, schloss er, diese Aehnlichkeit kann ein Spiel der natur sein, wie wir öfter gelegenheit haben es zu bemerken.
Ich weiss nicht, rief die witwe des Professors, ob die natur ein so dummes Spiel macht, dass nicht bloss die Aehnlichkeit da ist, sondern auch das kleine braune Maal unter dem linken Auge, das ich tausend Mal an unserm kleinen Herrn betrachtet habe. Ich wollte es dem kind wegbeizen lassen, aber die Frau Gräfin war zu ängstlich und gab es nicht zu. Ich kann es gar nicht begreifen, wie die vornehmen Leute so blind aus lauter Klugheit sind. Wie ist es möglich, dass die Frau Gräfin ihr Kind nicht an diesem Zeichen erkennt.
Sie bezeichnen Herrn St. Julien, sagte der Graf, mit so grosser Bestimmteit als den Sohn meiner Gemahlin, und in wenigen Tagen wird die Mutter des jungen Mannes hier sein, und alle Täuschungen werden schwinden.
Lasst sie nur kommen, rief die Professorin, indem sie die hände zusammenschlug, lasst sie nur kommen, ich will ihr schon fragen vorlegen. Die Frau Gräfin ist immer sanft wie ein Lamm gewesen; sie wäre im stand und liesse sich mit schönen Reden ihren Sohn zum zweiten Male stehlen. Aber mir soll sie Antwort geben, die französische Madam, ich werde sie nicht so ziehen lassen, und wenn sie auch ihren grossen Buonaparte mitbrächte, so liesse ich mich doch nicht einschüchtern.
So ernstaft dem Grafen die Sache erschien, so konnte er doch ein Lächeln über den Eifer seiner Verbündeten nicht unterdrücken. Er teilte nun ihr und Dübois mit, dass er gezwungen sei, auf einige Tage zu verreisen, und bat Beide, wenn die Mutter des jungen Mannes während seiner Abwesenheit kommen sollte, Alles genau zu beobachten und auf keinen Fall eine übereilte Abreise vor seiner Rückkunft zuzugeben, unter welchem Vorwande man sie auch vielleicht verlangen sollte, aber auch mit allen entscheidenden Schritten, die zu Entdeckungen führen könnten, bis zu seiner Rückkunft zu warten, damit Alles mit so viel Schonung für die Gräfin als möglich eingeleitet werden könne. Beide versprachen ihm pünktlich zu gehorchen, und die witwe des Professors sagte: Sie sehen, dass ich schweigen kann, das ist nur ein einfältiges Gerede, wenn die Männer immer darauf sticheln, dass die Weiber nicht schweigen können. Ist es mir der Mühe wert, so weiss ich meine Zunge wohl zu bändigen. Sie sehen, ich lebe hier Wochenlang und es brennt mir täglich auf dem Herzen, wenn ich sehe, wie kummervoll die Frau Gräfin den jungen Mann betrachtet. Ich möchte ihr gerne sagen: So öffnen Sie doch die Augen, wischen Sie die Tränen daraus hinweg, damit sie hell werden, und umarmen Sie das beweinte Kind, damit der nutzlose Jammer endlich endigt. Aber Sie haben mir so viel vernünftige Gründe angeführt, dass ich immer schweige und das Elend ruhig ansehe.
Der Graf dankte ihr für ihre Standhaftigkeit und versicherte, dass er überhaupt nicht so nachteilige Meinungen in Betreff der Klugheit und Zurückhaltung der Frauen hege, und dass ihr Beispiel auch jeden andern eines Besseren belehren müsse, und verliess mit Dübois die durch so freundliche Worte hochbeglückte Frau, um mit diesem noch nähere Verabredungen zu treffen für den Fall, dass St. Juliens Mutter während seiner Abwesenheit eintreffen sollte. Dieser ahnte nichts von den feindlichen Anstalten, die gegen eine Frau getroffen wurden, die sich ihm stets als eine zärtliche Mutter gezeigt hatte. Er sehnte sich mit dankbarer Liebe nach dem Augenblicke, in welchem sie ihn in die arme schliessen würde, und sein inniger Schmerz entstand nur aus der überzeugung, dass diesem glücklichen Augenblicke die Trennung von zärtlich und leidenschaftlich geliebten Wesen folgen müsste.
Der Graf hatte seine Reise nach Breslau angetreten und traf dort nun einen Tag früher ein, als er den Baron erwarten durfte. Er wollte diese Zeit dazu benutzen, um den Rat eines Rechtsgelehrten über den vorgeschlagenen Kauf früher zu nehmen, ehe er sich weiter gegen den Verkäufer erklärte. Doch war seine Vorsicht in sofern vergeblich, weil der Baron ebenfalls den Entschluss gefasst hatte, einen Tag vor der verabredeten Zusammenkunft in Breslau zu sein, um den Rat eines Rechtsgelehrten zu benutzen, und das Schicksal wollte, dass Beide sich an denselben wendeten und schon in der ersten Stunde nach ihrer Ankunft zusammentrafen. Da der Baron sehr zu verkaufen wünschte und der Graf, nachdem er sich genau über Alles unterrichtet hatte, einsah, dass er wenigstens keinen grossen Verlust zu befürchten habe, so war der Handel bald abgeschlossen. Der Graf übernahm alle auf den Gütern ruhenden Schulden, und der Baron empfing noch eine Summe baar, die er, wie er lächelnd bemerkte, mit Weisheit anlegen wollte, und teilte dem Grafen die willkommene Nachricht mit, dass er in drei Tagen sein Geburtsland zu verlassen und seiner Bestimmung entgegen zu eilen denke.
Gegen seinen Wunsch war der Grundbesitz des Grafen so um eine bedeutende herrschaft vermehrt worden, und er kehrte nur halb zufrieden nach Schloss Hohental zurück. Denn wenn es ihm auch erfreulich war, nun auf die Entfernung eines Verwandten rechnen zu dürfen, dessen Gegenwart seiner Gemahlin so schmerzlich werden konnte, so fühlte er doch, wie sehr seine Sorgen in der verhängnissvollen Gegenwart durch diesen neu erworbenen Grundbesitz vermehrt würden. Es war ihm nicht entgangen, dass die Gräfin sich zum teil eben desshalb von allem Umgange mit den Nachbarn zurückgezogen hatte, um der Gefahr eines zweiten schmerzlichen Zusammentreffens mit einem Bruder auszuweichen, der nur unheilbringend auf ihr Leben eingewirkt hatte, und er hoffte mit