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alle andern vernachlässigte und eben dadurch beleidigte. Doch gab sich diese unangenehme Stimmung der Nachbaren selten entschieden zu erkennen, denn da von Zeit zu Zeit jeder seiner ausschliesslichen Aufmerksamkeit sich zu erfreuen hatte, so wurden sie abwechselnd versöhnt und beleidigt; nur allein mit dem Pfarrer stand er ohne Unterbrechung in einem gespannten verhältnis, denn da der Fall nie eintrat, dass dieser in Gesellschaft dem Baron als der Reichste, der Vornehmste, der Klügste oder der Gebildetste erschien, so wurde er alsdann jedesmal gänzlich von ihm übersehen, und er war nur höflich gegen ihn, wenn er mit ihm allein war, wodurch der Pfarrer, indem er es ihm als Hochmut auslegte, sich im Inneren sehr beleidigt fühlte. Seine Empfindlichkeit pflegte er dann durch kurze, mit einer auffallenden Bitterkeit gegebene Antworten auszudrücken, so oft der Baron ihn anredete; dieser dagegen setzte seiner schnöden Bitterkeit dann wieder eine so kalte Höflichkeit entgegen, dass sie den Pfarrer jedesmal aufs Neue beleidigte, und so erhielt sich in Beiden seit vielen Jahren diese Stimmung. Der Baron glaubte es als einen Verstoss gegen die Höflichkeit betrachten zu müssen, wenn er im Beisein der Gräfin über die Grenzstreitigkeit sprechen wollte, und doch war es leicht zu bemerken, dass dies Geschäft ihm am Herzen lag und ein Hauptgrund seines Besuches war. Der Graf befreite ihn von der Qual, die er sich auferlegt hatte, darüber zu schweigen, indem er selbst das Gespräch darauf lenkte. Nachdem nun Jeder seine Rechte eine Zeitlang verteidigt hatte, sagte der Graf: wir wurden neulich davon abgehalten, den ganzen teil des Waldes zu durchreiten, über den wir streiten, ich werde beim ersten schönen Wetter den Ritt noch einmal unternehmen, Alles selbst betrachten, und können wir auch dann nicht einig werden, so denke ich, sollten wir die Sache Schiedsrichtern anvertrauen. Mit dieser Anordnung musste der Baron zufrieden sein, denn es liess sich nichts Vernünftiges dagegen einwenden, und dennoch hätte er es lieber gesehen, mit dem Grafen allein zu unterhandeln. Man trennte sich freundschaftlich nach dieser Verabredung, und der Graf versprach, sehr bald dem Baron seine Vorschläge mitzuteilen.

In der Tat lag dem Grafen daran, eine Streitigkeit, die zu Spannungen Anlass geben konnte, sobald als möglich zu beendigen. Er ritt also an einem schönen Wintermorgen, begleitet von seinem Förster, nach der Gegend des Waldes hin; er bemerkte, indem er die Grenzen umritt, dass der Baron in der Tat den Anspruch, den er machte, nicht begründen könne, dass aber für ihn selbst der Verlust nicht bedeutend sein würde, wenn er sich um des nachbarlichen Friedens Willen zur Abtretung eines Teiles von dem, was der Baron forderte, verstände, und, indem er bei der Stelle wieder vorbei kam, wo Beide den Verwundeten gefunden hatten, beschloss er, dem Baron die Hälfte dessen freiwillig anzubieten, was er schwerlich durch einen Rechtsspruch gewinnen konnte, und dann die Grenze zwischen beiden Besitzungen durch diess schöne Tal zu führen. Erfrischt, gestärkt durch den schönen Wintertag, unter dem heitern blauen Himmel, fühlte der Graf überhaupt mehr die Geringfügigkeit ihres Streites, als im geheizten Zimmer, in einem beschränkten raum, und machte für sich selbst die Bemerkung, dass die Menschen überhaupt eigennütziger und eigensinniger in ihren Häusern als unter freiem Himmel sind.

Beschäftigt mit diesen Betrachtungen, näherte er sich dem dorf und dem Wohnhause des Pfarrers; es fiel ihm ein, denselben zum Vermittler in dieser kleinen Streitigkeit zu wählen und vielleicht dadurch eine Veranlassung zu finden, ihn auch in wichtigeren Fällen zu benutzen. Er hielt vor der wohnung des Geistlichen an, bei dem längst Mittag vorüber war, und gab sein Pferd dem Reitknechte, der ihn begleitet hatte, indem er zugleich dem Förster nach haus zu reiten erlaubte. Als er die niedrige Pforte des Raumes öffnete, der das Haus zugleich als Hof und Garten umschloss, sprangen ihm mehrere Hunde von verschiedener Grösse bellend entgegen, die von mehreren Kindern verschiedenen Alters, die im hof spielten, augenblicklich zur Ruhe gebracht wurden; einige ältere Knaben sprangen eiligst in das Haus, um die Ankunft des Fremden zu melden, die jüngern Kinder stellten ihre Schlittenfahrten auf dem hof ein, um den Fremden und seine Pferde zu betrachten; der Pfarrer, der den Grafen vom Fenster aus bemerkt hatte, kam ihm an der Tür des Hauses so höflich und freundlich entgegen, dass man es ihm ansah, er erwarte etwas Ungewöhnliches von diesem Besuche. Als der Graf nach den ersten Begrüssungen das Zimmer betrat, bemerkte er den Schulzen des Dorfes, der sich vor dem gnädigen Herren, so tief er vermochte, bückte. Nu, lebe Er wohl, mein Freund, sagte der Pfarrer zu dem Landmanne, komme Er morgen wieder, Er sieht, ich habe heute keine Zeit mehr. Der Schulze bückte sich, indem er sich zugleich mit der linken Hand im kopf krazte, und blieb zögernd an der tür stehen.

Wenn der Mann ein Anliegen an Sie hat, Herr Pfarrer, sagte der Graf, so bitte ich, lassen Sie sich durch meine Gegenwart nicht stören. Wenn mir der Herr Graf denn erlauben wollen, sagte der Geistliche sehr freundlich, und indess die Güte haben wollen, Platz zu nehmen; er machte eine einladende Bewegung nach dem Sopha hin, und schob mit dem fuss zugleich hölzerne Pferde, Schubkarren und anderes Spielzeug seiner Kinder aus dem Wege, das auf dem Boden zerstreut lag. Der Graf stieg über ein aufgestelltes Kegelspiel hinweg, um sich in der Ecke des