Mutter gehalten hatte, und die sich nun wehmütig lächelnd über ihn beugte. Habe ich denn nun keinen Anspruch auf Liebe mehr? fragte sie den jungen Mann mit zärtlichem Vorwurfe. Tilgt ein Augenblick mein Bild aus Deinem Herzen?
Welch ein Ungeheuer müsste ich sein, wäre diess möglich! rief St. Julien, indem er aufsprang und mit eherbietiger Liebe Madame St. Julien umarmte. Aber, fuhr er fort, vollenden Sie Ihre Wohltat und sagen Sie mir, durch welches Band ich Ihnen angehöre.
Der unglückliche Graf Evremont, Dein Vater und der erste Gemahl Deiner Mutter, war mein Bruder, sagte die zärtliche Adele, und ihre Tränen flossen dem schmerzlichen Andenken.
Der Graf wollte eben bitten, den schmerzlichen Erinnerungen heute nicht Raum zu geben, als ein anderer Gegenstand die Aufmerksamkeit Aller auf sich zog. Dübois hatte sich, von lebhafter Teilnahme angetrieben, in der Nähe des Saales gehalten; eben so seine Freundin, die Professorin. Beide hatten sehr verständig beschlossen, nur in der Nähe zu bleiben, um so bald als möglich das Ergebniss einer Zusammenkunft zu erfahren, die ihnen für das Glück einer Familie so wichtig schien, der sie so innig ergeben waren. Aber Beide hatten nicht die Kraft ihrem Vorsatze treu zu bleiben. Sie näherten sich unmerklich den geöffneten Türen des Saales und waren so Zeugen eines Auftritts, der ihr eigenes Herz in seinen Tiefen bewegte. Der bescheidene Dübois erhielt sich in ehrerbietigem Schweigen, obgleich seine alten Augen überflossen und die Tränen ihm unbewusst die gefurchten Wangen überströmten. Die ehemalige Dienerin aber schob ihn mit einer ziemlich heftigen Bewegung bei Seite, und indem ihre Tränen auf den glühenden Wangen funkelten, rief sie: Nun, Gott sei gepriesen, dass sich Alles aufklärt! Ich habe es ja immer gesagt, dass der junge Herr unser kleiner Adolph ist. Wie sollte ich ihn denn nicht erkannt haben, da ich ihn gewartet habe und er mir so lieb war, als wäre es mein eigenes Kind! Na, fuhr sie fort, indem sie dem überraschten jungen mann die Hand reichte, Sie haben mich rein vergessen, Sie wissen nichts mehr davon, dass ich Ihnen, Vater und Mutter zum Trotz, allen Willen erfüllte, aber das vergebe ich Ihnen, denn Sie waren noch zu klein, als man Sie auf das Dorf brachte. Sie können von mir nichts wissen.
Träume ich, fragte Adele die Gräfin, oder ist diese Frau die deutsche Dienerin, die mit uns in Paris war?
Die Gräfin wollte antworten, aber die witwe des Professors kam ihr zuvor, indem sie sagte: Freilich bin ich es, und wären Sie damals so vernünftig gewesen, mir zu sagen, Wer Sie waren, so hätte ich Ihnen alle die Drangsale nicht angetan, die Sie mir gewiss noch nicht vergeben haben.
Ach! schon längst von ganzem Herzen, meine liebe Freundin, sagte mit liebreichem Lächeln die Frau, die nun St. Juliens Tante genannt werden muss. Ich wusste ja, dass der Widerwille gegen mich nur aus Liebe für meine teure Schwester entstand, und biete Ihnen zum Zeichen aufrichtiger Versöhnung die Hand. Die Professorin trat befriedigt zurück, und die schönen Augen der freundlichen Adele begegneten Dübois verklärten Blicken. Mit Heftigkeit fasste sie die Hand der Gräfin und sagte: Die Vergangenheit tritt mir hier lebendig entgegen. Diess ehrwürdige graue Haupt, dieses treue Auge, das gutmütige Lächeln ruft auf das Lebhafteste in mir das Andenken an den guten väterlichen Freund Dübois hervor.
Und wer als er, erwiderte die Gräfin, indem sie den Alten herbei winkte, könnte denn so selig befriedigt zu uns hinüber blicken.
So wird es mir so wohl, sagte Adele und fasste die Hand des beschämten Greises, diesem väterlichen Freunde noch danken zu können, dessen Liebe und Treue unermüdet wachte, um jede Gefahr von uns zu wenden, und dessen alte Augen gewiss unzählige Tränen über unser Geschick vergossen haben.
Es ist zu viel, sagte der alte Mann, von Rührung überwältigt. Die Seligkeit ist zu gross für meine Kräfte. Der Graf und St. Julien eilten, den Wankenden zu unterstützen, doch das tief in ihm wohnende Gefühl der Ehrfurcht gab ihm bald wieder die Kraft sich zu erholen. Er entzog sich den ihn stützenden Armen und sagte, indem er mit dem Ausdruck inniger Liebe in des jungen Mannes Auge blickte: Ich habe die höchste Freude erlebt, deren der unvollkommene Mensch fähig ist. Jetzt mag der Herr über mich gebieten. Er zog sich nach diesen Worten aus dem saal zurück, und seine Freundin, die Professorin, die ihn erwartet hatte, fasste seinen Arm und führte ihn auf sein Zimmer.
Die im saal versammelte Familie vergass noch oft den Vorsatz, diesen Abend an nichts Trauriges zu denken. Hundert fragen berührten kummervolle Gegenstände und wurden nur halb beantwortet. Zärtliche Liebkosungen hemmten die hervorbrechenden Tränen, und man trennte sich endlich, ohne das liebevolle Verlangen befriedigt zu haben, das Jeder empfand, das Schicksal des Andern zu erfahren, weil es zu deutlich war, dass die Gräfin durchaus der Ruhe und Erholung bedurfte.
St. Julien schlich nach Dübois Gemach. Sein klopfendes Herz fand keine Ruhe. Der alte Mann musste ihm noch alles Unglück eines Vaters mitteilen, den er nie gekannt, und dessen Schicksal er als ein fremdes zuweilen gleichgültig hatte erwähnen hören. Dübois entlastete sein eigenes Herz, indem er einem Andern die Schmerzen zeigte, die er so lange einsam getragen, und fühlte sich beglückt in der Liebe, die der