuwenden, und wenn er auch täglich hochmütiger wurde in der überzeugung seines anerkannten Werts, so hinderte ihn dieser unschuldige Hochmut doch nicht, täglich zugleich milder und wohlwollender zu werden.

Der Graf war mit seiner Familie und seinen Freunden in Berlin angelangt, und hier versprach er der noch immer liebenswürdigen Adele, ihre und St. Juliens Angelegenheiten ordnen zu helfen, ehe sie die Rückreise mit diesem nach Frankreich antreten müsse. Denn wie sich auch das Schicksal des jungen Mannes gewendet hatte, so fiel es doch Niemandem ein, dass er anders handeln könne, als zu seinem Regimente zurückzukehren.

Schon in Hohental hatte die Gräfin, nachdem die stürmische Bewegung der Seele sich gemildert hatte, die durch Entdeckungen entstehen musste, welche die tiefsten Gefühle des Herzens aufregten, alle nötige Auskunft über die Erhaltung ihres Sohnes empfangen.

An jenem unglücklichen Tage, so hatte die Schwester des Grafen Evremont ihre Erzählung begonnen, als Dich, geliebte Schwester, und meinen teuern Bruder unerwartet ein entsetzliches Schicksal traf, kehrte ich ruhig, nachdem unsere kleinen Geschäfte abgemacht waren, mit unserer Leonore nach unserer wohnung zurück. Ich sage Dir nichts von dem Jammer und der Verzweiflung, die hier meine Seele erfüllten. Ich dachte nicht an mich, ich wollte zu Euch, und wäre gewiss ohne den Freund und Retter, der mir wie ein Bote des himmels erschien, ebenfalls ein Opfer der Grausamkeit geworden, die sich damals Vaterlandsliebe nannte.

Der Chef des Handlungshauses, dem mein Vater und mein Bruder mit so grossem Recht ihr Vertrauen schenkten, erschien, und wurde mein und Adolphs Retter. Ich war von Angst und Schrecken so betäubt, dass ich ihm willenlos folgte