Emilie sagte nichts, aber der kummervolle blick und die blassen Wangen verrieten ohne Worte ihr Gefühl.
In solcher Stimmung war es natürlich, dass jeder von den Hausgenossen die Einsamkeit suchte, und der Graf Robert ritt zu dem Obristen Talheim, wo, wie er es sich bewusst war, seine schöne Braut ihn mit reiner, unschuldvoller Zärtlichkeit erwartete.
Der Arzt bemerkte kaum, dass etwas Ungewöhnliches in der Familie vorging. Alle Gedanken und Empfindungen, die nicht seiner Wissenschaft geweiht waren, richtete er mit seiner gewohnten Heftigkeit und unschuldigen Selbstliebe auf seine junge Verwandte, die mit ungeheuchelter Bewunderung seiner grossen Gelehrsamkeit ihn aufrichtig verehrte und es nicht duldete, dass Jemand in ihrer Gegenwart über seine seltsamen Manieren scherzte, denn ihr schien diese Seltsamkeit von grosser Gelehrsamkeit unzertrennlich, und sie sprach für ihr Alter mit grossem Ernst und tiefem Gefühl über den edlen Beruf eines Arztes, der sich grossmütig ganz der leidenden Menschheit weiht, keine Stunde eigentlich für sich lebt, sondern jeden Augenblick bereit sein muss, sein Dasein für Andere zu benutzen, und den selbst Gefahr des Lebens nicht davon abschrecken darf, seinen Beruf zu erfüllen. Der Arzt war viel zu eitel, als dass er in solchen Schilderungen nicht sein Bild erkannt haben sollte, und sein Herz entzündete sich für die junge Verehrerin mit zärtlicher Liebe. Die witwe des Professors freute sich stillschweigend darüber, dass Alles sich nach ihren Wünschen zu fügen schien, und ihr Wohlwollen für den Arzt mehrte sich täglich, obgleich sie stündlich schalt und belehrte, und diese Anmassung, die ihm früher im haus seines Oheims so unerträglich schien, dass er sich, um ihr zu entgehen, einem ungewissen Schicksale Preis gab, dünkte ihm nun das Zeichen mütterlicher Sorgfalt, und er gewöhnte sich daran, nichts ohne den Rat und die Einwilligung einer Frau zu tun, deren Einfluss er früher mit bitterem Hasse entflohen war. Auch an diesem Tage liess sie ihn gleich nach der Mittagstafel zu sich rufen und sagte: Mein lieber Vetter, es wäre vernünftig, wenn Sie zu dem Prediger ritten und diesen Abend bei ihm blieben; denn erfährt er, dass heute eine fremde Frau hier ankommt, so sehen wir ihn sicher auch bald bei uns, um nur gleich im ersten Augenblicke die Fremde zu betrachten und ihren ganzen Lebenslauf auszuforschen.
Was kann es schaden, erwiderte gleichmütig der Arzt, wenn man ihm diese Unterhaltung gönnt?
Ich will das nicht haben, rief die Professorin heftig. Es schickt sich nicht, dass einer, der nicht zur Familie gehört, im ersten Augenblicke gegenwärtig ist, wenn eine solche Bekanntschaft gemacht wird.
Freilich, sagte der Arzt, ich habe es längst bemerkt, unser guter Prediger wird leicht zu grosser Wissbegierde aufgeregt und ist in solchen Fällen nicht immer delikat.
Was geht mich seine Delikatesse an, erwiderte die Professorin, das ist die Sache seiner Frau, die hat für seinen Tisch zu sorgen. Ich will nur nicht, dass er heute die Familie stören soll, und haben Sie nicht gesehen, wie vernünftig der Graf Robert ist, der schon lange davon geritten ist. So klug, denke ich, kann mein Vetter auch sein.
Sie haben Recht, werteste Frau Base, sagte der Arzt, und ob ich gleich heute ein besonderes Studium vorhatte, so will ich es doch bis morgen aufschieben, und heute den ganzen Abend mit dem Prediger Whist oder Boston spielen, und Falls wir ganz allein sind, auch Schach, denn man muss sich seinen Freunden aufopfern.
So war nun Alles nach der Meinung der Professorin gehörig vorbereitet, um die ankommende Feindin mit scharfen Blicken zu beobachten, und sie und Dübois horchten mit Herzklopfen auf jedes Geräusch. Aber die Dämmerung war längst eingebrochen, die Lichter in allen Zimmern angezündet und noch immer hörte man keinen Wagen rollen, und die Furcht fing sich allmälig an zu regen, dass man St. Julien nicht mehr wiedersehen würde. Nicht bloss der Haushofmeister und seine Freundin erwarteten mit so ängstlicher Ungeduld den jungen Mann und seine Mutter; auch der Graf und seine Angehörigen teilten die peinliche Unruhe, die in dem Masse sich steigerte, wie die Finsterniss zunahm.
St. Julien hatte die kleine Reise, die ihn seiner Mutter entgegen führte, mit geteilter Empfindung angetreten, und er machte sich selbst bittere Vorwürfe darüber, dass sein Herz nicht mit reiner Freude erfüllt war. Je näher er aber dem Orte kam, wo, wie er wusste, ihn die erwartete, deren mütterliche Liebe ihn so treu auf dem Pfade seines Lebens begleitet hatte, je mehr traten alle andern Empfindungen in den Hintergrund seiner Seele zurück, und mit inniger, lebhafter Zärtlichkeit schloss er die geliebte Mutter in seine arme.
Nach einer so langen Trennung war es natürlich, dass der Tag unbemerkt entfloh, und es war schon völlig dunkel geworden, als der Wagen mit den beiden Reisenden auf den Hof des Schlosses Hohental rollte und die Spannung aller Erwartenden löste.
Die Gräfin erbleichte. Sie fasste den Arm der nicht minder bewegten Emilie und verliess mit dieser den Saal, um in einer kurzen Einsamkeit die gehörige Fassung zu gewinnen, die Fremde mit anständiger Ruhe zu begrüssen. Der Graf eilte den Ankommenden mit Höflichkeit entgegen. St. Julien hatte so eben seine Mutter aus dem Wagen gehoben, und der Graf bot ihr den Arm, indem er sich ihr als den Herrn des Hauses nannte und das Glück pries, sie bei sich zu begrüssen. Sie wollte, indem der Graf sie die Treppe hinauf führte, von ihrer Dankbarkeit reden,