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darin, als nach dem Frühstück der Graf sein Pferd zu satteln befahl, weil er dem Prediger einen Besuch machen wollte, mit dem er, wie er sagte, manche die Gemeinde betreffende Gegenstände zu beraten habe, und die Gräfin ahnte nicht, als sie ihm nachblickte, indem er von dem hof hinunter ritt, welcher Zusammenkunft er entgegen eilte.

Im haus des Predigers war er schon mit Ungeduld erwartet worden, denn dem Hausherrn wurden seine Gäste überaus lästig, weil der alte Lorenz unter dem Schirme seines vornehmen Freundes den Prediger mit einer beleidigenden Vertraulichkeit quälte, die dieser nicht zurückzuweisen verstand und sich auch nicht geneigt fühlte zu ertragen. Er eilte also dem Grafen, so wie er ihn erblickte, vor die Tür seines Hauses entgegen und bewillkommnete ihn mit herzlicher Freude.

Der Graf erwiderte diese freundliche Begrüssung in merklicher Spannung, und die Eile, mit welcher er eintrat, zeigte deutlich, dass er die ihn erwartende peinliche Unterredung so bald als möglich zu beendigen wünschte. Als er das Wohnzimmer des Pfarrers erreicht hatte, trat ihm der Baron Schlebach mit verbindlicher Freundlichkeit entgegen und wollte ihn mit der Vertraulichkeit eines Verwandten umarmen. Der Graf wich diesem Zeichen der Freundschaft durch eine höfliche, kalte Verbeugung aus und sagte, indem er einen strengen, verächtlichen blick auf den alten Lorenz richtete: Da Sie mich wahrscheinlich allein und ungestört zu sprechen gewünscht haben, so denke ich, bitten wir beide den Herrn Prediger, dass er Ihrem Begleiter einen schicklichen Ort, Sie zu erwarten, anweiset; er wird uns diese gefälligkeit nicht abschlagen, da er schon so gütig gewesen ist, uns diess Zimmer für eine kurze Zeit zu überlassen und hier eine Zusammenkunft zu gestatten, die Ihnen unvermeidlich scheint.

Der Baron fügte sich dem Wunsche des Grafen, und der alte Lorenz hatte in der Gegenwart des Letzteren nicht den Mut, seine Unverschämteit fortzusetzen. Er verliess also das Zimmer, und auch der Prediger fühlte, dass er der Unterredung zwischen den beiden, sich so seltsam gegenüberstehenden Verwandten schicklicher Weise nicht beiwohnen könne; auch er verliess also das Gemach, obwohl mit zögerndem Schritte, indem seine natürliche Neugierde ihn wie ein Magnet festalten zu wollen schien.

So waren denn nun die beiden Verwandten allein, und ein fragender blick des Grafen lud den Baron zum Sprechen ein, der noch immer lächelnd schwieg, weil er, wie es schien, die rechten Worte suchte, um diese seltsame Unterredung zu eröffnen. Der Graf hatte also Zeit ihn zu betrachten und sich zu erinnern, dass der Baron in der Blüte der Jugend ein auffallend schöner Mann gewesen war. Jetzt hatte freilich die Zeit und mehr vielleicht noch ein unregelmässiges Leben die herrliche Gestalt zerstört; aber immer noch leuchteten dem Grafen die schönen dunkeln Augen entgegen, die ihn an seine Gemahlin erinnerten, obwohl ein wilderes Feuer darin brannte. Die hohe, freie Stirn wurde durch die Beweglichkeit der Augenbraunen verunstaltet, und das süssliche Lächeln, welches den feinen Mund fortwährend umschwebte, gab diesem einen Zug von spöttischer Falschheit; aber dennoch machte noch jetzt die Persönlichkeit des baron einen angenehmen Eindruck, der durch seine schöne, weiche und doch männliche stimme erhöht wurde, als er endlich zu sprechen begann, so wie die edlen Gebehrden eine gute Erziehung und das Leben in der feinen Welt bewiesen.

Es ist wohl seltsam, hob der Baron mit scheinbarer Freimütigkeit an, dass ich heute zum ersten Male das Glück habe, Ihnen als Verwandter gegenüber zu stehen, obgleich Sie schon so lange mit meiner einzigen Schwester verbunden sind und man glauben sollte, dass nach dieser Verbindung unser natürliches verhältnis zu einander das, in dem Brüder gegen einander stehen, wäre.

Es drängt sich uns im Leben, erwiderte der Graf, oft die Erfahrung auf, dass wir uns den Banden, welche die natur zu knüpfen scheint, dennoch entziehen müssen, wie beklagenswert uns auch diese notwendigkeit erscheinen mag.

Aber ist es möglich, sagte der Baron mit einschmeichelndem Lächeln, dass meine Schwester einen Groll so lange nähren kann, dass die vernünftigere Ansicht des Gemahls nicht im stand sein sollte, ihn zu besiegen? Ich kann nicht glauben, dass sie einen so hohen Wert auf einige Summen legen sollte, die ich, ich gestehe es, von ihrem ersten Gemahl empfing und bei dem besten Willen nicht zurück geben konnte.

Wenn meine Gemahlin, versetzte der Graf mit höflicher Kälte, Gründe hat, jede Annäherung zu vermeiden, und lieber das lieblose Urteil der Welt über sich ergehen lässt, die sie schonungslos genug tadelt, dass sie dem Wunsche des einzigen Bruders entgegen in dieser Zurückgezogenheit beharrt, so kann ich Ihnen wenigstens die Versicherung geben, dass diese Gründe nicht so niedriger Art sind.

Sollte denn also ihr Herz, sagte der Baron mit den weichsten Tönen seiner sanften stimme, sich auf immer feindlich gegen mich geschlossen haben, weil sie glaubt, dass ich freventlich, unkindlich unsere arme Mutter Preis gegeben habe? Ach, könnte sie sich nur entschliessen mich zu hören, sie würde dann auch diess gewiss milder beurteilen und mein Unglück vielleicht beklagen, wenn ich es auch durch Leichtsinn selbst veranlasst haben sollte.

Meine Gemahlin, antwortete der Graf, hat jeden Anspruch darauf, Ihre Handlungen zu beurteilen, längst aufgegeben, und wenn sie sich ausser dem Bereiche schmerzlicher Erinnerungen zu halten wünscht, so ist diess, um den Frieden ihres Lebens zu bewahren, notwendig, ohne von feindlichen Gesinnungen zu zeugen.

Sie gewähren mir einen grossen Trost, sagte der Baron mit scheinbarer Herzlichkeit, indem er dem Grafen die