Hitze sein Oheim schon ein Mal war beleidigt worden. Er wollte erst die Unterstützung desselben für den jungen Mann in Anspruch nehmen und ihm dann dessen aus Vaterlandsliebe entstandenen Missgriff bekennen. Im Eifer des Gesprächs aber vergass er diesen Vorsatz und hatte seinen Oheim verlassen, ohne ihm diesen Umstand zu vertrauen.
Zu seinem Freunde zurückgekehrt, fand er bei diesem den grössten Widerwillen sich zu fügen, denn auf der einen Seite hielt ihn Scham und Verlegenheit zurück, sich einer Familie zu zeigen, bei der sein erstes Auftreten keinen vorteilhaften Eindruck konnte zurückgelassen haben, und dann war sein Misstrauen gegen den Grafen, welches er freilich dem Verwandten desselben nicht zeigen durfte, keineswegs gehoben. Endlich musste er einsehen, dass er, da sein böses Schicksal ihn zwang, gerade in diesem haus Gastfreundschaft zu empfangen, wenigstens jetzt die Höflichkeit üben müsste, die sowohl die Sitte, als seine eigene Sicherheit forderte. Er liess es also geschehen, dass der Graf Robert sowohl ihn, als seinen Freund Lehndorf mit Wäsche und Kleidern anständig versorgte, woran bei ihrer übereilten Flucht Keiner gedacht hatte, um dem Grafen und seiner Familie vorgestellt werden zu können. Als sie den Saal in dieser Absicht betraten, fiel es dem jungen Grafen ein, dass er es vergessen habe, seinen Oheim darauf vorzubereiten, dass er in der person des Herrn von Werteim keinen Unbekannten begrüssen würde, und er befürchtete unangenehme Folgen dieser Vergesslichkeit.
Es war nicht zu verkennen, dass ein Schatten von Unmut über das Gesicht des Grafen flog, als sein blick dem des ihm vorgestellten Verwundeten begegnete. Die leise Hoffnung, dass er ihn nicht wieder erkennen würde, verliess den jungen Mann, Verlegenheit und Scham färbten sein Gesicht mit dunkler Röte, und drohten ihn aller Fassung zu berauben.
Der Graf hatte bald das in ihm aufsteigende Gefühl besiegt und sagte höflich, wenn auch mit einiger Kälte: Da ich das Vergnügen habe, Herr von Werteim, Sie bei mir zu sehen, so muss ich glauben, dass Sie Ihre Ansichten über mich, die Sie bei unserm ersten Zusammentreffen so unverholen äusserten, geändert haben, und diese stillschweigende Erklärung ist mir im gegenwärtigen Augenblicke genügend, um jedes Missverständniss zwischen uns aufzuheben. Der junge Mann wollte antworten, aber er strebte vergeblich danach, Worte zu finden, so dass der Graf, mit seiner Verlegenheit Mitleid fühlend, ihn, ohne weitere Antwort zu erwarten, mit seinem Freunde den Damen vorstellte.
Der Gräfin gegenüber, war der Zustand des jungen Mannes ebenfalls peinlich, denn die Erinnerung stieg in ihm auf, wie er dieselben Frauen damals im saal getroffen und sie keines Grusses, kaum eines Blickes wert gehalten habe, als er im Schmerz über das öffentliche Unglück mit zu grosser Rohheit den Grafen als Landesverräter behandelte. Er konnte also nur mit Mühe auf die Teilnahme, die ihm die Gräfin über seinen Unfall bezeigte, einige höfliche Worte antworten und war froh, als sich der Obrist Talheim, der sich ebenfalls in der Gesellschaft befand, seiner bemächtigte und ihn in ein Gespräch über die letzten Gefechte, über die beinah gänzliche Auflösung der preussischen Armee und über den Druck der Franzosen verwickelte.
Der Arzt war von seinen Krankenbesuchen zurückgekommen und man begab sich zur Tafel; aber die Stimmung war nicht so unbefangen, wie gewöhnlich. Die neuen Gäste nahmen nur mit Zurückhaltung an den Gesprächen teil, und des Grafen Höflichkeit war förmlicher und kälter, als man es an ihm gewohnt war. St. Julien hatte sich mit unbefangener Heiterkeit der Gesellschaft angeschlossen, aber die beiden Freunde des jungen Grafen würden es wie einen Verrat an ihrer heiligen Sache betrachtet haben, wenn sie den Scherz eines Franzosen belächelt hätten, wenn auch ihr Herz nicht von so frischen Wunden geblutet hätte, wie diess nach der Entführung der Schwester und Braut der Fall war. Es zog sich also bald nach aufgehobener Tafel Jedermann zurück, und der Graf erkundigte sich bei dem arzt, ob er es für möglich halte, dass der junge Werteim seine beabsichtigte Reise fortsetze.
Da der Arzt sah, dass der Graf im geheimnis sei, so gestand er offen, der junge Mann müsse wenigstens zwei Tage ruhen, wenn die Wunde sich nicht auf's Neue heftig entzünden solle, in welchem Falle der Kranke in Gefahr sei, den Arm zu verlieren. Der Graf richtete seinen Plan demgemäss ein und liess seinen Vetter zu sich bitten. Es wurde nun beschlossen, dass der junge Gustav noch diesen Nachmittag mit einem leichten Jagdwagen und zwei guten Pferden aus dem Stalle des Grafen unter dem Vorwande abreisen solle, dass der Graf Robert diese leichte Equipage als ein Geschenk für seine Schwestern nach seinem Gute sende. Der junge Mensch sollte aber statt dortin zwei Poststationen nach Warschau machen und dort in einer Schenke die Ankunft der Reisenden erwarten, denen er Wagen und Pferde zu ihrem Fortkommen zu überlassen habe. Er selbst solle denn ein Reitpferd einhandeln und damit zurückkehren. Die Reisenden sollten öffentlich auf dem Wege nach Warschau von Schloss Hohental abreisen und von der bezeichneten Station ab ihren Weg nach Berlin, oder wohin sie sonst wollten, richten, und man hoffte durch diese Einrichtung sowohl die Verfolger irre zu führen, als auch den Verdacht des Beistandes und der Mitwissenschaft von den Bewohnern von Hohental abzulenken. Der Graf Robert teilte seinen Freunden den entworfenen Plan mit, die, damit zufrieden, dankbar die Fürsorge des Freundes erkannten, nur hätten sie gewünscht, sogleich abreisen zu können; die Verzögerung zweier Tage schien ihnen peinvoll. Der Graf Robert bat den jungen Gustav in Gegenwart seiner Gäste