um einen Verwandten zu entfernen, dessen Nähe nur unheilbringend sein konnte. Er hatte aber den Vorsatz, in Breslau einen Rechtsgelehrten zu Rate zu ziehen und nur dann den Kauf der Güter in der Tat abzuschliessen, wenn er überzeugt sein könnte, dass sein unwürdiger Verwandter ihm nicht neue Nachteile bereitete. In diesem Falle wollte er die ihm abgedrungene Summe lieber verlieren.
Als das Geschäft so weit beendigt war, wollte der Graf sogleich nach Schloss Hohental zurückkehren. Der Baron aber hielt ihn mit höflichen Gesprächen zurück, ohne sich durch die kurzen Antworten, welche er erhielt, abschrecken zu lassen, und ein mit allen Verhältnissen Unbekannter hätte nach der Art, wie die Unterredung geführt wurde, schliessen müssen, dass beide Verwandte eigentlich im besten Einverständniss lebten, und dass der Baron mit liebenswürdiger Gutmütigkeit sich bestrebte, die üble Laune eines geachteten Verwandten zu verscheuchen. Der Graf erfuhr auf diese Weise gegen seinen Willen, dass der Baron ein genauer Freund des Obristen sei, der durch den Herrn von Werteim war verwundet worden, dass er durch diesen mit dem Divisions-General in Verbindung gekommen sei, welcher bedeutenden Einfluss in Paris habe, so dass es ihm nicht schwer gefallen wäre, dem Baron so wie dem jungen Lorenz eine Anstellung bei der Armee zu verschaffen, die nach der spanischen Gränze geschickt werden solle. Doch erklärte sich der Baron über die natur dieser Anstellung nicht genauer, und der Graf konnte aus dem Zusammenhange leicht erraten, dass der Baron auf die erste Sprosse der Leiter des Glücks, die er ersteigen wollte, durch die sogenannte Gemahlin des Obristen erhoben worden war, in welcher der Graf, ohne seinen Scharfsinn anzustrengen, die Tochter des alten Lorenz erkannt haben würde, wenn auch der Prediger nicht schon längst durch unumwundene fragen die Sache ausser allen Zweifel gesetzt hätte. Endlich gelang es dem Grafen, sich von dem Baron loszumachen und die wohlgemeinten Einladungen des Predigers zu beseitigen, und er eilte aus der Nähe eines Menschen hinweg, dessen Gefährlichkeit er schon in der einzigen Unterredung, die er nach vielen Jahren mit ihm gehabt, genügend erkannt hatte, und ihm däuchte das Opfer von tausend Talern unbedeutend, wenn dadurch die überzeugung erkauft werden könnte, dass er den Bruder seiner Gemahlin nie wieder sehen werde. In diesen Gedanken und Betrachtungen erreichte er seine wohnung, wo er andere Nachrichten fand, die, wie er auch dagegen kämpfte, niederschlagend auf ihn wirkten.
XVI
Als der Graf vor seiner wohnung vom Pferde stieg, kam ihm St. Julien entgegen, in dessen Augen noch leichte Spuren von Tränen waren, obgleich der lächelnde Mund dem Gefühle widersprechen zu wollen schien, welches diese Schmerzenszenszeichen hervorgerufen hatte. Er hielt einen Brief in der Hand und sagte: In wenigen Tagen wird meine Mutter hier sein, um Ihnen ihren Dank darzubringen und mich mit sich hinwegzuführen. Die Lippen des jungen Mannes zitterten, indem er diese Worte sprach. Er kämpfte mit der Wehmut, doch plötzlich überwältigte ihn sein Gefühl, er liess den Tränen freien Lauf und rief, indem er den Grafen mit Heftigkeit umarmte: Werde ich Sie und Alle jemals wiedersehen? Und werde ich den Schmerz der Trennung ertragen können? Der Graf drückte mit inniger Rührung den jungen Mann an seine Brust und sagte mit mühsam beherrschtem Schmerz: So nah ist also die unglückliche Stunde? Er fasste darauf den Arm St. Juliens und Beide gingen in das Zimmer des Grafen, wo er, wie es St. Julien wollte, den Brief las, den dieser von seiner Mutter erhalten hatte. Wir müssen uns die Trennung noch nicht so denken, sagte er endlich. Ihre Mutter wird sich bewegen lassen, so lange bei uns zu verweilen, bis die Zeit Ihres Urlaubs geendigt ist.
Gewiss, sagte St. Julien, wird meine Mutter mit Freuden diesen Wunsch erfüllen; aber auch diese Zeit wird vergehen und endlich kommt der Augenblick doch, der den Schmerz der Trennung herbeiführt.
Endlich, sagte der Graf, ja freilich endlich naht die Stunde der Trennung, und trennt uns nichts anders, so naht doch endlich der Tod und zerreisst auch die festesten Bande. Darum ist jeder Tag des Glückes in unserm armen, kurzen Leben ein unendlicher Gewinn.
Beide Männer betraten in wehmütiger Stimmung den Saal, wo sie die Frauen und den Grafen Robert beisammen fanden, denen die baldige Ankunft der Mutter St. Juliens mitgeteilt wurde. Der Schmerz in den Augen der Gräfin war nicht zu verkennen, und Emilie verliess den Saal, weil sie die Tränen nicht zurückhalten konnte, die an den langen, goldenen Wimpern zitterten. Stumm reichte der Graf Robert seinem Freunde die Hand, die dieser mit Innigkeit drückte.
Der Graf verliess seine vom Gefühl der nahen Trennung schmerzlich berührten Freunde und begab sich zu der witwe des Professors, wo er den Haushofmeister Dübois fand. Dieser gutmütige alte Mann hatte nach und nach die überzeugung seiner Freundin herrschaft über sich gewinnen lassen, und glaubte beinah mit Gewissheit mit ihr, dass St. Julien der geraubte Sohn der Gräfin sei. Der Graf hatte öfter die gewesene Dienerin über alle Umstände befragt, und er musste wenigstens zugeben, dass die Sache möglich sei. Er hatte die Möglichkeit so oft erwogen, dass sie auch ihm zuletzt wahrscheinlich wurde. Er hatte sich längst gestanden, dass es eben die grosse Aehnlichkeit mit seinem ehemaligen Freunde, dem Grafen Evremont, gewesen sei, die ihn zu dem jungen mann, so wie er ihn erblickte, wunderbar hingezogen hatte. Er teilte auch diess der Professorin mit; aber