des Predigers, der zu erwarten schien, dass im Drang verschiedener schmerzlichen Empfindungen der Graf jede Zurückhaltung aufgeben und ihm die Quelle der Leiden zeigen würde, die er oftmals in einer Familie wahrgenommen hatte, die von aussen so glücklich schien.
Ein kurzes Schweigen war entstanden. Endlich sagte der Geistliche, ein wenig über die getäuschte Hoffnung verstimmt: So sprechen Sie ihn bei mir, wenn Sie ihn hier nicht sehen wollen, denn, glauben Sie mir, sprechen müssen Sie ihn durchaus, wenn nicht ärgerliche Auftritte entstehen sollen.
Nach einigem Nachdenken sagte der Graf mit ruhiger Fassung: Ich nehme dankbar Ihr Anerbieten an und bitte Sie die Sache so zu leiten, dass der Gräfin die Nähe ihres Bruders wo möglich verschwiegen bleibt. Auch ich hätte gern ein Zusammentreffen vermieden, das nicht erfreulich sein kann; indess auch solche Dinge gehören zu den Bürden des Lebens, die ein Mann muss ertragen können.
Der Prediger gelobte von seiner Seite Verschwiegenheit, doch bemerkte er gegen den Grafen, dass der Baron mit dem alten Lorenz gekommen sei, der um so weniger eine Zusammenkunft, die er eingeleitet habe, verschweigen würde, wenn er wüsste, dass man diess wünsche. Der Graf gab ihm Recht, und Beide wunderten sich darüber, dass der Baron mit dem Alten in einer Vertraulichkeit lebe, die unziemlich genannt werden konnte, da ihn nur niedrige Gründe bestimmt haben konnten, sich einem Trunkenbolde vertraulich zu nähern, von dem er durch Erziehung und Bildung und Gründe aller Art entfernt gehalten werden sollte.
Der Graf kehrte jetzt mit dem Prediger scheinbar ruhig zu der Gesellschaft zurück und sagte, indem er dem ängstlichen Blicke der Gräfin begegnete, mit heiterem Lächeln: Der Herr Prediger hatte mir mancherlei über die Gemeinde mitzuteilen; aber nicht wahr? setzte er hinzu, indem er ihm die Hand bot, wir werden gemeinschaftlich alle Uebel abwenden. Gewiss, antwortete der Pfarer lächelnd, das Schwerste haben Sie ja schon getan.
Die Gräfin, die durch die lange Abwesenheit ihres Gemahls und des Predigers beunruhigt worden war, glaubte nach diesem heiteren, gleichgültigen Gespräch, dass nichts Bedeutendes vorgefallen sein könnte, und wollte sich der Unterhaltung wieder hingeben, aber es war diesen Abend kein Leben in die Gesellschaft zu bringen. Der Graf war innerlich mit der Unterredung beschäftigt, die am folgenden Tage Statt finden sollte. Die Gäste des Grafen Robert waren, von Kummer und Misstrauen gedrückt, zu keiner harmlosen Teilnahme an der Unterhaltung zu bewegen, so dass man zuletzt zu den Karten seine Zuflucht nahm, womit der Prediger besonders zufrieden war.
Da der Baron Lehndorf, sein Freund Werteim und der Prediger die Partie des Obristen Talheim machten, so redete der Pfarrer den Verwundeten oftmals an und nötigte ihn die verabredete kleine Fabel zu wiederholen, dass er nämlich mit dem Pferde gestürzt sei und sich den Arm beschädigt habe, welcher Unfall ihn genötigt, das Vorwort seines Freundes zu benutzen, um die Gastfreundschaft hier in Anspruch zu nehmen, wo er zugleich so glücklich gewesen sei, den Beistand des Herrn Doktors für seinen Arm benutzen zu können. Und davon haben Sie mir nichts gesagt, sagte der Prediger, indem er einen scharfen blick auf den Arzt richtete, der dem Spiele zusah. Der überraschte Freund wurde rot und sprang einen Schritt zurück, drückte dann die Augen zu und sagte, vor Verlegenheit blinzelnd: Es ist eine unbedeutende Beschädigung, es war nicht der Mühe wert darüber zu sprechen.
Der Prediger erwiderte nichts weiter, richtete aber noch einige gleichgültige fragen über das französische Militair an den Baron Lehndorf und seinen Freund, und spielte ruhig seine Partie zu Ende. Nach dem Abendessen nahm er den Arzt am arme und schlug ihm vor, noch eine Pfeife Tabak in seinem Zimmer zu rauchen, welches dieser nicht ablehnen konnte, und so trennte sich die Gesellschaft, weil ein Jeder sich danach sehnte, sich seinen Gedanken ungestört überlassen zu können.
Nachdem der Prediger im Zimmer des Arztes mit grosser Gelassenheit seine Pfeife in Ordnung gebracht, gestopft und angezündet hatte, lud er seinen Freund ein, seinem Beispiel zu folgen, woran dieser noch nicht gedacht hatte, denn ihm war heute die Aussicht, dass der Geistliche noch lange könne bei ihm verweilen wollen, nicht angenehm, weil er sich gern losmachen und seine Pflicht erfüllen wollte; denn die Wunde des Herrn von Werteim musste noch verbunden werden, und er wollte den jungen Mann nur ungern noch länger die Ruhe der Nacht entbehren lassen.
Also, fing der Prediger das Gespräch an, den Rauch aus seiner Pfeife in die Höhe blasend, der Herr von Werteim ist mit dem Pferde gestürzt und dadurch ist er verwundet worden?
Unbedeutend, erwiderte der Arzt, er wird bald hergestellt sein und seine Reise fortsetzen können.
Und nach Warschau will er? fragte der Prediger weiter.
So höre ich, sagte sein ängstlich werdender Freund.
Lieber Doktor Lindbrecht, erwiderte hierauf der Geistliche lächelnd, Sie haben durchaus kein Talent zum Lügen. Das müssen Sie besser lernen, wenn Sie mich hintergehen wollen. Ich will Ihnen jetzt sagen, wie die Sache zusammenhängt. Ihr Kranker ist im Duell mit einem französischen Obristen verwundet worden, der noch übler weggekommen ist, denn an seinem Aufkommen wird gezweifelt, und der Divisions-General hat der Gemahlin des Obristen versprochen, den Mörder desselben auf's Nachdrücklichste zu verfolgen, desswegen tun Sie gut, wenn Sie Ihrem Patienten raten, seine Genesung nicht hier abzuwarten, und Sie müssen den Ruhm ihn herzustellen schon einem Andern überlassen.
Der Arzt betrachtete seinen