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Freund mit weit geöffneten Augen, blieb eine Zeit lang sprachlos vor Erstaunen und rief dann: Sie haben einen Dämon, der Sie lehrt in die Tiefe eines jeden Geheimnisses zu blicken, denn auf gewöhnlichen Wegen können Sie unmöglich Alles erfahren.

Sie sehen, ich habe meine Nachrichten, erwiderte der Prediger selbstgefällig lächelnd, und Sie sehen auch, dass das zuweilen nicht so übel ist, denn man kann unbesonnenen Leuten dienen, wenn man wohl unterrichtet ist.

Noch stand der Arzt in Staunen verloren über die unbegreifliche Klugheit seines Freundes, als die tür geöffnet wurde und der Graf Robert eintrat, der mit einiger Verlegenheit den aufgeregten Arzt und den gelassen rauchenden Prediger betrachtete. Sie sehen nach, hob der Letztere schalkhaft lächelnd an, ob Sie unsern Freund, den Doktor, noch nicht allein finden, damit er die Wunden des Herrn von Werteim endlich verbinde.

Nicht ich, rief der Arzt heftig vorspringend und die Hand auf die Brust legend, nicht ich habe den Verrat begangen. Er weiss unser geheimnis, aber, welcher Dämon es ihm verraten, ist mir unbekannt.

Sein Sie ruhig, sagte der Prediger ernstaft, und gebehrden Sie sich nicht so wunderlich. Ich habe von Reisenden zufällig erfahren, dass ein französischer Obrist von einem verabschiedeten preussischen Offizier schwer verwundet worden ist.

Also lebt der Obrist, rief der Graf in freudiger Ueberraschung, jede Zurückhaltung aufgebend. Er lebte noch vorgestern, erwiderte der Geistliche. Die ärzte sollen aber sein Aufkommen bezweifeln und der Divisions-General die heftigste Verfolgung der Flüchtlinge beabsichtigen. Desshalb rate ich Ihnen, Ihre Freunde so bald als möglich fortzuschaffen und nicht eine Minute länger, als es nötig ist, zu zaudern.

Der Graf dankte dem Prediger und eilte, seinem Oheime die Nachrichten, die er eben erhalten hatte, mitzuteilen, worauf Dübois gerufen wurde, der alsbald wieder die Zimmer des Grafen verliess, um Postpferde für den folgenden Morgen um fünf Uhr zu bestellen. Der Arzt hatte die Wunde des Kranken eben verbunden, als der Graf Robert zu diesem eintrat, ihm die notwendigkeit anzuzeigen, schon den andern Morgen zu reisen. Werteim war mit dieser Anordnung zufrieden, denn er fühlte sich gedrückt unter dem dach des Grafen. Der Arzt teilte ihm hierauf noch, ehe er sich zurückzog, die nötigen Verhaltungsregeln für die Reise mit, versprach auch um vier Uhr die Wunde noch ein Mal zu verbinden und kehrte dann zum Prediger zurück, den er noch rauchend auf seinem Zimmer fand, und der nun auch mit dem übermütigen Rate von ihm schied, in der Zukunft das unnütze Bestreben ihm etwas zu verheimlichen aufzugeben.

XV

In der Dämmerung des Morgens hielt eine schlechte Postchaise auf dem hof und der Baron Lehndorf bestieg sie mit seinem Freunde, nachdem dieser aus den Händen des Arztes befreit war, der diess Mal seinen Verband noch sorgfältiger als gewöhnlich aufgelegt hatte, damit die Anstrengung der Reise die Wunde so wenig als möglich erhitzen möge. Ein kleiner Mantelsack war gepackt worden, der die nötigsten Gegenstände entielt, mit denen der Graf Robert die scheidenden Freunde versorgte. Eine Summe Geldes hatte er ihnen ebenfalls eingehändigt, die ihre nächste Zukunft sicherte, und ob sie ihm gleich herzlich dankten, so empfingen sie doch seine hülfe ohne Beschämung, da er zu ihrer Verbrüderung gehörte und es die Pflicht eines jeden Mitbruders war, aus allen Kräften die Glieder des Bundes zu unterstützen, die eben hülfe bedurften.

Da die Freunde aus sicheren Quellen wussten, dass Schill in Berlin erwartet wurde, so beschlossen sie, sich ebenfalls dahin zu begeben, und der Graf Robert hatte ihnen versprochen, dort wieder mit ihnen zusammen zu treffen, da auch er zunächst die Hauptstadt besuchen wollte und die Abreise dahin immer nur verzögert hatte, weil er sich vor dem Schmerze der Trennung fürchtete. Die beiden scheidenden Freunde hatten beinah die ganze Nacht dazu angewendet, ihn zu überreden, sich ebenfalls, wie sie es beschlossen hatten, an Schill anzuschliessen. Der Graf aber war dem seinem Oheim gegebenen Worte treu geblieben, dem er feierlich versprochen hatte, nichts übereilt zu beschliessen und jedes Unternehmen vorher streng zu prüfen, ehe er sich zur Teilnahme bereit zeigte. Desshalb blieb er standhaft dabei, den Freunden zu versichern, dass er, wenn ihm in der Nähe Alles so sicher und vorteilhaft für die gute Sache erscheinen sollte, wie es ihnen in der Ferne vorkäme, dann keinen Anstand nehmen würde, sich mit ihnen zu vereinigen.

Diese sehr bedingte Zusicherung war den Freunden keineswegs angenehm und sie beklagten in dieser Rücksicht ihren zu kurzen Aufentalt auf Schloss Hohental, weil sie meinten, der Graf Robert würde ihrer Ansicht haben weichen müssen, wenn sie Zeit gehabt hätten öfter auf den Gegenstand zurück zu kommen. Doch trösteten sie sich damit, dass in Berlin der Anblick der Schaar begeisterter Krieger, die den heldenmütigen Anführer umgab, auch die Seele des kälteren Freundes entzünden und ihn bestimmen würde, durch einen kühnen Entschluss in ihre Mitte einzutreten.

Die Gräfin wunderte sich über die schnelle Abreise seiner Freunde, als der Graf Robert sie ihr beim Frühstück anzeigte. Doch fand sie es natürlich, dass der Herr von Werteim einen Aufentalt zu verlassen eilte, der ihm unangenehme Erinnerungen aufdrängte, und sie beklagte nur, dass vielleicht seine Gesundheit durch die zu grosse unnütze Eile leiden könne.

Der Graf meinte, in der Jugend habe man viele Lebenskraft und könne grossen Beschwerden Trotz bieten. Er selbst könne die Abreise der beiden Freunde nur loben und würde an ihrer Stelle eben so gehandelt haben.

Man fand nichts Ungewöhnliches