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aber die stimme versagte ihr und eine heftige Rührung erlaubte nur einzelne Töne. Endlich in den Saal angelangt, schlug sie den Schleier zurück, der ihr Gesicht bedeckte, und der Graf blickte in die schönsten schwarzen Augen, die von Tränen funkelten. Der rote Mund lächelte halb schalkhaft, halb wehmütig und zeigte zwei Reihen Zähne wie Perlen. Die durch die Reise und durch ein lebhaft aufgeregtes Gefühl höher glühenden Wangen gaben dem Gesicht für einen Augenblick den Reiz entschwundener Jugend zurück, und den Grafen überraschte die Aehnlichkeit mit St. Julien in diesem Gesicht und noch eine andere, die ihn verrwirrte und für einen Augenblick der Sprache beraubte.

Die Fremde sagte endlich mit noch immer fliessenden Tränen: So hat mir die Zeit denn in der Tat so übel mitgespielt, dass kein Zug der Erinnerung zu hülfe kommen will, und ich muss mich Ihnen, Graf Hohental, nennen.

Der Ton der stimme rührte eine Saite in des Grafen Brust, die längst nicht mehr geklungen hatte. Er wollte antworten, als die Gräfin eintrat, und mit Ruhe und Anstand sich der Fremden näherte, um sie zu begrüssen. Beide Frauen standen sich einen Augenblick gegenüber, beide wollten reden, aber beide verstummten und starrten sich zweifelnd in die Augen. Adele! rief endlich die Gräfin mit sterbendem Tone und bebenden LippenCäcilie! erwiderte die Fremde mit dem lauten Rufe der Freude, und beide Frauen lagen sich in den Armen und umschlossen sich so fest, als ob diese Bande der Liebe sich nie wieder lösen sollten.

Der Graf zog sich bescheiden etwas zurück. Ihm hatte dieser eine laut die Bewegung seines eigenen Herzens erklärt, und mit Blitzesschnelle durchflog ihn der Gedanke, dass nun auch St. Juliens Aehnlichkeit mit dem Grafen Evremont erklärt sei, und indem er eine ihm so lieb gewordene Täuschung aufgeben musste, senkte sich ein Schatten tiefer Traurigkeit in seine Seele.

O! rede, rede, geliebte Freundin, sagte endlich die Gräfin mit zitternder stimme. Halte ich Dich wirklich lebend in meinen Armen, und sehe ich Dich nach so langen schmerzensvollen Jahren blühend und glücklich? Ohne Grund sind um Dich so viele Tränen geflossen. Heiter, gesund, eine glückliche Mutter, so sehe ich Dich wieder. Darum, fuhr die Gräfin fort, indem sie mit mattem Lächeln auf St. Julien deutete, zog mich mein Herz zu diesem Menschen; ohne es zu wissen, liebte ich Deinen Sohn.

Meinen Sohn? fragte die Freundin lachend, indem ihre Tränen heftiger strömten. Besinne Dich doch, gedenke der Zeit, in der wir zusammen lebten. Berechne die Jahre seit unserer Trennung, kann er wohl mein Sohn sein?

Und Wessen ist er denn? fragte die Gräfin kaum hörbar, mit glühenden Wangen und strahlenden Augen, indem sie beide hände der Freundin krampfhaft drückte. Und hast Du denn, erwiderte diese laut weinend, Deinen armen Adolph gänzlich vergessen?

Meinenwiederholte die Gräfin mit schwindendem Bewusstseinmeinen, meinen Sohn! rief sie laut, wie zu neuem Leben erwachend, und streckte dem jungen mann beide arme entgegen. Der Graf und St. Julien hatten sich unwillkührlich, während des kurzen Gesprächs, den beiden Frauen genähert, und ob der Letztere gleich den Zusammenhang der gehörten Worte nicht begriff, so zog ihn doch sein Gefühl vor der Gräfin nieder, die ihn schnell mit der übernatürlichen Kraft, die auf einen Augenblick eine heftige Bewegung der Seele uns gibt, von ihren Knieen emporriss, und die Mutter ruhte an der Brust des Sohnes und benetzte seine Wangen mit ihren Tränen. Doch plötzlich liess sie den Sohn, fiel mit rascher Bewegung vor der Freundin nieder und küsste deren hände, ohne dass diese der stürmischen Gewalt der Liebe zu wehren vermochte. Du hast ihn mir erhalten! rief sie aus, Du gibst ihn mir zurück, so, ganz so, wie ich ihn in meinen Träumen sah. Er kann meine Liebe fühlen und verdienen, er ist, ja er ist mein Sohn. Erschöpft senkte sich das Haupt der Gräfin. Der Graf hob sie vom Boden auf und führte sie zu einem Lehnsessel, in den sich die von der Kraft des Augenblicks nun verlassene Frau senkte, indem sie mit matter stimme, doch mit seligem Lächeln die Freundin, die noch ihre hände hielt, fragte: Und nun sage mir, wie ist er mein?

Glaubst Du mir denn nicht ohne Erklärung? sagte mit liebevollem Blicke und zärtlicher stimme die treue Freundin. Sollen denn in diesem Augenblicke seliger Freude alle Schmerzen der Vergangenheit erneuert werden, und willst Du an diesen Gefühlen untergehen, jetzt, da das Leben mit neuem Reize Dir lächelt? Ich will Dir morgen alle Auskunft geben, die Du verlangen kannst, nur schone Dich heute.

Der Graf hatte St. Julien mit inniger Zärtlichkeit umarmt und sagte: Ich habe Dich immer geliebt, wie mein eigenes Kind. Jetzt mache ich meine Vaterrechte an den Sohn meiner Gattin geltend. Mein teurer Vater, rief der junge Mann, indem er sich von Neuem in die arme des Grafen warf. Meine geliebte Mutter, sagte er mit zärtlicher stimme, indem er sich eilig aus den ihn umfangenden Armen befreite und die Knie wieder vor der Gräfin beugte, ihre hände mit zitternden Lippen küsste und mit überströmenden Tränen benetzte. So hat mein Herz mich nicht betrogen, es liess mich die heiligen Bande ahnen, die hier mich fesseln. Er blickte auf und sah in die feuchten, glänzenden Augen der Frau, die er bis jetzt für seine