um die gefälligkeit, diesen Auftrag zu übernehmen, weil es unmöglich sei, sich in einer so ernstaften Sache jemandem zu vertrauen, auf dessen Verschwiegenheit man nicht mit Sicherheit rechnen könne. Der Jüngling bemerkte mit Dankbarkeit das Bestreben seines beschützenden Freundes, eine falsche Meinung seiner Gäste über ihn von ihm abzuwenden, und als er bereitwillig den Auftrag seines Freundes zu vollziehen versprach, überhäufte ihn dieser mit Danksagungen, in die der Verwundete sowohl, als der Baron Lehndorf herzlich einstimmten, und der Jüngling trat nach dem verabredeten Plan sogleich die Reise an.
Mit schmerzlichen Empfindungen hatte sich der junge Werteim aus dem Gesellschaftssaale der Gräfin zurückgezogen. Er fühlte grollend die Kälte, mit welcher der Herr des Hauses ihn behandelte, und konnte sie doch innerlich nicht tadeln, denn mit Beschämung musste er sich gestehen, dass sein früheres Betragen ihn nicht berechtigte, eine liebevolle Aufnahme zu fordern, und indem er gezwungen war, unter so drückenden Verhältnissen Hülfsleistungen in diesem haus zu empfangen, die vielleicht sein Leben erretteten, betrachtete er St. Julien mit Unmut und bemühte sich gewissermassen, einen Verdacht gegen den Grafen in seiner Seele fest zu halten, um sich nur nicht sein Unrecht in seiner ganzen Grösse eingestehen zu müssen. Traurig blickte er also auf den zierlichen Wagen, auf die schönen mutigen Pferde nieder, mit denen eben der Jüngling Gustav abreiste, zum Abschiede noch freundlich hinauf grüssend, worauf ihm Graf Robert noch mit zärtlicher Besorgniss Warnungen zurief, die der junge Mensch lächelnd beantwortete, indem er aus dem zierlichen Kabriolet mit sicherer Hand die edlen Rosse lenkte und wie im Fluge den Hof verliess.
Trübe schlichen die Stunden vorüber, der Herbst war schon weit vorgerückt, feuchte Nebel senkten sich hernieder und die natur bot dem bekümmerten Gemüte keinen Trost, so dass nur gesellige Vereinigung Aufheiterung gewähren konnte. St. Julien kam, um die Freunde zu einer solchen Vereinigung einzuladen. Er machte dem Grafen Robert Vorwürfe, dass er den jungen Gustav hatte abreisen lassen. Wir werden uns ausserdem bald genug trennen müssen, sagte er, Du hättest doch gewiss einen andern finden können, der Deine Aufträge zu erfüllen im stand wäre. Auch die Damen sind böse, dass Du unsern lieben Kapellmeister entfernt hast, und es wird ohne ihn schlecht mit der Musik gehen, und Du, nimm es nicht übel, Du bedarfst ihn am meisten. Er kehrt ja in wenigen Tagen wieder, sagte der Graf lächelnd.
Lieber Freund, erwiderte St. Julien ernstaft, wenn man nur noch wenige Wochen zu leben hat, dann sind einige Tage viel. Du weisst, wir müssen uns bald trennen, und Gott weiss, wohin dann mich das Schicksal führt. Es scheinen sich neue Gewitter im Süden zusammen zu ziehen, und mir blutet das Herz, wenn ich denke, dass wir, die wir hier so glückliche Tage mit einander leben, uns nun trennen und vielleicht niemals wiedersehen, denn wer kann mit Bestimmteit wissen, ob ich aus den Kämpfen, die sich zu entwickeln drohen, lebend wiederkehre.
Der Graf Robert drückte schweigend die Hand des jungen Mannes, indem er liebevoll in die dunkeln Augen blickte, die mit Zärtlichkeit auf ihn gerichtet waren, und der junge Werteim sagte in der übereilten Hoffnung, dass sich vielleicht ein Krieger von Napoleons Sache abtrünnig machen liesse: Wenn Sie Ihre deutschen Freunde so lieben, wie Ihre Worte zeigen, warum verlassen Sie denn nicht die Sache des Weltunterdrückers und ersparen Sich einen Schmerz, den ich natürlich finde, und die späte Reue, zum Verderben der Welt mitgewirkt zu haben?
Beleidigt blickte St. Julien auf, doch die Flamme des Zornes verschwand, als sein Auge auf das bleiche Gesicht des Verwundeten sich richtete, und er erwiderte lächelnd: Es wäre unpassend, wenn ich in diesem Augenblicke Gewicht auf den Ruhm legen wollte, der die französischen Waffen umgiebt, und der allein hinreichend wäre, Frankreichs Krieger an ihren grossen Feldherrn zu fesseln; aber ich frage Sie, Herr von Werteim, wenn ich so glücklich wäre, von Ihnen sehr geliebt zu werden, ob Sie in dieser Neigung, wie mächtig sie auch wäre, einen Grund finden könnten, Ihren König, Ihr Vaterland, Ihre Sache zu verlassen, wenn sich alle Braven um Ihre Fahnen sammeln? Auch denken meine deutschen Freunde zu gut von mir, fuhr er etwas empfindlich fort, als dass sie einen solchen Schritt je auch nur für möglich gehalten hätten.
Ein allgemeines Schweigen folgte auf diese Worte, die nicht dazu dienten die Gemüter einander zu nähern, und der Graf Robert erinnerte endlich, dass es Zeit sei, sich in den Saal zu begeben, wohin ihn alle drei Freunde etwas missmütig begleiteten. Die Hausgenossen waren schon versammelt, und man nahm um so lieber zur Musik seine Zuflucht, da sich ein heiteres Gespräch diesen Abend nicht wollte durchführen lassen, weil Keiner recht mit sich und dem Andern zufrieden war.
Während des ersten Quartetts trat der Prediger ziemlich geräuschvoll in den Saal, und man sah es ihm an, dass er mit Ueberwindung den Schluss der Musik erwartete, weil er etwas auf dem Herzen hatte, das ihm wichtiger als alle Musik der Welt schien, und sein Bestreben, sich dem Grafen zu nähern, war so auffallend, dass selbst Emilie während des Gesanges sich dadurch gestört fühlte und dem Ende zueilte, ohne wie sonst mit innerer Lust alle Kunst des Vortrages zu entfalten und ihr Gefühl in Tönen sich wiegen zu lassen.
Man hatte auch kaum geendigt, als die auffordernde Miene des Geistlichen den