Sohn eines verehrten Herrn ihm bewies.
Schon dämmerte der Morgen, als sich Beide trennten, und auch St. Julien fühlte, dass er der Erholung bedürfe. Ein sanfter Schlummer umfing ihn nach den stürmenden Empfindungen des Tages und flösste ihm neue Kraft ein für ein bewegtes Leben.
Dritter teil
I
Wer eine Zeit lang auf dem land gelebt hat, wird die Erfahrung gemacht haben, dass es zwar kräftigen Geistern gelingen kann, sich selbst von der Sucht frei zu erhalten, ohne Schonung alle Verhältnisse seiner Bekannten zu durchdringen, dass es aber ganz unmöglich ist, die Forschungslust Anderer zu hemmen. Die genaue Kenntniss des Vermögens eines Jeden wie aller Umstände des Lebens wird den Nachbaren in weitem Umkreise Bedürfniss, und unter dem Scheine treuherziger Teilnahme dringen sie mit geradezu gestellten fragen in die tiefsten Wunden des Herzens ein. Der feinere Weltmann fühlt mit leisem Takte sogleich die Gränze, die nicht überschritten werden soll, und wenn auch seine Schonung nicht aus Milde entspringt, sondern nur dem, was man gewohnt ist, Sitte und guten Ton zu nennen, seinen Ursprung verdankt, so wirkt sie doch wohltätiger, als das Benehmen der Landbewohner, die den, der mit edler Zurückhaltung seine Schmerzen verhüllt, einen verschlossenen Charakter nennen, und sich gleichgültig und misstrauisch von ihm wenden, weil er seine tiefsten, heiligsten Gefühle, die nicht verstanden werden können, nicht Preis geben mag, damit der Müssiggang der Seele Beschäftigung finde.
Diese schon oft gemachte Erfahrung musste der Graf von Neuem machen. Es war nicht möglich, dass die Vorfälle in seinem haus nicht hätten bekannt werden sollen, und die unerhörten begebenheiten regten die ganze Nachbarschaft auf. Nur Wenige hatten seit Kurzem dunkel vernommen, dass die Gräfin schon früher vermählt gewesen und sich als witwe mit dem Grafen verbunden hätte; denn der Prediger, von dem die dunkle Nachricht herrührte, hatte selbst nichts weiter darüber erfahren können, als was er aus dem mund der Professorin in ihrer ersten Ueberraschung vernommen hatte. Jede spätere an dieselbe gerichtete Frage über diesen Gegenstand war kurz abweisend und mehr als verdrüsslich beantwortet worden. Selbst der Bruder der Gräfin hatte sich auf keine Erklärung der nähern Umstände eingelassen und die desshalb an ihn gerichteten fragen nur einsylbig beantwortet, so dass diese erste Verbindung der Gräfin zu allerlei seltsamen Gerüchten Veranlassung gab, denn es fiel Niemandem ein, dass man erlebte Schmerzen mit undurchdringlichem Schleier könne verhüllen wollen, um sie nicht zum gegenstand gleichgültiger gespräche zu machen, sondern man nahm mit der gewöhnlichen Lieblosigkeit müssiger Menschen an, dass nur nachteilige Umstände denen verschwiegen werden könnten, die sich alle für die Freunde des Hauses erklärten.
Diese Ansicht war in der ganzen Gegend umher die allgemeine geworden, als man auf einmal das höchst Seltsame erfuhr, die Gräfin habe aus früherer Ehe einen Sohn, und da die Entdeckung des Sohnes mit früheren Gerüchten in Verbindung gebracht wurde, so lautete die sich allgemein verbreitende Nachricht, ein bekannter französischer Spion sei als der Sohn der Gräfin erkannt worden, und da man meinte, dass ein Spion nur ein sehr niedriger Mensch sein könne, so erklärte man diess für einen Umstand, der einen finstern Schatten auf die frühere Verbindung der Gräfin werfe, und diess alles eigentlich ohne böse Absicht, sondern nur, um durch eine seltsame Begebenheit die einer langweiligen Ruhe hingegebene Seele lebhaft anzuregen. Es vereinigte sich also um diese Zeit im weiten Umkreise von Hohental keine Gesellschaft, die nicht diesen Gegenstand verhandelt hätte, und da Jedermann die Sache etwas anders erzählte, als er sie vernommen hatte, so war sie endlich in dem mund der Letzten so seltsam und abenteuerlich geworden, dass die, von welchen die ersten Nachrichten ausgegangen waren, die lebhafteste Freude über die neuen Aufklärungen dessen, was ihnen in der Sache dunkel geblieben war, empfanden.
Es konnte unter solchen Umständen nicht fehlen, dass täglich neugierige Besucher auf Schloss Hohental erschienen, die, die innigste Teilnahme vorgebend, mit fragen auf den Grafen und die Gräfin eindrangen, deren ruhige Beantwortung eben so viel Standhaftigkeit erforderte, wie man bedarf, um eine schmerzhafte Operation mit Gelassenheit zu ertragen. Um diesem sich täglich erneuerndem Uebel auszuweichen, änderte der Graf den früher entworfenen Lebensplan und schlug seiner Gemahlin vor, den Winter in Berlin zuzubringen. Mit Freuden wurde dieser Vorschlag von der Gräfin angenommen, die noch mehr als der Graf durch die sich stets vermehrenden Wogen des öffentlichen Geschwätzes litt. Von der lebhaften Adele, die sich im Winter auf dem land langweilte, konnte nur eine freudige Einwilligung erwartet werden, und der Graf beredete den Obristen Talheim leicht, sich der Gesellschaft anzuschliessen, denn er wollte den Greis, der nur mit ihm und seinen Hausgenossen umging, nicht der trüben Einsamkeit überlassen.
Die Anstalten zur Abreise waren bald getroffen. Der Graf Robert war über diesen Entschluss höchst erfreut, und bis zum Entzücken wurde diese Freude gesteigert, als er erfuhr, dass auch seine schöne, zärtlich geliebte Braut teil an dieser Reise nehmen würde. Auch die Professorin wollte ihre Rückreise antreten, aber nur, um im Frühlinge zurückzukehren und dann ihr Leben in ihrer geliebten Heimat zu beschliessen. Sie hatte die gemachte Erbschaft dazu angewendet, ein grosses Bauerngut in des Grafen herrschaft zu kaufen. Dieser hatte diess Gut von allen Diensten und Abgaben befreit, und angränzende Felder und Wiesen hinzugefügt, so dass es nun eine ganz artige Besitzung bildete. Die Professorin eilte nach ihrem ehemaligen Wohnsitze zurück, um ihr sich dort befindendes Vermögen zusammen zu bringen, mit dem sie im Frühlinge wiederkehren und die Kosten bestreiten wollte, um