Recht, dass ihr die Nachricht, die er mitzuteilen hatte, erfreulich sein würde. Er hatte den kurzen Aufentalt in Breslau auch dazu benutzt, für den jungen Gustav zu sorgen. Auch sein Vetter sollte reisen, und er sah ein, dass die Einsamkeit drückend werden müsste, wenn man sich noch ferner von den Nachbarn zurückhalten wollte.
In diesen mannigfachen Betrachtungen hatte der Graf die Reise zurückgelegt und erreichte ziemlich ermüdet Schloss Hohental, denn der Späterbst des Jahres achtzehn hundert und sieben war eingetreten. Die feuchte, kalte Luft durchschauerte den Grafen und er sehnte sich nach der wärmenden Flamme des Kamins. Mit bekümmerter Miene eilte ihm der Haushofmeister entgegen. Gottlob, dass Sie, gnädiger Herr, kommen, rief er ihm zu, ich bin in einer tödtlichen Verlegenheit.
Was ist vorgefallen? fragte der Graf ängstlich.
Ein zweiter Brief der angeblichen Mutter des Herrn St. Julien, erwiderte der alte Mann, ist angekommen, und sie verlangt, er soll ihr bis zum nächsten Städtchen entgegen kommen. Wie kann man diess verhindern?
Es ist besser, wir machen keinen Versuch diess zu hindern, sagte der Graf nach einem Augenblicke des Nachdenkens. St. Julien kann nicht so von uns scheiden, auch wenn es von ihm gefordert würde, und auch sonst ist diess, selbst wenn Ihre Vermutung gegründet wäre, nicht wahrscheinlich; denn unmöglich kann seine Mutter den Verdacht ahnen, den wir hegen. Mir scheint es, dass sie den Sohn nicht zuerst unter fremden Menschen wiedersehen will, und dieser Wunsch ist natürlich. Desshalb befehlen Sie, dass Pferde und Wagen bereit gehalten werden, damit der junge Mann morgen fahren kann, sobald er es wünscht, und lassen Sie uns das Uebrige geduldig erwarten.
Der Haushofmeister war es gewohnt sich in Ehrfurcht der Ansicht des Grafen zu fügen, aber diess Mal schien ihm zu viel auf dem Spiele zu stehen, und als der Graf die Treppe hinauf stieg, eilte er zu seiner Freundin, der Professorin, um ihr die Gefahr mitzuteilen, in der sie schwebten, den auf's Neue zu verlieren, den sie sich beide gewöhnt hatten als den Sohn der Gräfin zu denken. Die ehemalige Dienerin zürnte über den Leichtsinn des Grafen und wählte nicht mit zu ängstlichem Zartsinn die Worte, um diesen Zorn auszudrücken. Doch beruhigte sie sich nach einigem Nachdenken durch die Vorstellung, dass der Graf wenigstens darin Recht habe, wenn er meinte, die Kinderräuberin, wie sie ohne Umstände St. Juliens Mutter nannte, könne doch nicht wissen, dass jemand im schloss sei, der ihr Recht an diesen Sohn sich erlauben würde zu prüfen, und sie riet dem Haushofmeister, mit guter Manier darauf zu sehen, dass der junge Mann nicht seinen Urlaubsschein oder andere Papiere mitnähme, auf die er sich einen Pass verschaffen könnte. Dübois versprach, so viel es die Bescheidenheit erlaubte, darauf zu achten.
Der Graf fand seine Hausgenossen aufgeregt durch die Nachricht der nahen Ankunft einer Frau, in deren Gegenwart sich eines Jeden Lage verändern musste. Der schwermütige blick der Gräfin haftete auf St. Julien. Es wurde ihr heute zum ersten Male recht klar, wie schwer es ihr werden würde, die Rechte einer Andern anzuerkennen, denn sie fühlte, wie innige mütterliche Gefühle sie selbst für den jungen Mann im Herzen hegte. Emilie und St. Julien suchten sich zu nähern und wagten doch einander nichts zu sagen. Der Obrist ging im saal auf und ab, und wiederholte von Zeit zu Zeit, ein braver Soldat müsse seiner Fahne treu bleiben unter allen Umständen, und die Festigkeit eines Mannes zeige sich nicht bloss in der Schlacht, sondern vorzüglich dann, wenn es darauf ankäme, Gefühle des Herzens zu besiegen. Graf Robert und Terese waren in das Vorgefühl der eigenen Trennung verloren, und die Ankunft des Grafen erheiterte die Mienen nur auf kurze Zeit.
So war der Abend ziemlich traurig verstrichen. Am andern Morgen zeigte sich Dübois bei St. Julien geschäftig, um den Rat seiner erfahrnen Freundin zu befolgen, aber zu seiner grossen Beruhigung nahm der junge Mann gar nichts mit sich und würde in seiner kummervollen Zerstreuung selbst seine Börse vergessen haben, wenn sie ihm der Haushofmeister nicht gereicht hätte.
Heute Abend bin ich zurück, sagte er, indem er dem alten mann freundlich die Hand reichte. Dann verliess er das Zimmer, eilte mit leichtem Schritte die Treppe hinunter, warf sich hastig in den Wagen, der schnell dahin rollte und, wie es Dübois in diesem Augenblicke schien, das Glück des Hauses entführte.
Der Tag verstrich den Schlossbewohnern langsam, in peinvoller Stimmung des Gemüts. Der Graf konnte sich die Ungerechtigkeit nicht abläugnen, die darin lag, dass eine Frau mit feindlichen Gefühlen von einer Familie erwartet wurde, der sie sich aus reinster Dankbarkeit nähern wollte. Doch konnte er eben so wenig, als die Andern diess Gefühl besiegen, und er empfand jetzt, dass er viel fester daran glaubte, als er sich früher hatte gestehen wollen, dass der von Allen geliebte junge Mann der seiner Gemahlin geraubte und von ihr so innig geliebte Sohn sei. Die Gräfin, deren Seele keinen Gedanken mehr vor dem Grafen verbarg, hatte ihm längst bekannt, dass die grosse Aehnlichkeit St. Juliens mit dem Grafen Evremont, an den sie selbst die stimme des jungen Mannes fortwährend erinnere, ihr Herz in die süsse Täuschung eingewiegt habe, diess könne ihr Sohn sein, dass sie desshalb Mutterliebe für den jungen Mann fühle und seine Abreise ihr lebhaften Schmerz erregen würde.