Grafen nötigte aufzustehen und sich ihm zu nähern, worauf dieser ein scheinbar gleichgültiges Gespräch anknüpfte, indem er mit dem Grafen durch den Saal ging und dann, wie er glaubte, unbemerkt ihn hinweg nach einem entlegenen Zimmer führte. Als sie diess erreicht hatten, ging der Prediger einige Mal auf und nieder, und der Graf brach endlich das Schweigen, indem er sagte: Sie haben vermutlich etwas zu berichten, das nicht angenehmer natur ist, denn sonst würden Sie, Herr Prediger, nicht so lange mit der Mitteilung zögern.
Wenigstens sonderbar ist es, erwiderte der Geistliche, und ich befürchte, Sie werden von mir glauben, dass ich mich in Ihre Familienangelegenheiten einzumischen suche, und doch konnte ich es, vermöge meines Amtes, nicht ablehnen, da ich ersucht wurde, meine Kräfte anzuwenden, um Frieden zu stiften und wo möglich zu vereinigen, was so lange schon unnatürlich entzweit ist.
Wie verstehe ich das? fragte der Graf mit finstrer Stirn.
Ich will es zugeben, sagte der Geistliche mit so mildem Tone, wie er ihn nur von seiner scharfen stimme erzwingen konnte, dass der Bruder Ihrer Frau Gemahlin Unrecht gegen seine Schwester geübt hat. Er gesteht diess selbst ein mit herzlicher Reue, aber sollen desshalb Geschwister einander ewig zürnen? Beten wir nicht täglich: Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben. Und soll diess ein leeres Wort bleiben, bei dem unsere Herzen nichts empfinden?
Lassen wir das, Herr Prediger, sagte der Graf kurz und finster; ich bitte Sie, diese Seite nie mehr zu berühren.
Der Graf wollte nach diesen Worten zur Gesellschaft zurückkehren, der Prediger aber hielt ihn zurück, und indem er den Ton des Seelsorgers fallen liess, sagte er im Tone des Geschäftsfreundes: Gönnen Sie mir noch einen Augenblick, ich habe meine Pflicht getan, indem ich die Versöhnung der Geschwister versuchte, worauf ich nie gekommen wäre, wenn ich nicht den bestimmten Auftrag dazu hätte.
Und Wer, fragte der Graf, mischt sich in meine Familienangelegenheiten? Wer kann Ihnen einen solchen Auftrag gegeben haben?
Wer anders, erwiderte der Pfarrer lächelnd, als der, dem die Versöhnung am Meisten am Herzen liegt.
Wie, rief der Graf mit Erstaunen, der Baron Schlebach?
Ihr Herr Schwager, ja, versetzte der Pfarrer mit schlauem Lächeln.
Niemals, erwiderte der Graf mit Heftigkeit, darf er auch nur die leiseste Annäherung erwarten; und ich kann die Hartnäckigkeit, mit der er darauf besteht, nicht achten. Ich bitte Sie, ihm diess so deutlich zu machen, dass er es einsehen muss. Wählen Sie dazu Worte, welche Sie wollen, nur befreien Sie mich und seine arme Schwester von einer Zudringlichkeit, die für uns unerträglich ist.
hören Sie mich, sagte ernstaft der Geistliche, den die grosse Heftigkeit des Grafen in Verwunderung setzte. Es ist ganz unmöglich, dass Sie den Baron Schlebach nicht sprechen; Sie würden dadurch Auftritte veranlassen, die Ihnen, wie ich Sie kenne, im höchsten Grade widrig sein würden.
Wie kommen Sie mit diesem Menschen in Verbindung? sagte der Graf noch immer sehr entrüstet. Ohne mein Zutun, erwiderte der Pfarrer. Der alte Lorenz brachte ihn heute zu mir, indem er zu mir mit seiner gewöhnlichen Heuchelei sagte, da ich von Gott dazu bestimmt sei, die Irrenden auf den rechten Weg zu leiten, so habe er dem Herrn Baron geraten, sich an mich zu wenden, damit er den Frieden seiner Seele wieder gewänne und in Eintracht mit seiner Familie leben könne, denn ihm nage es das Herz ab, wenn er sehen müsse, wie seinen verehrten Freund, den Herrn Baron, der Kummer darüber verzehre, dass sich diejenigen, die Gott ihm so nahe gestellt habe, so fern von ihm hielten. Der Baron sprach weniger von Gott zu mir, sondern sagte mir bloss, Herr Lorenz habe ihm versichert, dass ich der Freund Ihres Hauses sei, und da mein Amt es mir zur Pflicht mache, die Gemüter der Menschen zu versöhnen, so werde ich, wie er hoffe, gewiss auf das Bereitwilligste ihm eine Unterredung mit Ihnen auszuwirken suchen, die vielleicht eine Versöhnung zwischen lang getrennten Geschwistern herbeiführen könne, um so mehr, da er bereit sei, jedes Unrecht gegen seine Schwester einzugestehen und sie desshalb um Verzeihung zu bitten. Diess alles wurde sehr höflich gesagt, aber er fügte hinzu: Sagen Sie meinem Schwager, dass ich ihn durchaus sprechen muss, und wenn er eine Unterredung, die ich, wie Sie selbst sehen, mit Vorsicht einleite, nicht bewilligen will, so bin ich entschlossen, nach Schloss Hohental zu gehen, um ihn aufzusuchen, und er kann meinen Anblick nur dann vermeiden, wenn er den nächsten Verwandten seiner Gemahlin mit Gewalt von seiner Schwelle treiben lässt.
Was kann der Mensch von mir wollen? rief der Graf entrüstet, welch neues Unglück will er durch seine Gegenwart hervorrufen?
Bewilligen Sie ihm die Unterredung, sagte der Pfarrer besänftigend. Ich habe ihn gebeten die Nacht bei mir zu bleiben, dann kann er morgen früh hieher kommen, und Sie sprechen ihn erst allein und bestimmen, ob er sich Ihrer Frau Gemahlin nähern soll.
Hieher nicht, rief der Graf noch immer sehr aufgeregt, hierher darf er nicht kommen, die Gräfin darf ihn nicht in ihrer Nähe ahnen. Der unglückliche Frevler, er kennt nicht einmal den Umfang seiner Schuld. Der Graf schwieg plötzlich, denn mitten in seiner Leidenschaftlichkeit bemerkte er den aufmerksam lauernden blick