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erschienen, ein seltsamer Anblick. Meine Schwester stand vor uns in reizender Blüte der Jugend und Schönheit, geschmückt mit allem Tand, den die Mode fordert, um auf einem Balle zu glänzen. Ein Schrei des Schrekkens entfuhr dem unglücklichen geschöpf, so wie sie uns erblickte, und meine schwache Mutter suchte ihre Verlegenheit zu überwinden, um die nötige Auskunft zu geben; so erfuhren wir, ein Ball, den der Obrist gebe, sei die Veranlassung des festlichen Putzes. Die deutsche Frau des französischen Kriegers habe die Einwilligung meiner Mutter erbeten, die ihrer armen einsamen Tochter doch auch nicht harterzig jede Lust des Lebens habe verweigern wollen. Und als ich fragte, Wer denn den Tand bezahlt habe, der meine Schwester umflatterte, erfuhr ich, dass dieser der Frau Obristin gehöre, die meine Schwester so lieb gewonnen habe, dass sie Alles mit ihr zu teilen wünsche. Sie können wohl denken, wie tief ich die zehnfache schmähliche Erniedrigung empfand, dass meine entartete Schwester bereit war, mit den Feinden ihres Vaterlandes im Tanze sich zu vereinigen, gegen die ihr Bruder und ihr Bräutigam jeden Augenblick mit Freuden gekämpft haben würden, auch den letzten Tropfen ihres Herzblutes nicht sparend, um sie von der Erde zu vertilgen, und dass die Tochter eines Edelmannes sich nicht schämte, um diess zu können, den nichtigen Putz aus den Händen derselben Feinde zu empfangen, die ihr Vaterland zertreten und beraubt hatten, um nun mit diesem Raube eine prahlerische, entehrende Grossmut zu üben. Ich sagte meiner Mutter und Schwester alles, was mein empörtes Gemüt mir eingab, und nur meinem Freunde gelang es mich zu besänftigen, indem er um Schonung für die Geliebte bat. Es versteht sich, dass aller Putz sogleich zurückgesendet werden musste, und meine unvermutete Ankunft diente als Entschuldigung dafür, dass meine leichtsinnige Schwester nicht auf dem Balle erschien. Aber ich hatte die Kränkung zu erfahren, dass es nicht das erste Mal war, dass meine Mutter und Schwester sich geneigt gezeigt hatten, solchen Einladungen zu folgen, und ich musste erfahren, dass letztere auf früheren Bällen, ungestört durch einen mürrischen Bruder, hatte glänzen und Beifall gewinnen können. Mit scheinbarer Demut hatte sie meine heftigen Verweise hingenommen; sie war blass und still. Ich verbot allen Umgang mit den Franzosen auf's Strengste und glaubte, dass mir pünktlich Folge geleistet werden würde. Gegen meinen Freund verhielt sie sich leidend und liess sich seine Zärtlichkeit eben nur gefallen, und er machte mir Vorwürfe, indem er behauptete, meine heftige Art zu tadeln habe einen tiefen, schmerzlichen Eindruck auf das zarte Gemüt meiner liebenswürdigen Schwester gemacht. Auch die Mutter meinte, so gar gross könne das versehen nicht sein, da ja ihre Tochter nicht die einzige deutsche Dame sei, die auf den Bällen des Obristen getanzt habe. Da ich Mutter und Schwester nach wenigen Tagen wieder verlassen musste, um noch unausgeführte Aufträge zum Besten unserer Verbindung zu besorgen, so liess ich mich, im Vorgefühle der nahen abermaligen Trennung, leichter versöhnen, und der Friede in unserer kleinen Familie war hergestellt. Als ich nach wenigen Tagen mit meinem Freunde von Neuem abreisen musste, forderte ich von meiner Schwester das Versprechen, sich während unserer Abwesenheit fern von den Feinden des Vaterlandes zu halten und keiner leichtsinnigen Lust nachzugeben. Sie reichte mir ohne zu antworten die Hand, indem ihre Augen von Tränen überflossen. Ich hielt das für ein feierliches Versprechen, und nachdem ich meiner Mutter meine Wünsche ernstlich an's Herz gelegt, reiste ich mit meinem Freunde ruhig dahin, wohin unsere Bestimmung uns führte. Wir fühlten uns beide unbehaglich in der Ferne, mein Freund in dem Verlangen, das Gemüt meiner Schwester wieder völlig mit sich auszusöhnen, denn ihm schien es, als ob meine Strenge ihre Liebe zu ihm vermindert habe, und ich, weil ein dunkles Gefühl mir sagte, dass diese Schwester einer anderen Aufsicht, als der einer zu schwachen Mutter, bedürfe. Wir eilten also beide nach wenigen Wochen zurück, wenn auch mit manchen Sorgen im Herzen, doch ohne Ahnung des Jammers, der uns erwartete. Wir fanden die Mutter allein, verzweifelnd, dem tod nah, die Schwester war verschwunden. Als unsere starre Verzweiflung so weit nachliess, dass wir nach den näheren Umständen fragen konnten, erfuhren wir, den Tag nach unserer Abreise habe der Bruder des Obristen ebenfalls die Stadt verlassen, um nach Paris und von dort zu einem Regimente an der spanischen Gränze zu gehen; in der folgenden Nacht sei meine Schwester verschwunden. Ein zurückgelassener Brief an die Mutter erklärte mit all den Redensarten, die jetzt so häufig gemissbraucht werden, sie sei durch eine unwiderstehliche leidenschaft zu diesem Schritte gezwungen worden. Ein Kästchen, worin sie manche Kleinigkeiten aufhob, war vermutlich im Drange dieser leidenschaft vergessen worden, denn darin fanden sich mehrere Briefe, die den Gegenstand ihrer Neigung bezeichneten, dem die Unglückliche das Glück des Lebens, die Ehre ihrer Familie und das Herz des edelsten Mannes geopfert hatte. Es war niemand anders als der Bruder des Obristen, und einige deutsche Billets von der Hand der Frau oder Geliebten des Obristen belehrten uns, dass sie das Ganze geleitet hatte.

Mit diesen Briefen in der Hand liessen wir uns beim Obristen melden. Wir wollten von ihm den Weg erfahren, den sein Bruder genommen, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen und die Unglückliche ihrem Verderben zu entreissen. Er wollte die Sache leicht französisch nehmen und gab ausweichende Antworten. Als mein Freund heftig und dringend wurde, sagte er lachend